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Dokumentarfilm über Syrien : Von Tellern und Raketen

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Es gab eine Zeit, in der ein Waffenstillstand in Syrien noch möglich schien und die Flucht nach Libanon weit genug. Heute ist das kaum noch denkbar. Bild: Mec Film

Am meisten vermissen sie das Sofa, den Bäcker, das Souvenir aus Madrid: Der Film „Haunted“ von Liwaa Yazji erzählt die Geschichte des syrischen Krieges so, wie man sie noch nicht gehört hat.

          Ein Teller aus Madrid aus dem Jahr 1978, ein Touristensouvenir ohne anderen als sentimentalen Wert – das ist der Gegenstand, den eine geflüchtete Frau aus Damaskus besonders vermisst. Der ganze bürgerliche Hausrat, den sie zurücklassen musste, steht für ein Leben in gesicherten Verhältnissen. Der Teller steht für Reisefreiheit, für eine offene Welt, also für all das, was so viele Menschen im syrischen Bürgerkrieg verloren haben.

          Die Filmemacherin Liwaa Yazji hat schon 2011 begonnen, Zeugnisse einer großen Vertreibung und Flucht zu sammeln. In „Haunted“ („Maskoon“) hat sie das nun alles zusammengefasst, in dem Dokument eines Exils, von dem die europäischen Länder so lange wie möglich nicht allzu viel wissen wollten. Denn zuerst einmal gingen die Menschen nicht nach Deutschland oder Schweden. Beirut, Kuweit, Amman, das sind die Koordinaten, in denen sich auch Liwaa Yazji bewegt hat. Der Aufbruch aus Wohnungen, in denen jederzeit eine Panzergranate einschlagen konnte, galt zuerst einmal nahen Zielen, und die Rede von Rückkehr und Wiederaufbau ist allgegenwärtig.

          „Wird die Straße offen sein?“

          Das mag aus heutiger Sicht überraschend wirken, da wir uns daran gewöhnt haben, den Krieg in Syrien als beinahe schon apokalyptisch, jedenfalls aber als mehr oder weniger aussichtslos zu betrachten. Gerade das macht „Haunted“ aber so besonders interessant: Er führt uns an Orte und zu Momenten, die hinter dem großen Menetekel Aleppo liegen. In eine Situation, in der es noch einen Sinn hatte, so lange wie möglich auszuharren, denn ein Waffenstillstand war denkbar, jedenfalls in Damaskus. Auf einzelne Straßen kam es dabei an, sie bildeten Demarkationslinien. Im Viertel Barzeh schlugen an einem Tag 15 Raketen ein, in Mazzeh wähnte man sich noch sicher. Ein nicht geringer Teil von „Haunted“ besteht aus Gesprächen, die über Videotelefon geführt wurden: verwischte Bilder von Paaren, die noch nicht das Weite gesucht haben, und für die sich schließlich alles auf eine entscheidende, bange Frage reduziert: „Wird die Straße offen sein?“

          An einer genauen, differenzierten Darstellung der Konstellationen in Syrien ist Liwaa Yazji dabei nicht gelegen. Zwar weiß man im Wesentlichen, woher die Granaten kommen, und die fundamentalistische Opposition gegen Assads Herrschaft spielt in diesem Film keine Rolle. Aber es geht in den Gesprächen nicht um eine Positionierung in einer zunehmend hoffnungslos zerklüfteten politischen Landschaft, sondern es geht um elementare Erfahrungen: Wie geht man damit um, dass man keinen Ort mehr hat? Es sind die banalen Dinge, die immer wieder genannt werden, die am meisten vermisst werden: das Sofa, auf das sich einer immer zum ziellosen Nachdenken zurückgezogen hat; eine Toilette, auf der man in Ruhe gelassen wird; der Gang zu einem Bäcker, der täglich Croissants im Angebot hatte.

          Ganz normale Aspekte von Behausung und Verortung sind unwiederbringlich verlorengegangen und werden durch Recherchen auf Youtube ersetzt. Hier finden sich die Videos, in denen die Flüchtlinge ihre Häuser suchen, wenn wieder einmal jemand mit einer Handykamera eine Ruinenlandschaft durchstreift hat. Darin erkennt ein Mann, der nun in Beirut ist, sein ehemaliges Viertel wieder. Beirut erweist sich dabei als eine Zuflucht, die wenig Mut macht: „Hier riecht man immer noch den Bürgerkrieg“, heißt es einmal. Der Libanon hat genügend politische Probleme, die Zuwanderer aus Syrien müssen zum Teil in einem ehemaligen Gefängnis untergebracht werden. So überlagern sich in „Haunted“ die Erfahrungen von Generationen: Ist das jetzt schlimmer als die Nakba, die Vertreibung vieler Palästinenser im Jahr 1948? Ja, meint einer, denn damals entstanden wenigstens Strukturen, mit denen man sich auseinandersetzen konnte. Nun aber herrscht Chaos und Improvisation, man lebt auf und in Ruinen. Der Film „Haunted“ zeigt auf eindringliche Weise, dass die Flüchtlingskrise nicht vor den Toren Europas begann, sondern in den zerstörten Wohnzimmern von Damaskus und Aleppo.

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