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Film Der alte Nazi in seinem eigenen Reich

21.11.2007 ·  Länger als fünfzig Jahre lebt der ehemalige SS-Obersturmführer Paul Hafner schon in Madrid. Der Österreicher Günter Schwaiger hat ein Filmporträt über ihn gedreht, das in einem erstaunlichen Duell endet.

Von Paul Ingendaay, Madrid
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Wir sehen, wie ein alter Mann aus dem Bett steigt, sich anzieht und es mit dem Tag aufnimmt: Seine Krawatten hängen geknotet und mit angesteckter Krawattennadel im Schrank. Wir sehen, wie er in der Küche Früchte schneidet. Es sei so leicht, sich billig und obendrein gesund zu ernähren, sagt der Mann. Stolz zeigt er die Joghurtmaschine, die er vor Jahrzehnten entwickelt und von deren Verkauf er ordentlich gelebt hat. Der alte Herr ist Systematiker, er gibt sich Regeln und achtet auf Rituale. Später sehen wir, wie er im Wohnzimmer den CD-Spieler anstellt, die Arme schwingt und mit kräftiger Stimme mitsingt: „Deutschland, Deutschland über alles“.

Seit mehr als fünfzig Jahren wohnt der ehemalige SS-Obersturmführer Paul Hafner in Madrid. Wie so manche, die dieselbe Uniform trugen, fand er in Francos Spanien ein williges Gastland. Seine Wohnung im Madrider Norden ist einen Steinwurf von der deutschen Schule, der deutschen Buchhandlung und der deutschen Kneipe entfernt. Was er zwischen 1941 und 1945 genau gemacht hat, davon spricht er nicht oder nur in ummantelnden Floskeln, vermutlich aus Kalkül, denn eigentlich, so ist zu spüren, würde er es gern; sein Gewissen hält er für rein. Am Ende von Günter Schwaigers beeindruckendem Film „Hafner's Paradise“ wissen wir, dass der Protagonist diese Jahre noch immer als ruhmreiche Zeit empfindet. Unverblümt sagt er, Hitler sei „der vernünftigste Mensch der Weltgeschichte“ gewesen und der Holocaust nichts als Propaganda. Müssen wir uns das noch einmal anhören?

Über die eigenen Motive im Klaren

Die Vorstellung einer objektiven Erzählform, auch im Dokumentarfilm, wäre irreführend. Schwaigers Film „dokumentiert“ nicht, sondern gestaltet, erfindet, erkennt. Wer einen immer noch überzeugten Nationalsozialisten vor die Kamera holt und zum Reden und Mitspielen bringt, wer ihn dabei filmt, wie er etwas sagt, was in Deutschland unter Strafe stünde, wird sich über die eigenen Motive im Klaren sein. Der Film handele nicht von einem Nazi, sondern von einem Menschen, erzählt Schwaiger wenige Tage nach der Premiere in einem winzigen Madrider Kino. Natürlich weiß er, dass der Nazi in Hafner alles andere überschattet. Doch dem 1955 geborenen und seit langem in Madrid lebenden österreichischen Dokumentarfilmer ist es gelungen, den Mann in dreizehnmonatiger Arbeit aus der Reserve zu locken. Er macht sein Gegenüber in so vielen Facetten sichtbar, dass kleinste Andeutungen von Zweifel, Trotz und Schuldgefühl eingefangen werden. Selbst wenn der Weg zur Selbsterkenntnis so weit ist, dass Hafner ihn nicht mehr gehen wird.

Er wisse nicht, was ihn an diesem Menschen mehr beeindruckt habe, schrieb der Regisseur in einem Artikel für „El País“, der kalte Blick oder das spöttische Lächeln. Paul Hafner war in Spanien erfolgreich, ein Selfmademan, bevor ihm die Sozialisten zumuteten, Steuern auf seinen Schweinezuchtbetrieb zu zahlen. Stolz erfüllt ihn bei dem Gedanken, dass sich das sechzehnrippige deutsche Importschwein unter seine nichtsahnenden iberischen Artgenossen mit vierzehn Rippen gemischt hat. „Und kein Mensch weiß, dass das deutsche Schweine sind“, sagt er, und es klingt wie geglückte Spionage.

Eine permanente Nostalgieshow

Ansonsten ist Hafners Leben eine permanente Nostalgieshow, aufrechterhalten von Überzeugung und Disziplin. Abspielen des Deutschlandliedes. Gymnastik in Unterhose. Schwimmen, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Dass Hafner eine Kindheit voller verdrängter Sexualität, Inzestangst und Inzestbegehren hatte, lässt sich einigen achtlos dahingesprochenen Sätzen entnehmen. Umso mehr kokettiert er mit seinem rüstigen Alter. Beides ist nicht mehr wichtig. Der Mann, der so seltsam entpersönlicht von sich selbst spricht, bewohnt längst ein anderes Reich. Und der Film lässt es ihm. Wir beobachten ihn bei einer vor allem von Greisen besuchten Veranstaltung des ultrarechten spanischen Verlags „Fuerza Nueva“. Auch trifft er sich mit anderen Deutschen rechter Gesinnung, darunter dem neunundneunzigjährigen Joachim Heyroth, der von den Bomben erzählt, die er 1937 über Guernica abgeworfen habe.

Dann unternehmen Hafner und der Regisseur eine Reise nach Marbella, wo der Deutsche ein paar abgetauchte Freunde besuchen will, den SS-Kollegen Gerd Honsik etwa oder Wolfgang Jugler, ehemaliges Mitglied der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“. Vielleicht wollte Hafner vor der Kamera mit seinen wichtigen Nazi-Kontakten renommieren. Doch die Versuche, ein Treffen zu arrangieren, schlagen erbärmlich fehl. Niemand in Andalusien will Hafner sehen außer der Tochter eines Franco-Generals. Eine Demütigung, die Schwaigers Film ohne jede Effekthascherei festhält. Mit penibler Schrift adressiert Hafner im Café eine Grußkarte an den „bewunderten Herrn David Irving“: Der Obersturmführer hat noch jemanden, dem er schreibt.

Die Katharsis bleibt aus

In den letzten Minuten kommt es zu der Szene, auf die der Film hingearbeitet hat. Hans Landauer, ein ehemaliger Häftling im KZ Dachau, willigt ein, Paul Hafner in dessen Madrider Wohnung zu besuchen. Als die beiden am selben Wohnzimmertisch sitzen, breitet Landauer einige Dachau-Fotos aus. Hafner, der acht Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner ebenfalls dort war, ohne dass er verrät, wieso, schüttelt den Kopf. Er glaubt nicht, was er dort sieht, nicht den Ort, nicht die Zahl, nicht die übereinandergehäuften Leichen.

Stille senkt sich über beide, Täter und Opfer. Die Sekunden ticken vorüber, und die Katharsis bleibt aus. Landauer geht. Vielleicht hat Paul Hafner erst am Ende begriffen, dass er sich in einem Duell befand, dessen Ausgang er viel weniger steuern konnte, als er glaubte, nämlich mit dem Regisseur. Günter Schwaigers Film wird Bilder des Schuldigseins und Schuldigbleibens bewahren, auch noch, wenn die Täter gestorben sind.

Quelle: F.A.Z., 21.11.2007, Nr. 271 / Seite 37
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