21.02.2006 · Der Täter? Fast egal. Seine Motive? Völlig uninteressant. Die Krimiserie „CSI“ fragt nicht mehr, wer es war, sondern wie es passiert ist. Der Mensch ist hier wenig mehr als ein Träger und Verbreiter, auch Fälscher von Daten aller Art.
Von Norbert SchneiderBeurteilt man die amerikanische Fernsehserie „CSI“ - mit ihren Dependancen in New York, Miami und Las Vegas - nach der Papierform, dann ist sie nur eine unter vielen im Überangebot an Krimiserien, unter denen die deutschen Zuschauer zur Zeit wählen können. Ein Verbrechen passiert oder auch zwei, wie so oft in einer der großen Städte der Vereinigten Staaten. Nur wird es nicht von Stuart Bailey, Telly Savalas oder Don Johnson untersucht, sondern - wie in „CSI: N.Y.“ - von Gary Sinise und seinen Leuten. Nach einer knappen Stunde ist alles aufgeklärt. Werbung.
Sieht man jedoch näher zu, dann stellt man fest, daß CSI im alten Schlauch des Genres einen ziemlich neuen Wein präsentiert. Verglichen mit dem überbordenden deutschen Krimiangebot wirkt CSI wie ein Sofa auf der Kuh. Obwohl vieles konventionell erscheint, bringt CSI eine neue Qualität - eine Qualität durch etwas Neues. Hinter der Fassade des Déjà-vu wird mit alten Bekannten ein neues Spiel getrieben. Eine neue Rahmung wird von Folge zu Folge deutlicher, Faktoren, die man entschlüsseln muß, weil man als Zuschauer außer Fakten, Fakten, Fakten nichts sieht und folglich auch nichts genießen kann.
„Wie ist es passiert?“ statt „Wer war es?“
Nimmt man sie alles in allem, dann scheint in dieser Krimiserie eine Vorstellung vom Menschen auf, die sehr aktuell ist. Sie zeigt sich in der Produktwerbung und in Healthclubs, im Piercing und dem Attentäter, der seinen Leib mit TNT gürtet. Es ist eine Fokussierung des Menschen auf seinen Körper, seine Medikalisierung. Sie erinnert an eine Vorstellung, die in andern Disziplinen Biopolitik genannt wird.
Man nähert sich der Besonderheit dieser Serie am leichtesten, indem man festhält, worin sie sich prima facie von ihren Verwandten unterscheidet. Obwohl jede Folge mit einem Toten beginnt, die meisten mit einem Mord, ist damit gerade nicht die Frage aufgerufen: Who did it? Es wird nur noch gefragt: Wie ist es passiert? Das erste Interesse gilt weder dem Täter noch dem Opfer. Und schon gar nicht dem Ermittler. Zu sehen ist: Am Anfang war die Tat, auch wenn dieser Ansatz nicht immer restlos durchgehalten werden kann.
Die Ermittler: geschichtslos, aber nicht gesichtslos
Der Täter wird in der Regel nur knapp ins Bild gesetzt - ein oder zwei kurze Verhöre. Es läuft nichts auf ihn zu. Er entkommt ja eh nicht. Er ist chancenlos. Seine Motive werden aus Höflichkeit dem Zuschauer gegenüber beiläufig eingestreut. Auch das Opfer wird funktionalisiert und interessiert nur, weil es unvermeidlich in die Tat verwickelt ist. Interesse am Opfer besteht nur insoweit, als es zur Aufklärung der Tat beiträgt. Das aber heißt: solange es als Körper analysiert werden kann. Als corpus delicti. Die Ermittler schließlich bilden zwar ein vergleichsweise großes Team. Es ist ja auch eine Menge los. Nicht selten sind es zwei, manchmal drei Fälle, die parallel aufgeklärt werden. Doch ihre Funktion erschöpft sich, bis zur physischen Erschöpfung, in der Lösung der Fälle. Ihre Biographien bleiben im dunkeln. Dabei sind sie für den Zuschauer außerordentlich präsent, keineswegs austauschbar, identifizierbar auch ohne Familien, die versorgt sein wollen, entführte Töchter oder koksende Söhne. Sie sind zwar geschichtslos, aber keineswegs gesichtslos.
Für Kommissare oder für Agenten mit einer Neigung zum Exhibitionismus läßt CSI wenig Raum. Denn es gilt: Schaut auf diesen Fall! Das tun sie in der Rolle und der Funktion von Wissenschaftlern. Was in Ansätzen in klassischen Serien aufscheint, in denen der Gerichtsmediziner mit Objekten hantiert, vor denen man sich ekelt, das wird in CSI bildfüllend bis an die Schmerzgrenze ausgedehnt. Es zählt das physische Detail. Verstärkt wird es durch rasant eingeschnittene Clips, die etwa den Lauf einer Kugel durch einen menschlichen Körper fotografisch verfolgen: Die Aorta sprudelt rot. Was zählt, ist das gestochen scharfe Bild. So spielt am Tatort, was zunächst sehr konventionell erscheint, das Fotografieren des Opfers die zentrale Rolle. Vom ersten Moment an spielt der menschliche Körper und alles, was man aus ihm herauslesen kann, eine Hauptrolle zu. Er wird das eigentliche Werkstück, an dem der Spezialist für den Körper seine Kunst zu beweisen hat.
Nichts entgeht den Spezialisten
Intuition ist gut, aber Fingerabdrücke sind viel besser. Besser als das Grübeln über Motive sind Würgemale, ein Abdruck einer heißen Platte auf der Wange eines Opfers, ein abgeschnittener Daumen in einem Kühlschrank, vom Chefermittler Mac Taylor in einem seltenen Anflug von Humor fingerfood genannt. Mit einer Affenliebe zum Detail widmen sich die Aufklärer, die so richtig erst in ihren weißen Kitteln in Fahrt kommen (Handschuhe tragen sie fast immer), im Labor allem, was eine Spur sein könnte, dem Torso einer Statue ebenso wie einer Fussel, die erzählen kann, was wirklich passiert ist.
Erst neugierig, dann mit wachsendem Erschrecken stellt man als Zuschauer fest: Jeder Mensch hinterläßt - als Körper - unzählige Spuren seines Werdens und Vergehens. Nicht auf unsterbliche Gedanken oder Taten kommt es an. Unsterblich ist der sterbliche Leib. Diese Menschenspuren laufen breiter, als man denkt. Und es gibt Experten, die wie mit Infrarotaugen diese Spuren lesen können. Illusionen, es gäbe Diskretion oder Privatheit, sollte man da nicht haben. Nichts bleibt geheim. Keiner entgeht den Spezialisten. Es ist alles nur eine Frage der Zeit. Man braucht sich bei der Aufklärung von Verbrechen nicht so sehr an Motive, vulgo: die Seele von Opfer und Täter, man muß sich um so mehr an den Körper halten. Der Mensch muß nicht verraten werden, er verrät sich selbst. Die Krönung der Krone der Schöpfung: Er ist Kronzeuge für alles und jedes.
Ein Mord ist nichts für große Momente
Dieser Spuren sichernden Wissenschaft entgeht nicht nur nichts. Sie kennt auch nicht die branchenüblichen Momente der Verzweiflung, keine Aporien. Sie tritt nie lange auf der Stelle. Probleme gibt es höchstens bei einem Mangel an Gegenständen, Körper inklusive. Dann gehen wir eben noch einmal zurück zum Tatort. Und verlieren ein wenig Zeit. Bei Polizistenmord legen wir dafür einen Zahn zu. Wenn wir einen Fall gelöst haben, lösen wir schon den nächsten. Rastlos, restlos.
Denn das menschliche Verbrechen ist nicht annähernd von dem Rang, zu dem es immer wieder erhoben wird. Mord ist so alltäglich wie ein Hustenanfall. CSI holt das Verbrechen herunter vom Kothurn des Außergewöhnlichen. Ein Mord kann jedem passieren. Ein Mord ist nichts für große Momente. Es ist etwas, was jeder begeht (Heimito von Doderer).
Dies alles wird sehr lakonisch in Szene gesetzt. Die eliptische Erzählweise scheint jede Spur von Redundanz zu hassen. Kühl und perfekt ist auch das Spiel derer, die uns Folge für Folge zeigen, daß die Krimiserie mit CSI endgültig in der Rechnergesellschaft angekommen ist - und welche Rolle der menschliche Körper als die Zielscheibe einer Biopolitik dabei spielt. Das klingt nach aseptischen oder doch zeitlosen Geschichten. Aber davon kann keine Rede sein. Man sieht jeder Folge an, daß sie heute und wo sie spielt. Selten sieht man so schöne Bilder von Manhattan. Vor allem vom Central Park. Alles, was nicht indoors spielt, zeigt uns New York als location, wie es nicht einmal bei Kojaks Einsatz in Manhattan zu sehen war.
Eine beklemmend aktuelle Anthropologie
Doch sosehr der Körper, oft genug ein stinkender Madensack (Luther), das Maß aller Dinge und der Ort aller Erkundungen ist - einer hat noch mehr Daten. Das ist der Computer, der All-Simulator. Er kann bereits Dinge - darin erinnert „CSI“ an „24“ -, die man bestaunt. Er stellt die Welt her, wo sie nicht mehr eindeutig oder irgendwie verlorengegangen ist. Er springt in jede Bresche. Er ist der große Speicher. Die frohgemute Kompetenzzuweisung an die digitale Maschine legt in CSI die Rangfolge fest, die in einer Welt herrscht, deren Probleme am Ende immer auf dieselbe Weise gelöst werden: durch einen endlosen Abgleich von Daten. Es ist die Welt nach dem 11. September.
Was also ist der Mensch? Er ist Träger und Verbreiter, auch Fälscher von Daten aller Art, und sein großer Bruder ist der Computer, der ihm Spuren speichernd auf die Spur kommt. Eine alteuropäische Anthropologie wird man das nicht nennen können. Eher eine beklemmend aktuelle. Das merkt man um so deutlicher, wenn man CSI die deutschen Krimis entgegensetzt. Ihre Stoffe und Helden erscheinen dann merkwürdig antiquiert. Das macht sie nicht unsympathisch, ganz im Gegenteil. Aber irgendwie wirken sie wie gewesen. In der Ikonographie von CSI: wie lebendig verwest.