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Fernsehporträt Die Frau aus der Uckermark

16.08.2005 ·  Wer ist Angela Merkel? Das ZDF versucht sich an einem Porträt der Kanzlerkandidatin. Es vermittelt - ganz still und ruhig - mehr Einsichten als die letzten zwei Wochen des Bundestagswahlkampfs.

Von Michael Hanfeld
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Es ist ein zunächst unscheinbares Reich, mit dem der Film uns bekannt macht. Ein lichtes Büro, schmucklos, mit freiem Blick in alle Richtungen, ein blitzsauberer Schreibtisch, an der Wand ein Bild der Erde, aus dem Weltraum aufgenommen. Wenn man genau hinsieht, kann man Israel erkennen, sagt die Kandidatin. Aufgenommen hat es der Astronaut Ulf Merbold, mit dem sie zu tun hatte, als sie Ministerin war. Faszinierend findet sie daran nicht nur die Aussicht, sondern daß es Menschen gelungen ist, sich in die Umlaufbahn zu katapultieren und - auch wieder heil auf den Boden zurückzukommen.

„Hier, ganz oben, regiert Angela Merkel“, heißt es aus dem Off. Wie sie dort hingekommen, wie sie Parteichefin der CDU und schließlich Kanzlerkandidatin geworden ist und wieso man an dem Bild aus dem Weltall vielleicht tatsächlich etwas ablesen kann über die Frau, in deren Büro es hängt, das versuchen Michaela Koster und Ulf-Jensen Röller in ihrem filmischen Porträt zu ergründen. Und erstaunlicherweise gelingt es ihnen in einem Maße, das man nicht für möglich gehalten hätte. Einen solchen Kontrapunkt im Wahlkampf zu setzen, der bislang durch eine Kakophonie der Nichtigkeiten geprägt ist, stellt im Fernsehen schon etwas Besonderes dar. Haben wir dort schon je etwas mehr von Angela Merkel gesehen als die mißtrauische Fachfrau, die sich bestens vorbereitet und dann doch in der Bundestagsdebatte zur Neuwahl den Versprecher landet, der das Gegenteil dessen ausdrückt, was sie will - nämlich nicht die große Koalition mit der SPD, sondern die kleine mit den Freidemokraten? Wir glauben nicht.

Wer ermißt schon, welchen Weg sie gehen mußte?

Es beginnt mit einer Phalanx und einem historischen Rückblick, der den Aufstieg Angela Merkels binnen fünfzehn Jahren zunächst an die Spitze der CDU Revue passieren läßt. Wer ermißt schon, was man tun muß, um dort hinzukommen, zumal als Frau, erst recht als Frau aus Ostdeutschland? Ein bißchen wehleidig klingt der CSU-Gesundheitspolitiker Horst Seehofer, wenn er davon spricht, wie konsequent Angela Merkel sich vorgearbeitet, welch klare Hierarchie sie errichtet habe. Und dann erst das „Girls-Camp“ - Merkels Vertraute, die Pressesprecherin Eva Christiansen und die Bürochefin Beate Baumann. Bei Christian Wulff, dem Ministerpräsidenten aus Niedersachsen, der doch viel mehr Grund hätte, sich zu grämen, denn schließlich könnte auch er Kanzlerkandidat sein, klingt es positiver, wenn er von Angela Merkels unbedingtem Willen spricht, „nach vorne zu gehen“ und „voll auf Risiko“ zu setzen.

Lothar de Maiziere erinnert sich, die Parteichefin sei in jungen Jahren manchem vielleicht als „Frau ohne Parfum“ erschienen, im Sinne einer Person ohne Erfahrung. Zumindest davon könne heute ja nun wohl niemand mehr sprechen. Die Journalistin Evelyn Roll nimmt - wie Alice Schwarzer - die unterschiedliche Wahrnehmung der Geschlechter in der Politik auseinander: Wo ein Mann sich mit Tatkraft durchsetzt, Machtworte spricht und richtlinienkompetent auftritt, da liegen bei einer Frau „Leichenberge von gemeuchelten Männern“ am Wege. Von gemeuchelten Männern, die darüber selbstverständlich Anlaß zum Klagen haben.

Was bedeutete Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden in der DDR?

Wie zum Beispiel Wolfgang Schäuble, den Angela Merkel nicht vorab über den Artikel in Kenntnis setzte, mit dem sie am 22.Dezember 1999 in dieser Zeitung die Spendenaffäre der CDU aufs Korn nahm und der Ära Kohl den Todesstoß versetzte. Das hat ihr der Altbundeskanzler niemals verziehen. Da hatte das „Mädchen“, das Norbert Blüm als junge Ministerin am Kabinettstisch vor laufenden Kameras noch in einen Stuhl pflanzte, auf dessen Lehne er sich dann jovial grinsend setzte, „das Machtspiel gegen ihren ehemaligen Lehrmeister gewonnen“. Das findet nicht nur der Film.

Interessanter noch ist in diesem ZDF-Stück die Annäherung an Angela Merkels Herkunft. Dies um so mehr, als Edmund Stoiber wie zuvor Jörg Schönbohm auf zunächst ziemlich kontraproduktive Weise dem Land in diesem Wahlkampf eine Ost-West-Kontroverse aufzwingen, die so holzschnittartig und fern der Realität im Jahr sechzehn der Einheit ist, daß man sich fragt, aus welchem Paralleluniversum sich manche Wahlkämpfer ihre Anregungen holen. Wie absurd es ist, daß ausgerechnet ein Westpolitiker wie Oskar Lafontaine im Verein mit der umbenannten PDS, vormals SED, sich nun als Vorreiter ostdeutscher Befindlichkeiten geriert, das wird offenbar, wenn man sich nur einmal, wie die beiden ZDF-Autoren, die Frage stellt, was eine Kindheit, eine Jugend, ein Erwachsenwerden in der DDR denn bedeutete - wenn man sich in einem Repressionsstaat weder der Parteiräson unterwerfen noch in den offenen Widerstand treten wollte. Über all die möglichen Formen des Engagements für sich selbst und für andere, das sich irgendwo zwischen Anpassung und Aufruhr einen Weg sucht, geht nicht nur die zur Zeit herrschende Debatte hysterisch hinweg.

Noch immer nicht homestorytauglich

Wenn aber Angela Merkel durch die Uckermark spaziert und ihr früheres Wohnhaus besucht, auf ihr Zimmer unter dem Dach deutet; wenn Kameraden erzählen, wie es an der Schule so zuging, und sich Freunde der Familie und Angela Merkel selbst an ihren Vater, einen evangelischen Pfarrer, der vom Westen in den Osten ging, erinnern, dann scheint eine prägende Lebenswirklichkeit auf, die im heutigen Schlagzeilenstakkato abermals rasiert wird. Und die nichts mit den vom Westen beklagten, von der Linkspartei plakativ beschworenen „Ost-Befindlichkeiten“ zu tun hat, die sich ausgerechnet darin ausdrücken sollen, daß man die Partei wählt, deren politisches Werk die Bürger der DDR 1989 mit friedlichem Widerstand mattgesetzt haben. Von dieser Lebenswirklichkeit haben freilich Angela Merkels Parteifreunde in Bayern offenbar bis heute nichts begriffen, sonst würde Edmund Stoiber in seinen Reden die Wähler in den neuen Ländern nicht so behende zum Almabtrieb bitten.

Sie habe sich zu DDR-Zeiten geschworen, „niemals jemand anderem zu schaden“, sagt Angela Merkel. Sie wollte und sollte immer die Beste sein, sagen andere. In der Schule saß sie ganz hinten und verhielt sich unauffällig. Es ist nicht so, daß Angela Merkel den beiden ZDF-Autoren auf der Stippvisite in der alten Heimat ihr Herz ausschüttete. Sie ist noch immer nicht homestorytauglich, zu den beiden Söhnen ihres Mannes, die nicht ihre eigenen sind, habe sie ein vertrautes Verhältnis, heißt es. Das muß reichen. Eine Frage noch, warum sie keine eigenen Kinder habe - es hat sich nicht ergeben, sie hadert aber nicht damit -, und dann wird das Kapitel Templin wieder geschlossen. Die Zurückhaltung der Porträtierten findet ihre Entsprechung in diesem Stück, das davor gefeit ist, in schwelgerische Überhöhung zu verfallen.

Das letzte Wort in diesem Porträtfilm hat der Fischer Eberhard Heuer. Er ist der letzte, der heute noch vor Rügen seine Netze auswirft. Vor fünfzehn Jahren hat ihn die Politikerin, die hier ihren Wahlkreis hat, in seiner Hütte besucht. Das Bild, das damals aufgenommen wurde, zeigt eine junge Frau, die bei drei Fischern wie in einer Familie am Tisch sitzt - eine Idylle, die heute wieder in den Zeitungen abgedruckt wird, die aber trügt. Er denke, sie werde ihren Weg machen, sagt Eberhard Heuer, „hoffentlich auch für den kleinen Mann“. Ein Funken Vertrauen in die Politik sei noch da, mehr aber nicht. Die Arbeit in ihrem Wahlkreis, sagt Angela Merkel hingegen, mache Freude, habe aber auch eine „große Komponente von Traurigkeit“ - weil man nicht allen helfen könne. Damit läßt sich Wahlkampf nicht so leicht machen.

An diesem Dienstag um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z., 16.08.2005, Nr. 189 / Seite 38
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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