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Film „Die Stadt als Beute“ : Gut für ein schlechtes Gewissen geeignet

Bild: wilckefilms

Das geschieht mit dem Bauen in Berlin: Andreas Wilckes Film „Die Stadt als Beute“ dokumentiert und denunziert die Gentrifizierung ganzer Viertel. Der zum Teil exzessive Widerstand dagegen bleibt ausgeblendet.

          Das liebe ich an Berlin: die Vielfalt. Ihr habt alles.“ Eine mittelalte Dame schlendert durch die Stadt, um sie herum ein buntes Treiben junger Menschen. Sie ist auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten auf dem Berliner Immobilienmarkt, als einzige Charakterisierung ist ihr neben dem Namen die Bezeichnung „Millionenerbin“ beigegeben. Das ist typisch für die erzählerische Strategie, die Andreas Wilcke in seinem Debütdokumentarfilm vornimmt. Über die Persönlichkeit der Dame erfahren wir nichts, nur über ihr Ziel. Das besteht im Nutzen von Gelegenheiten. Eine Pelzjacke, deren Wert sie auf 1800 Euro schätzt, hat sie kürzlich gebraucht für fünfzehn erstanden. Nun kauft sie sich auf dem Flohmarkt ein buntes Tuch dazu, weil ihr der Pelz zu dunkel ist. Aber ihn liegenzulassen wäre ihr nicht eingefallen. Dass ihre Absicht, günstig zu erstehende Mietshäuser aufzukaufen und umzubauen, jene Vielfalt beenden würde, die sie preist, auch nicht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Kurz danach stehen wir im Badezimmer der Berliner Mietwohnung einer anderen, ähnlich alten Dame. Das Fenster ist von außen vermauert. Das sei geschehen, als sie einen Tag lang weg gewesen sei. Wilckes Kamera folgt der Mieterin in die benachbarte Küche: auch dort eine Wand vor dem Fenster. Der Vermieter habe ihr empfohlen, zur Entlüftung von Küche und Bad die Wände mit einem Rohr zu durchbrechen, das ins Schlafzimmer führen sollte. Dort gibt es noch ein Fenster ins Freie. So sieht ein Mittel der Entmietung aus, mittels derer noch bewohnte, aber verkaufte Häuser frei gemacht werden sollen für Umbau und teurere Neuvermietung.

          Raubtiere des Immobiliengeschäfts

          Vier Jahre lang, von 2010 bis 2014, hat Andreas Wilcke einen Kampf um Berlin dokumentiert, dessen Ausgang allen Beteiligten klar zu sein scheint. Das noch aus Teilungszeiten resultierende niedrige Immobilienpreisniveau in der deutschen Hauptstadt lockt seit einem Jahrzehnt Investoren aus der ganzen Welt an, die nirgendwo sonst in einer westeuropäischen Metropole ähnlich günstig Objekte kaufen können. Und nirgendwo sonst in einer solchen Stadt können Mieter - immer noch - ähnlich günstig wohnen. Beides aber ändert sich angesichts der internationalen Attraktivität Berlins. Häuser und Wohnungen werden teurer, für Kaufinteressenten wie Mieter. Erstere werden diesen Kampf, für den sich der Begriff „Gentrifizierung“ etabliert hat, gewinnen, denn sie sind eben „Millionenerbinnen“. Oder aus Wilckes Perspektive Raubtiere des Immobiliengeschäfts. Für den Titel seines Films bediente sich der Dokumentarist bei einem Berliner Theaterabend von René Pollesch aus dem Jahr 2001, der auch schon Stadtentwicklung im Zeichen des Kommerzes inszenierte: „Die Stadt als Beute“.

          Die damit angesprochene Polarisierung ist Wilckes ästhetisches Programm und ein Problem: Mieter sind in seinem Film ausschließlich hilflose Opfer. Auf dem emotionalen Höhepunkt steht eine Frau im Rathaus Schöneberg und schreit die Zuhörer einer Diskussionsrunde mit Vertretern der im Senat vertretenen Parteien an. Zweimal habe sie in den vergangenen Jahren ihre Wohnung bereits verlassen und nun zwei Stunden lang „das Gelaber“ anhören müssen. Als sie nach ihrem Ausbruch den Saal verlässt, brüllt sie nur noch „Scheiß-Bonzen“.

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