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Fernsehserie „Over There“ In der Moschee ist Al Dschazira

01.08.2005 ·  Das amerikanische Fernsehen hat jetzt auch eine Serie über den Irak-Krieg. Militärische Anfängerfehler, Krieg und Heimat, das Konzept der Serie: Was Veteranen über die Soldaten-Darsteller in „Over There“ sagen.

Von Nina Rehfeld, Phoenix
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Nur eine Handvoll Gäste hat sich in der kleinen Bar in der Kleinstadt Flagstaff, zwei Autostunden südlich vom Grand Canyon, versammelt. Dabei ist es die Premiere von "Over There" auf dem Sender FX, der ersten Fernsehserie über den Irak-Krieg. Und die Bar ist Sammelplatz der American Legion, Post 3, einer amerikanischen Veteranenorganisation.

"Wir schauen nicht gern Kriegsfilme", erklärt Jerry O'Brien. "Hier, ich zeige Ihnen was", sagt der Vierzigjährige und geht hinter die Bar. An einer Flasche Jack Daniels und einer Flasche Jim Beam lehnen die Fotos dreier sehr junger Männer. "Das sind unsere Kids", sagt Jerry. "Er hier wird im kommenden Monat zwanzig, und dieser hat kleine Zwillinge zu Hause. Sie sind derzeit drüben. Ob sie lebend zurückkehren?" O'Brien sitzt mit Ryan Newby und Jason Verdugo über seinem Bier vor dem Riesenbildschirm, über den sonst die Basketballspiele der Phoenix Suns flimmern, um zu sehen, wie Hollywood es sich "da drüben" vorstellt.

Rauhe Lakonie statt Hochglanzpathos

"Tschüs, mein Süßer", verabschiedet sich eine junge Latina (Lizette Carrion) mit dem Spitznamen "Doublewide" von ihrem ein Jahr alten Sohn. "Mama geht jetzt zur Arbeit, bin so in einem Jahr zurück." Mit einer Reihe von Abschiedssequenzen beginnt die Serie "Over There". Der junge Footballspieler Bo (Josh Henderson) liebt seine Freundin in allen Zimmern ihres Hauses, bevor er erwartungsfroh in den Krieg zieht. Sein Kamerad "Smoke" (Kirk Jones) macht seinem Namen alle Ehre, er läuft nämlich nur bekifft durch die Szene. Die von stoischer Furcht erfüllte "Mrs. B." (Nicki Aycox) meint bereits zu wissen, daß sie sterben wird. Und der Cornell-Absolvent "Dim" (Luke McFarlane) brüllt, bevor er geht, seine Frau an: "Glaubst du, sie haben diesen Krieg nur angezettelt, damit du ganz allein dein Kind zur Welt bringen mußt?"

Das von dem "Hill Street Blues"-Produzenten Steven Bochco geschaffene Drama, in dem diese Figuren auftreten, ist geprägt von der rauhen Lakonie eines unmenschlich harten Jobs, den es hier zu absolvieren gilt, nicht vom Hochglanzpathos eines Einsatzes fürs Vaterland. Aber ein Krieg, der noch andauert und jeden Tag Opfer fordert, zur besten Sendezeit in faszinierend gegen die Sonne gefilmten Bildern?

„Das würde nie passieren. Die wären sofort weg“

Es war die Idee des FX-Senderchefs John Landgraf, eine Serie über den Irak-Krieg zu drehen. Zu den Aushängeschildern des Senders, der dem innovativen Abokanal HBO zusehends den Rang abläuft, zählen Serien wie die Schönheitschirurgen-Farce "Nip/Tuck", die düstere Polizei-Politserie "The Shield" oder das ebenso wütende wie zynische Feuerwehrdrama "Rescue Me". "Diese Serien", sagte Landgraf kürzlich auf einer Pressekonferenz, "behandeln zeitgenössische Themen und Realitäten - und wenn man über aktuelle amerikanische Realitäten nachdenkt, stößt man zwangsläufig auf die Tatsache, daß wir uns in einem Krieg befinden." Daß dieser Krieg auch in den Vereinigten Staaten höchst umstritten ist, macht die Sache um so interessanter, wenn auch der Produzent Bochco sagt, Politik spiele keine Rolle. "Ich glaube, das ist für die Dramatisierung dieses Krieges irrelevant und ebenso für die Männer und Frauen in Uniform, die dort ihr Leben aufs Spiel setzen."

Drei von denen, die dort und anderswo ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, betrachten die Sache in der Flagstaffer Kneipe zunächst aus fachmännischer Perspektive. "Runter, Mensch!" feuert Jerry O'Brien die Greenhorns auf dem Bildschirm an, die nach einem Schußgefecht neugierig die Köpfe über eine Hügelkuppe recken. Der Krieg bei FX besteht vor allem aus nervenzermürbender Warterei, die weit entfernte Kommandozentrale gibt von PR-Erwägungen geprägte Befehle: In der zu stürmenden Moschee ist ein Kamerateam von "Al Dschazira", da kämen die Amerikaner nicht gut weg. Kopfnicken am Tisch. Doch ein Neuling, der beim einsamen Toilettengang in der Wüste die ganze Truppe in Gefahr bringt? Oder ein Ansturm im Haufen auf eine gegnerische Stellung? "Das würde nie passieren. Die wären sofort weg."

Nur die Beine gehen weiter

Dann schlittert das Seriengeschehen fast übergangslos aus der ereignislosen Langeweile in das mit schockierender Ästhetik inszenierte Grauen der Schlacht. In einer albtraumhaften Sequenz wird einem heranstürmenden Iraker der gesamte Oberkörper weggeschossen. Nur die Beine machen geisterhaft zwei weitere Schritte. Ryan sagt trocken: "Vierzig-Millimeter-Kaliber, die machen ganz schöne Löcher. Aber in Wirklichkeit brauchen die mehr Distanz, um ihre Wucht zu entfalten." Ryan wurde 2001 bei einer Aufklärungsfahrt nahe Bagdad vom Maschinengewehrfeuer eines Zwölfjährigen getroffen und brach sich beim Sturz vom Wagen einen Halswirbel. Nur knapp entging er dem Tod oder einer Querschnittslähmung, er leidet unter ständigen Kopfschmerzen. Dennoch wollte er die Serie unbedingt sehen. "Ich will wissen, wie realistisch sie es hinkriegen", sagt er.

Debbie Crenshaw aus der kleinen Gemeinde Sedona, ein paar Meilen südlich gelegen, hat aus diesem Grund nicht eingeschaltet. "Vielleicht ist es besser. Mein Sohn muß ja wieder dorthin, und je weniger ich weiß . . ." Sie hat ihren ältesten Sohn Andrew bereits zweimal in den Irak verabschiedet, zweimal ist er unversehrt heimgekehrt. Im September steht der dritte Einsatz des jungen Soldaten an. Andrew ist gerade zwanzig Jahre alt geworden. "Es macht mir angst", sagt seine Mutter.

„Aber dies ist keine Sitcom, dies ist ein Scheißkrieg!“

Auch in der Bar der American Legion möchte man Zähneknirschen und feuchte Augen erwarten. Doch es sind nicht die Momente der Schlacht, die den Männern zu schaffen machen, sondern die klischeebeladenen Randerscheinungen des Krieges: Dims Frau hat, während die Videobotschaft ihres Mannes auf dem Laptop aufblinkt, gerade Sex mit einem anderen. "Ist mir auch schon passiert, als ich zwei Monate früher als geplant von einem Einsatz heimkam", sagt Ryan. Jason, der 1996 in Saudi-Arabien knapp der Bombardierung der Khobar Towers entging, sagt: "Dort drüben hältst du dich an irgend etwas fest, was zu Hause symbolisiert, damit du einen Grund hast, zu überleben und zurückzukehren. Wenn so was passiert, löst sich dein ganzes Konzept von zu Hause auf, das Gewebe, das dich festhält, wird zerstört."

Als in den Werbepausen ein Kriegsvideospiel über den Schirm flimmert, wird Jason wütend. "Sie haben einen typischen Hollywoodfilm gemacht und dazwischen Werbung für Kriegsvideospiele. Aber dies ist keine Sitcom, dies ist ein Scheißkrieg! Sie zeigen nichts Ehrenhaftes. Wieso zeigen sie nicht, wie wir Straßen reparieren oder Brücken bauen?" Als auf dem Bildschirm der Konvoi mit den Soldaten am Straßenrand hält, wo die Kamera auf kaum sichtbare Markierungen - Hinweise auf Minen - zoomt, sagt Ryan: "Niemals. Niemals vom Asphalt runter!" Dann geht die Mine hoch, Schreie. Jerry hält sich die Ohren zu. Seit einer Minenexplosion im ersten Irak-Krieg, die einen Kameraden zerfetzte und ihn meterweit durch die Luft warf, ist er Invalide.

Zuviel Seifenoper, zu wenig Iraker

Am Ende sind sich die Männer einig: "Das ist Hollywood." Dennoch wünschen sich viele Veteranen, daß die Serie mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Krieg lenkt. Paul Rieckhoff, der 2003 beim Marsch auf Bagdad dabei war, sagt am Telefon über den Krieg im Irak: "Er existiert eh nur als Fernsehshow. Vielleicht kann dies die Leute aufwecken und daran erinnern, daß hier wirklich ein Krieg stattfindet." Der New Yorker hat aus Frustration über den "Billigkrieg von Bush und Rumsfeld, die PR-Schlagworte über ein abzusehendes Ende des Aufstands und das gedankenlose Vorgehen der Politiker" die Organisation "Operation Truth" gegründet, die versucht, den Veteranen Gehör zu verschaffen. "Es reden viel zu viele Leute über den Krieg, die keinen Schimmer davon haben." Und so wurmt Rieckhoff die vorsichtige Politikvermeidung von "Over There". "Sie zeigen die Iraker nicht genug", findet er. "Mir liegen dieses Land und seine Leute am Herzen. Ich möchte eines Tages zurückgehen und helfen. Wir haben diesen Schlamassel schließlich angerichtet."

Debbie Crenshaw, die Soldatenmutter, hat sich am Tag darauf "Over There" doch angeschaut. "Zuviel Seifenoper", lautet ihr Urteil. "Ich glaube, unsere Leute sind besser ausgebildet als diese Tollpatsche." Ihrem Sohn werde sie die Serie nicht ans Herz legen. Der hat sein Desinteresse ohnehin bekundet, nachdem sie ihm vor einigen Tagen eine E-Mail mit Informationen zur Serie schickte. "Warum soll ich mir das ansehen?" fragte Andrew Crenshaw zurück. "Ich war ja selbst da."

Quelle: F.A.Z., 01.08.2005, Nr. 176 / Seite 36
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