31.05.2006 · Die platonische Höhle der Mattscheibenjünger: In Berlin wird nach einer langen Vorgeschichte das Deutsche Fernsehmuseum eröffnet und erinnert an „Derrick“ und „Bonanza“, an Loriot und „Big Brother“.
Von Andreas KilbEin Museum des Fernsehens - das ist, als wollte man Wasser in Vitrinen stellen. Wie soll man festhalten, was jeden Abend an uns vorbeirauscht, seit zehn, zwanzig, fünfzig Jahren?
Der Witz am Fernsehen ist ja gerade, daß es nicht festzuhalten ist, daß es sich unserem erinnerungssüchtigen Griff immer wieder entzieht. Die Sendung von gestern oder vorgestern, die wir aufgezeichnet haben und uns heute oder morgen anschauen, ist dieselbe Sendung nicht mehr. Es fehlt der besondere Programmplatz, die bestimmte Tageszeit, das Warten auf den Beginn, das Jucken in den Fingern, wenn man weiß, daß man jederzeit, etwa in den Werbeblöcken, umschalten kann - all das, was das Fernseherlebnis tatsächlich ausmacht.
Boris Becker und Bin Ladin
Denn Fernsehen ist weder der einzelne Sender noch die einzelne Sendung, weder das Gerät noch das Programm: Es ist dies alles zusammen und zugleich viel mehr. Der Daumen drückt auf „An“, der Bildschirm flimmert, und etwas Unerhörtes, Niegesehenes erscheint, der erste Mensch auf dem Mond, die brennenden Türme in New York, Boris Beckers Triumph in Wimbledon, das Gesicht Usama Bin Ladins; und im gleichen Augenblick ist es vorbei, ist es die Nachricht und die Show von gestern, ein mediales Artefakt, aufbewahrt für künftige Historiker unserer Bilderkultur.
Denn natürlich hat das Fernsehen Geschichte. Es ist die Geschichte der Dinge, die es abbildet; der Apparatur, welche die Bilder macht und verbreitet; und der Bilder selbst. Von der Geschichte der Apparatur erzählen die Technikmuseen und privaten Sammlungen, etwa das Museum für deutsche Fernsehgeschichte in Wiesbaden, das eine Unmenge alter Sendegerätschaften versammelt, und die Zeitgeschichte wird in Büchern und Archiven aufbewahrt. Nur die Fernsehbilder selbst haben keinen Hüter. Bei den Sendern verstopfen sie die Lagerräume, und auf dem Markt sinkt ihr Wert mit dem Nachrichtenwert der gezeigten Personen und Ereignisse: Vergessen und Verschleudern sind eins.
Nur etwa dreihundert Dokumente
Diesen Kreislauf will das Deutsche Fernsehmuseum durchbrechen, das heute in Berlin eröffnet wird. Die Vor- und Frühgeschichte dieser Eröffnung ist ein Trauerspiel eigener Art, das von gebrochenen Zusagen der Sender handelt, von Zuschüssen, die schrumpften, Sponsoren, die absprangen, von politischem Gerangel und kultureller Kleinstaaterei. Das Budget des Museums, das acht Millionen Mark betragen sollte, liegt jetzt bei einer Million Euro und wird zu zwei Dritteln von einem Berliner Wasserwerk finanziert; ARD und ZDF steuern lumpige hunderttausend Euro bei, die Privatsender keinen Cent. Und statt der zehn- oder fünfzigtausend Bilddokumente, die man in einem Museum des Fernsehens zu finden hofft, wird man zur Eröffnung auf den Computern der Berliner „Programmgalerie“ nur etwa dreihundert und bis zum Jahresende vielleicht doppelt so viele anschauen können.
Aber, und das ist das Wichtigste: Das Fernsehmuseum ist da. Es ist nicht mehr wegzudenken aus dem Ensemble des Filmhauses im Sony-Center; es bildet die überfällige Ergänzung zum Berliner Filmmuseum, das ab Herbst offiziell „Berliner Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen“ heißen soll. Die Studenten der Filmhochschule dffb, die in den obersten Stockwerken des Filmhauses angesiedelt ist, werden die Datenbanken des neuen Museums ebenso benutzen können wie die Besucher der Dauer- und Wechselausstellungen. Und so könnte der Austausch zwischen Film und Fernsehen, die kreative Befruchtung, die draußen im Land so oft scheitert, wenigstens in Berlin gelingen, im Bilderkuckucksheim der Kinemathek.
Fernsehgeschichte als Endlosband
Der Ort, an dem das geschehen soll, ist beengt genug. Das Fernsehmuseum besteht im wesentlichen aus vier Räumen, die das Interesse des Besuchers vom Allgemeinen aufs Spezifische, von der Impression auf das sprechende Detail lenken sollen. Den Anfang macht, hinter einem mit Porträt- und Bildschirmfotos von Regina Schmeken gestalteten Eingangsbereich, der „Spiegelsaal“ des Museumsarchitekten Hans Dieter Schaal, in dem fünfzig Jahre Fernsehgeschichte als dreißigminütiges Endlosband vorbeiziehen. Hier ist so etwas wie die platonische Höhle der Mattscheibenjünger, mit buntgemischten und durch die Spiegelwände hundertfach reflektierten Ausschnitten aus „Derrick“, „Raumpatrouille“, „Bonanza“, „Was bin ich?“, „Wetten, daß . . .?“, „Loriot“, „Tatort“, „Big Brother“ und anderen mehr.
Es folgt ein „Zeittunnel“, der die technische und politische Geschichte des Mediums ausbreitet, von der Braunschen Kathodenstrahlröhre bis zur Berichterstattung über den Tod Johannes Pauls II. Schließlich die Hauptsache, die „Programmgalerie“: vierundzwanzig Sitzplätze an sechs „Fernsehinseln“, an denen man per Mausklick nicht nur einzelne Sendungen, sondern auch Informationen über Regisseure, Schauspieler, Quoten, Skandale und anderes abrufen kann. „Die Fernsehbilder gehören den Zuschauern“, sagt Peter Paul Kubitz, der Museumsdirektor, „und an diesem Ort geben wir sie ihnen zurück.“
Glück von Dauer
In den kommenden Monaten muß sich erweisen, ob die Besucher, denen der Direktor durch eine ständig anwesende Mitarbeiterin technische Unterstützung leisten will, das Geschenk annehmen. Mit der Sonderausstellung „Tor! Fußball und Fernsehen“, die im vierten Raum des Museums läuft (der fünfte wird für Tagungen und Pressekonferenzen genutzt), hat Kubitz einen ersten Akzent für seine künftige Arbeit gesetzt. Ihm geht es um visuelle Erkenntnis durch Bildervergleich, nicht um das Baden in Fernseherinnerungen. Wenn man sich anschaut, wie 1962 und 1982 jeweils ein spektakuläres Foul gezeigt wurde, erfährt man viel über die Geschichte des Mediums, aber auch über den Sport, den es vermarktet und dokumentiert. Wenn es dem neuen Museum nun noch gelingt, ein eigenständiges, nicht am Aktuellen klebendes Konzept für seine Sonderschauen zu entwickeln, hat es den wichtigsten Teil seiner Aufgabe schon erfüllt.
Um das Wachstum seines musealen Kernstücks, der Fernsehdatenbank, macht sich Kubitz wenig Sorgen. Der Erwerb neuer Bilddokumente sei vor allem eine Frage der Ausdauer: „Die Schwierigkeit liegt meistens nicht im Preis, sondern darin, die Rechteinhaber überhaupt zu finden.“ Bis 2012 hat das Fernsehmuseum nun Zeit, zu einer festen Adresse im deutschen Ausstellungsbetrieb zu werden, dann läuft die Finanzierung aus. „Fernsehen macht glücklich“, behauptete vor vier Jahren eine Ausstellung, mit der Kubitz eine erfolgreiche Vorschau auf das neue Museum gab. Jetzt wird sich zeigen, ob das Glück auch von Dauer ist.