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Film Das Goebbels-Experiment in der Goebbelsvilla am Bogensee

24.08.2004 ·  Zehn Jahre lang hat Lutz Hachmeister an seinem Film gearbeitet, der nur aus historischem Filmmaterial und Zitaten aus Goebbels' Tagebüchern besteht. In einer Voraufführung wurde er erstmals in der Goebbelsvilla bei Berlin gezeigt.

Von Nils Minkmar
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Die Busfahrt nimmt kein Ende. Daß der Sommer nun vorbei ist, das spürt man, aber welcher Herbst kommt jetzt? Welches Jahr? Die Bilder der jüngsten Gegenwart, alle heruntergeladen aus der Zeitgeschichte: Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkrieges, die Landung in der Normandie, den Warschauer Aufstand. Dann der Kanzler am Grab seines Vaters. Je mehr Bilder es gibt, je mehr Bücher erscheinen, desto komplexer entfaltet sich das Labyrinth von Zeitgeschichte und Gegenwart, und es gibt nur den Weg hinein, abwärts.

Der Bus ist jetzt schon lange an Wandlitz vorbeigefahren, und der Wald wird immer dichter. Brandenburg wirkt leer und zugewuchert. Längst ist kein anderer Wagen mehr zu sehen, an jedem dritten Baum hängt ein Wahlplakat der DVU. Was das denn genau für eine Gruppe sei, die da am Abend zum Goebbelsschen Anwesen hinaus wolle, hatte sich der Busfahrer etwas unsicher erkundigt, und die Antwort, es seien Journalisten und Filmleute, schien ihn nicht wirklich zu beruhigen.

Jemand sagt: "Wenn seine Filmschauspielerinnen hier zum Abendessen antreten mußten, hatten die gar keine Chance mehr, in der Nacht nach Berlin zurückzukommen." Dabei ist die ganze Angelegenheit schon ohne solche Bemerkungen gruselig genug: In Goebbels ehemaligem Wochenendhaus am Bogensee wird zum allerersten Mal ein Film vorgeführt, der ausschließlich nach Tagebucheintragungen und mit historischem Filmmaterial das Leben von Hitlers oberstem Propagandisten nachvollzieht. Heute wird der rheinische Singsang ihres ehemaligen Besitzers wieder durch die Räume hallen, eine Heimsuchung.

Nach der Wende Schulungshotel

Die Villa am Bogensee steht seit Jahren leer. Die FDJ hatte hier ein Schulungszentrum für internationale Kader, nach der Wende war es ein Schulungshotel. Jetzt versucht die Bundesvermögensverwaltung das gesamte Areal mit allen Gebäuden zu verkaufen. "Das ist der Kamin, an dem Magda Goebbels stand, man wird es gleich im Film sehen", sagt Lutz Hachmeister. Seit zehn Jahren schon arbeitet er an diesem Film, am "Goebbels-Experiment". Michael Kloft, der große Kenner des historischen Filmmaterials, hat mit ihm das Drehbuch geschrieben. Im Winter kommt der Film in die Kinos, später wird er im ZDF laufen.

Beide bestreiten, daß es einen zeitlichen Zusammenhang gebe mit Eichingers "Der Untergang", daß die Hitlerei etwa Saison habe. Aber manche Dinge kommen einfach zusammen, unabhängig vom Willen der Beteiligten. Einige Journalisten haben am Vormittag in Berlin die Pressevorführung des "Untergangs" gesehen und sitzen nun in dieser kalten Villa und sehen die Aufnahmen, die russische Soldaten von den Leichen der Goebbels-Familie gemacht haben. "Intensiv" ist die Vokabel, die zur Beschreibung eines solchen Tages gebraucht wird, irgend etwas muß man ja sagen. Man kann ja nicht einfach anfangen zu heulen.

Noch vor wenigen Jahren undenkbar

Es gibt keinen Zeitzeugen in diesem Film, für das Goebbels-Experiment, keinen greisen Telefonisten oder Stenografen und auch keinen angesehenen Zeithistoriker. Es gibt keine mit sanftem Filter verfremdeten Spielszenen und keinen Kommentar. Niemand ist da, der die Bilder und Texte für das Publikum "in den historischen Kontext" stellen würde.

Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, einen Film ausschließlich mit Goebbels-Zitaten zu produzieren und ohne die berühmten Bilder von den Leichenbergen von Bergen-Belsen und von der Befreiung von Auschwitz zu zeigen. Heute sind diese Bilder tief im Bewußtsein des Publikums verankert, und der Film kann sich das zunutze machen. Man sieht, wie Goebbels im Februar 1933 im Sportpalast steht, die Arme in die Seite gestemmt, und mit dem Finger wackelt und lächelt und sagt: "Einmal wird unsere Geduld zu Ende sein und dann wird den Juden das freche Lügenmaul gestopft werden." Den Horror, mit dem man dieses Lächeln sieht, kann kaum ein anderes Bild erzeugen.

Das Selbstmitleid des Tagebuchschreibers

"Der setzt sich hin und schreibt die Dinge auf wie Thomas Mann", bemerkt Hans Janke, der ZDF-Fiction-Chef, einigermaßen fassungslos. Die zwanzig Bände der Goebbels-Tagebücher, wer hat sie schon wirklich gelesen? In diesem Film kommen sie in all ihrer Komplexität zur Geltung, zumal in der bedächtigen, melodiösen Lesart von Udo Samel.

Das Selbstmitleid des Tagebuchschreibers ist von Anfang an ein zentrales Motiv. Die Jugend von Goebbels ist ein einziges Desaster, und er schreibt es hin, knapp und klar: "Jugend ziemlich freudlos. Meine Kameraden liebten mich nicht." Daß er, wie es der grandiose Olli Dittrich, nachdem er Goebbels zu spielen hatte, formulierte, ein "komplett verunglückter Mensch" war, scheint sowohl dem jungen wie dem älteren Goebbels immer klar gewesen zu sein. Unglaubliche Dankbarkeit, wenn er sich irgendwo halbwegs als normaler Mensch behandelt fühlt, zumal in der Partei. Die Zeit vor Hitler beschreibt er als eine lange Depression: "Alles was ich anfasse, geht schief."

Überlegenheitsgefühl und Furcht

Und er steigt auf und wird als Redner bei den Parteiveranstaltungen am Niederrhein gebucht. Der Grund für diese Nachfrage ist aus den Tagebüchern zu erschließen: weil er einfach noch brennender haßt als alle anderen. Er haßt vor allem und immer wieder die Juden, aber auch die Pfaffen, die anderen Parteien und seine Konkurrenten in der NSDAP. Er ist der Intellektuelle, verachtet das Nazi-Fußvolk als "Münchener Spießer", aber sein Überlegenheitsgefühl wird durch seine persönliche, fast physische Furcht vor seinen Kumpanen zugleich unterminiert und angefacht.

Himmler soll ein Spionagenetzwerk gegen ihn betreiben, schreibt er irgendwann auf, auch vor Heß und Göring nimmt er sich in acht. Aber wenn sie "lieb zu ihm" sind, notiert er es mit größter Dankbarkeit. Daß er sich auf die Propaganda beschränken soll, empfindet er als Zurücksetzung, sieht darin das Ergebnis eines Intrigenspiels. Von Hitler fühlt er sich zwischendrin mehrfach verraten. Aber, wie er halt ist, er macht das Schlimmste draus.

Draußen vor dem Fenster singt die SA

Verstörend sind die Passagen, in denen Goebbels seine tiefe ästhetische und sentimentale Verbundenheit zum ganzen Nazi-Klimbim ausdrückt. Nach langen Beschreibungen und heftigem Beklagen des naziinternen Intrigenspiels ruft er sich auf dem Papier zur Ordnung: Was soll's, die Sonne scheint, und draußen vor dem Fenster singen die SA-Männer.

Das, was er für sein schönstes und poetischstes Schreiben hält, reserviert er für die Darstellung gelungener Auftritte des Führers. Daß Hitler das größere Talent sei, mehr noch, daß er eine messianische Gestalt sei, das wiederholt er eines ums andere Mal. Und wie Hitler es vermag, Gestik, Mimik und Rhetorik in Einklang zu bringen, das entzückt Goebbels.

Er dankt es ihm mit heftigerem Haß

Schon daß ihn Hitler überhaupt empfängt und mit sich nimmt, daß er sein verhaßtes Geburtsstädtchen verlassen kann, das ist ein so großes Glück für Goebbels, daß er es ihm durch um so heftigeren Haß und größere Brutalität danken möchte. Er plädiert dafür, die Zivilbevölkerung noch härter ranzunehmen, unter anderem, indem man den katastrophalen Kriegsverlauf - den der Film an einer entscheidende Stelle sehr treffend durch die Szene mit einem im Morast feststeckenden Motorrad illustriert - schonungslos vermittelt und nichts und niemanden tröstet. Er denkt sich den "totalen Krieg" aus.

Goebbels notiert seinen Aufstieg und dann den Krieg wie staunend und als ob ihm von Anfang an klar wäre, daß es mit ihm selbst kein gutes Ende nehmen wird. Er macht keine Versuche, sich abzusetzen, wie Heß oder Göring. Daß er bekommen wird, was er verdient, wenn der Krieg vorbei ist, und daß er das Kriegsende mit allen Mitteln hinauszögern muß, das ist ihm, eines wie das andere, klar.

Wenigstens in der Heimatstadt Ordnung schaffen

Am Ende will er sich noch einmal um seine Heimat kümmern, um Rheydt, das er zuerst so gehaßt hat, wo er dann aber mit größtem Pomp empfangen wurde und stolz erklärte, er habe "seinen rheinischen Witz nie verloren". Dort setzen die Amerikaner 1945 einen unbelasteten Oberbürgermeister ein, den Goebbels in den letzten Tagen, da er überhaupt noch etwas bewegen konnte, umbringen lassen wollte, um "wenigstens in Rheydt" wieder Ordnung zu schaffen.

Aber nicht nur der Ort, die Villa schlägt an diesem Abend eine verwirrende Brücke in die Gegenwart. Goebbels besucht die Internationale Funkausstellung, telefoniert mit einem Schiff auf hoher See - würde das heute so problemlos klappen? -, geht zur Bayreuther Eröffnung, macht Urlaub mit Hitler in Heiligendamm, fährt zum Filmfestival nach Venedig, besucht Prag und Paris, verleiht den deutschen Filmpreis, beklagt, daß der deutsche Film zu wenige internationale Stars habe, und freut sich auf die in Kürze bevorstehende Serienreife des deutschen Fernsehens.

Schrecken der Goebbels-Kinder

Kontinuitäten und Diskontinuitäten, das ist doch die schadenabwehrende Zauberformel der Historiker in solchen Fällen. Aber es schwirrt einem der Kopf. Seltsamerweise führt dieser Abend auch wieder weg von der Person Joseph Goebbels. Wenn er selbst seinen Aufstieg kaum glauben konnte, wer hat ihn dann bewerkstelligt? Diese jubelnden Massen, vor denen Goebbels und Hitler fast verloren wirken, wo kamen sie her und wo sind sie hin?

Nach dem Film ist es spät in der Nacht, und man kann auf die Terrasse gehen. Die Holzplanken auf dem Steg sind morsch, der Garten ist verwildert. Unten, da, wo es ganz schwarz ist, muß der See liegen. Eben noch haben wir Farbaufnahmen gesehen von den Goebbels-Kindern, wie sie da unten herumschwammen. Dann tauchte ein Mann aus dem Wasser auf, der die Kleinen erschrecken wollte. Es war ihr Schwimmlehrer, und der hatte sich eine Mickymaus-Maske übergezogen. Es ist das letzte Bild der Sequenz, und es bleibt einem vor den Augen stehen während der ganzen langen Rückfahrt und auch noch danach.

Zehn Jahre lang hat Lutz Hachmeister an seinem Film gearbeitet, der nur aus historischem Filmmaterial und Zitaten aus Goebbels' Tagebüchern besteht. In einer Voraufführung wurde er erstmals in der Goebbelsvilla bei Berlin gezeigt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2004, Nr. 197 / Seite 33
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