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„Der junge Karl Marx“ im Kino : Mal eben einen Brandsatz gebastelt

Nach durchzechter Nacht entwickeln sie mal eben philosophische Brandsätze: August Diehl als Karl Marx und Stefan Konarske als Friedrich Engels in Raoul Pecks Kinofilm. Bild: Neue Visionen Filmverleih

In „Der junge Karl Marx“ spielt August Diehl den Titelhelden als flamboyanten und arroganten Mann. Dabei ist der wirkungsmächtige Denker alles andere als ein brauchbarer Kinoheld.

          Es ist keine schlechte Idee, einen Film über den jungen Marx mit einer Szene zu beginnen, in der Menschen in abgerissener Kleidung im Wald Holz sammeln, bis die berittene Obrigkeit auftaucht und sie jagt. So gewinnt ein früher Artikel Marx’ aus der „Rheinischen Zeitung“ von 1842, „Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz“, soziale Anschaulichkeit. Leider folgen dann nicht mehr allzu viele überzeugende Ideen in Raoul Pecks internationaler Koproduktion „Der junge Karl Marx“, die schon vor dem absehbaren großen Auftrieb zum 200. Geburtstag im Mai 2018 ins Kino kommt.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass der Mann, der „Das Kapital“ schrieb und als Erster die destruktive Dynamik des Kapitalismus erkannte, der alle bisherige Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen definierte, dass dieser produktive und wirkungsmächtige Denker alles andere als ein brauchbarer Kinoheld ist, scheint Peck nie in den Sinn gekommen zu sein. Was umso erstaunlicher ist, als der Regisseur gerade noch auf der Berlinale die Dokumentation „I Am Not Your Negro“ über den großen afroamerikanischen Schriftsteller James Baldwin gezeigt hat, die all das politische und ästhetische Gespür hat, das dem Marx-Film abgeht.

          Eine Mischung aus Erstaunen und Amüsement

          Marx, den August Diehl als flamboyanten und arroganten Mann mit Zylinder und ständigen Geldnöten spielt, springt mal ins Bett mit Ehefrau Jenny, schreibt dann schnell die „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ fertig, sympathisiert kurz mit Proudhons „Philosophie des Elends“, um ihn dann mit seinem „Elend der Philosophie“ wegzufegen, ohne dass jemandem, der das nicht gelesen hat, klarwürde, warum. Als Marx Friedrich Engels (Stefan Konarske) trifft, sieht das zunächst nicht nach dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft aus. Engels ist eher der lockere Typ, Fabrikantensohn und Bonvivant, der mit einer vom Vater gefeuerten Arbeiterin und deren Schwester zur Ménage à trois zusammenfindet. Aber Marx-Engels raufen sich schließlich zusammen und entwickeln nach durchzechter Nacht mal eben philosophische Brandsätze und schließlich das „Kommunistische Manifest“.

          Die berühmten Thesen und Zitate, die zwischendurch vorgetragen werden, wirken in dem dekorativen Historienfilmsetting bald auch wie besonders schöne Stücke aus der Requisitenkammer, die zu Zylinder, Gehrock und alten Möbeln passen. Man sieht sich das Ganze mit einer Mischung aus Erstaunen und Amüsement an. Voller Erstaunen darüber, wie leicht dieses biedere Kostümfilmformat einer Theorie den Zahn zieht, die „zur materiellen Gewalt wird, sobald sie die Massen ergreift“; und mit Amüsement, das auch schon mal in Verärgerung umkippen kann, weil in dieser Diktion selbst bahnbrechende Einsichten in Marx’ kraftvoller Prosa tendenziell trivial klingen. Wenn Marx Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt hat, dann stellt dieser Film Marx ins Museum statt in die Debatten der Gegenwart, wo man sich längst schon wieder auf ihn bezieht.

          Quelle: F.A.S.

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