Es ist Samstagabend am Stadtrand von Frankfurt. In einem Kino auf der Mainzer Landstraße, das sich auf türkische Filme spezialisiert hat, wird „Fetih 1453“ gezeigt - mit deutschen Untertiteln. Viele ältere Männer, aber auch Jugendliche und Familien schauen sich das fast dreistündige Heldenepos an. Im Film wird viel geschrien, gestöhnt, gemordet. Im Publikum hingegen herrscht Stille, unterbrochen nur von vereinzeltem, leisen Lachen, wenn der dämonisch grinsende Byzantinerkönig gelobt, die Türken zu vernichten, um später zu erkennen, dass sie ihm immer einen Schritt voraus sind.
Der Film stellt den Sultan als charismatisch-verbissenen Autokraten mit Herz dar, der sowohl rhetorisch als auch kämpferisch zu überzeugen weiß. Viele blutige Szenen begleiten den Weg der Eroberung, der auch einige heldenhafte (Frei-)Tode für Prophet und Osmanengeschlecht fordert. Viele Zuschauer scheinen die filmische Umsetzung für bare Münze zu nehmen. Eine türkischstämmige Familie - Vater, Mutter, eine etwa sechzehnjährige Tochter - erzählt zufrieden von der längst fälligen, historisch korrekten Darstellung. Die Tochter habe nun endlich einmal auf jugendgerechte, visuell ansprechende Art und Weise das gesehen, was die Eltern noch in der Türkei in ihren Schulbüchern paukten: „So ist es gewesen, da kommen wir her.“ Ein junger Mann betont, man solle die Wirkung des Films nicht überbewerten: Die Türken seien eben stolz auf ihre Herkunft. Eine andere, ebenfalls türkischstämmige Kinobesucherin in der Kassenschlange lässt hingegen wissen, derartige Filme würde sie niemals ansehen: „Da bin ich anders eingestellt als die alle hier“, sagt sie, auf die anderen Familien deutend, die in Richtung des Saales strömen, in dem die nächste Vorstellung von „Fetih 1453“ gezeigt wird.
Nun kommt auch die deutsche Synchronisation
In der Türkei erfährt der Film breites Lob. Kritik kommt fast ausschließlich aus intellektuellen Kreisen. Der erfolgreiche türkische Komponist Fazil Say verweigerte die Mitarbeit an der Musik zu „Fetih 1453“ mit der Begründung, ein Film, der nur „Werbung von Türken für Türken“ sei, habe keinen künstlerischen Neuwert. „Fetih 1453“ stellt den vorläufigen Höhepunkt eines romantisierten Osmanismus dar, wie ihn Wissenschaftler in der Türkei, aber auch bei in Deutschland lebenden Türken in den letzten Jahren verstärkt beobachten. Das Land ist auf dem Weg nach oben, die Wirtschaft floriert, aber die Mauern der Europäischen Union bleiben im Gegensatz zu denen Konstantinopels unüberwindlich.
Für die meisten Zuschauer in Frankfurt ist „Fetih 1453“ ein gelungener Historienfilm, der mit ihrer Gegenwart wenig zu tun hat. Fast alle Befragten wünschen sich, der Film solle synchronisiert werden, damit sich auch Deutsche für die Geschichte des Osmanischen Reichs interessieren und deren Bedeutung für türkischstämmige Mitbürger verstehen könnten. Diesen Wunsch hat ihnen der deutsche Verleih inzwischen erfüllt, ab Ende März gibt es eine deutsche Version. Schlussfolgerungen auf mangelnde Integrationsbereitschaft zu ziehen, weil der Film Vergangenes glorifiziert, wäre jedenfalls zu kurz gedacht.