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Veröffentlicht: 16.02.2017, 06:57 Uhr

„Fences“ im Kino Szenen zwischen Zäunen

Ein Familienschicksal als Brennglas bitterer historischer Erfahrungen der Schwarzen in den Vereinigten Staaten: „Fences“ von Denzel Washington im Kino.

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© AP Die Gegend, wo man wohnt, mag trist sein, aber wie man damit umgeht, kann man selbst bestimmen: Denzel Washington und Viola Davis in „Fences“.

Theaterstücke zu verfilmen ist zwar eine alte, aber nicht die beste Tradition des Kinos. Denn meistens bleibt gerade das, was der Film kann und das Theater eben nicht, dabei auf der Strecke: die Öffnung des Blicks in eine Welt außerhalb der Figuren, die auch ohne sie existiert, von ihnen nicht unbedingt beeinflusst ist, sondern ihr eigenes Recht behauptet. Theaterverfilmungen reduzieren den Blick nach innen, was nur selten auf eine Weise gelingt, dass wir wirklich hinschauen wollen. Denn nur in Ausnahmefällen kann der Film Figuren auf eng begrenztem Raum allein durch Sprache und Körpersprache und Interaktion so plastisch werden lassen, wie es im Theater möglich ist.

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Ein solcher Ausnahmefall ist der Film „Fences“ von Denzel Washington. Das Theaterstück, das ihm zugrunde liegt, stammt von August Wilson. Es wurde 1985 uraufgeführt und am Broadway vor einigen Jahren mit Denzel Washington und Viola Davis in den Hauptrollen wiederaufgenommen. Die beiden spielen auch im Film das Ehepaar Troy und Rose, das seit mehr als zwanzig Jahren verheiratet ist, gemeinsam einen sechzehnjährigen Sohn hat und sich in bescheidenen Verhältnissen eingerichtet hat. Troy arbeitet bei der Müllabfuhr und kämpft darum, als Fahrer eingesetzt zu werden. Es ist 1957, die Rassentrennung bröckelt langsam, die Bürgerrechtsbewegung formiert sich, was in ihrem Sohn Cory (Jovan Adepo) Hoffnungen auf die Aufnahme ins College schürt, die Troy aber wieder zerstört, sei es aus Eifersucht oder Fürsorge oder einer Mischung aus beidem, jedenfalls ist es eine Tragödie für Cory.

Für den amerikanischen Traum nicht vorgesehen

Am Anfang des Films, wenn im Hintergrund kulissenhaft eine Stadtlandschaft schimmert, beginnt Troy zu reden, und bis er am Ende beerdigt wird, hört er nicht mehr damit auf. Er erzählt, was er bei der Arbeit erlebt und wie er seine Wochenenden verbringt. Er erzählt, was in seinem Leben früher geschehen ist und wie er sich verändert hat. Er erzählt von den Baumwollpflückern in seiner Familie und von seinem Vater, vor dem er Reißaus genommen hat, als dieser sich an seine Freundin heranmachte, und er erzählt, wie er seine Frau Rose getroffen hat und warum er sie liebt und welchen Prinzipien eine gute Ehe folgen sollte, wie er seinen Sohn erzieht und warum er selbst es nicht zum Baseball-Star gebracht hat, obwohl Talent reichlich vorhanden war. Nicht alles, was er erzählt, ist völlig wahr, und Wesentliches verschweigt er auch. Nach dem dritten Bier beginnt er, den Folksong Old Blue von dem Hund Blue zu rezitieren, und fällt dabei in einen warmen Singsang, denn es handelt sich um ein altes Lied, das traurig endet: „Blue is where the good dogs go“.

© AP, Paramount Pictures Kinotrailer: „Fences“

Als Erster hört ihm sein Kollege und Freund Bono (Stephen McKinley Henderson) zu, der einige der Geschichten fraglos bereits kennt, dann Rose, die ihrerseits zu erzählen beginn, wenn auch nicht mit der Autorität und Selbstermächtigung ihres Mannes, schließlich Cory und Lyons (Russell Hornsby), ein weiterer, längst erwachsener Sohn aus einer früheren Ehe, der Musiker ist und am Zahltag von Troy gern zu Hause vorbeischaut, um sich Geld zu leihen. Und während ununterbrochen geredet wird und auch noch Troys im Krieg hirnlos geschossener Bruder vorbeischaut und ein bisschen Chaos stiftet, dauert es nicht lange, bis die Welt, die auf einen kleinen Ausschnitt von Garten und Treppe zum Haus und einem Stück Straße begrenzt ist, allein in Sprache Gestalt annimmt. Und vor uns eine uramerikanische Familie steht, wie wir sie aus einem anderen Theaterstück kennen, das ebenfalls verfilmt wurde, Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Der amerikanische Traum, wie es immer heißt, scheitert an beiden. An Troys Familie auch, weil er von vornherein für sie nicht vorgesehen war.

Der Zustand der Welt auf kleinem Raum

Es geht vieles schief in dieser Familie, was vor allem mit Troy zu tun hat, der eine Vorstellung von Männlichkeit lebt, die schon Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts obsolet war. Es geht auch vieles schief, weil Amerika für seine schwarzen Bürger keine wirklichen Chancen bereithielt. Es geht auch vieles schief, weil das Leben eben oft dazwischenkommt, wenn es hätte besser werden können. Das Leben in Form von Dummheit, Eitelkeit oder Lüge.

Viola Davis spielt Rose auf eine Weise, dass wir sehen können, wo die Zumutungen Troys sich in ihr abgelagert haben. Denzel Washington wiederum zeigt in seiner Darstellung von Troy, wie sich langsam die Erkenntnis Bahn bricht, er trage in allen Umständen an den Rissen zwischen ihnen auch eine Schuld. Das ist genug für einen Film, der zwischen Zäunen spielt und auf diesem kleinen Raum vom Zustand der Welt erzählt, in dem diese Figuren um ihr Leben kämpfen.

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