11.06.2010 · Sechs französische Kinos nehmen einen Film des israelischen Regisseurs Leon Prudovsky aus dem Programm und berufen sich auf den Gaza-Aktivisten Henning Mankell. Der Kulturminister und die Kollegen protestieren vergeblich.
Von Jürg Altwegg, GenfSie sind links, sie sind alternativ und sie zeigen hochstehende Programmme. In Frankreich haben sich in verschiedenen Städten die „Cinémas d'Art et d'Essai“ zu einem kleinen Verbund zusammengeschlossen. Auch ihr Name ist Programm: Utopia. Sechs Kinos machen mit, in Toulouse, Avignon, Montpellier. Sie organisieren Diskussionen und Manifestationen, auf iher Homepage tauchen auch die Hammer und die Sichel auf. Kommunistisch sind die Sympathisanten nicht mehr, aber sie haben ein eher unbelastetes Verhältnis zur totalitären Vergangenheit und halten die Revolution für eine weitgehend unbefleckte Utopie.
Und der Kampf für sie beginnt mit der Unterstützung der Palästinenser. Respektive gegen Israel. Auslöser ist der Angriff der israelischen Armee auf das türkische Schiff, das mit den vielen Menschenrechtsfreunden und Henning Mankell an Bord nach Gaza wollte. Aus Protest haben die Utopia-Kinos den Film „A 5 heures de Paris“ aus dem Programm genommen. Sein Autor ist der israelische Regisseur Leon Prudovsky. Dass es der Film überhaut in die Utopia-Säle brachte, ist bereits an Anzeichen, dass es sich nicht um einen zionistischen Propagandastreifen handelt. Es ist ein Liebesfilm.
Ein Bürger im Reich der Ideen
Kulturminister Frédéric Mitterrand hat am Donnerstagabend an die Verantwortlichen geschrieben und seiner Konsternation Ausdruck verliehen. Enttäuschend, empörend, unverständlich - skandalös sei ein solches Vorgehen, schreibt auch der Verband der französischen Filmemacher. Dabei wird immer wieder auch unterstrichen, dass Prudovsky ein Kritiker der israelischen Politik und autoritärer Regimes sei: als ob es hier um mildernde Umständen gehen muss. Als ob im Falle eines Intellektuellen, der den Angriff auf das Schiff für berechtigt halten könnte, die Zensur zu rechtfertigen wäre.
„Ein Künstler ist nicht ein Bürger seines Landes, sondern des Reichs der Ideen“, liest man im Protest des Filmverbandes. Wäre er sonst für das Verhalten seiner Regierung verantwortlich? Und an die Adresse der Utopia-Verantwortlichen stellt er die Frage, ob sie amerikanische Filme trotz des Einmarschs in Irak ins Programm nehmen werden? Man kann die Liste solcher Beispiele beliebig verlängern.
Der Boykott verschafft Aufmerksamkeit
Die Verantwortlichen von Utopia geben sich wenig einsichtig. Sie berufen sich auf die Boykottaufruf von Stars wie Jane Fonda oder Ken Loach. Und zitieren Henning Mankell. Sie zeigen sich vielmehr entrüstet über die Empörung und erklären unverblümt, das sei wohl nur so, weil sie sich um Israel gehen würde. Immerhin wollen sie den Regisseur zu einer Debatte einladen und den Film vielleicht im Juli möglicherweise doch zeigen - in einzelnen Vorstellungen.
Offiziell kommt „A 5 heures de Paris“ am 23. Juni in die französischen Kinos. In rund achtzig Sälen wird er dann landesweit zu sehen sein. Der Boykott der Utopia-Alternativen verschafft ihm zusätzliche Aufmerksamkeit.