04.04.2006 · Paartanz statt Kakerlaken: Mit „Let's Dance“ entdeckt RTL die bürgerlichen Tugenden und wird belohnt. 7,12 Millionen Zuschauer sahen die erste Folge, in der wackere Promi-Laientänzer gestandene Profis umschlangen.
Von Jörg ThomannEs war 22.20 Uhr am Montag abend, als „Let's Dance“, die neue Live-Show bei RTL, zu kippen drohte. Keiner der prominenten Kandidaten, die sich hier als Tänzer versuchten, war gestürzt oder hatte sich gar verletzt, auch nicht Heide Simonis, die frühere Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins, keiner der Moderatoren Hape Kerkeling und Nazan Eckes hatte seinen Text vergessen, und auch das Publikum hatte sämtliche Auftritte brav bejubelt und beklatscht.
Nein, es war der Wertungsrichter Michael Hull, der die Darbietung des Schlagersängersohns und Schauspielers Wayne Carpendale und seiner Partnerin mit folgenden Worten kommentierte: „Es war ein bißchen hölzern, nicht so bantunegermäßig.“ Das war durchaus als Lob an der erwähnten Ethnie zu verstehen, die wir heute allerdings gar nicht mehr so nennen wollen, und überhaupt, daß die Menschen dort alle so viel Rhythmus im Blut haben und so toll tanzen, das ist doch, bitte schön, ein Klischee, oder etwa nicht, und wir sind schon gespannt, was die Kollegen der „taz“ dazu meinen. Hulls Kommentierung aber blieb unkommentiert, auch von Kerkeling. Er gab schnell ab zu Nazan Eckes in den Backstage-Bereich.
Schöne neue Bürgerlichkeit
Ausgerechnet RTL produziert eine Tanzshow, in der es um Walzer, Rumba oder Paso Doble geht, und zwar nicht als Witznummer mit Comedians, sondern als ernsthaften, tapferen Versuch von Tanzlaien, darunter Heide Simonis, an der Hand von Profitanzpartnern auf unbekanntem Parkett zu reüssieren: Ist das nicht ein weiteres Signal, daß die Deutschen bürgerliche Tugenden wieder hochhalten wie gutes Benehmen, Bildung und Stil, wenn sogar dort, wo einst Kakerlaken auf dem Speiseplan standen, nun der klassische Paartanz gepflegt wird? Nun, tatsächlich ist die Sache banaler. Die öffentlich-rechtliche BBC hat vor knapp zwei Jahren mit ihrer Tanzshow „Strictly Come Dancing“ gewaltige Quoten erreicht, das Format unter dem Namen „Dancing With the Stars“ in etliche Länder verkauft und nun eben auch an RTL, wo man den Titel eindeutschte als „Let's Dance“. Sollte die Quote, die zur Premiere stolze 7,12 Millionen betrug, demnächst stark abfallen, dürfte es jedoch rasch wieder vorbei sein mit der schönen neuen Bürgerlichkeit bei RTL.
Erfreuen wir uns also, solange es geht, an den Damen mit den glitzernden Kostümen und den Herren mit dem glänzenden Haar, die in jeweils anderthalb Minuten vorführen, was sie in 45 Trainingsstunden gelernt haben. Heide Simonis ist am Start, aber wir wollen auch den ehemaligen Zehnkämpfer Jürgen Hingsen nicht vergessen, der mit weit aufgerissenen Augen und Mund seine 203 Zentimeter übers Parkett bugsierte. Oder den einstigen „Brisant“-Ansager Axel Bulthaupt, dessen Lächeln während des Tanzes, wie er selbst bekannte, wie in Marmor gemeißelt ist, und ähnliches hätte über seine Arme und Beine sagen können. Von der Grazie der Jungschauspielerinnen, die wir unlängst in der polnischen Ausgabe der Show bewunderten, sind sie Welten entfernt, was die professionellen Juroren erfreulicherweise ganz ähnlich sehen. Deren Wertungen sind mal hintersinnig - Cha-Cha-Cha sei ja eigentlich „eher ein Genußtanz“, muß sich Bulthaupt anhören -, mal rätselhaft, wenn die „binnenkörperlichen Bewegungen“ gepriesen werden. Manchmal klingen sie ein wenig orthopädisch, wenn es heißt, der Tanz eben sei „ein bißchen flachfüßig“ gewesen. Mit Ausnahme der gutmütig-heiteren Katharina Witt macht die strenge Jury den Debütanten klar, daß es hier um Leistungssport geht, und verweigert falschen Respekt. Selbst einer Heide Simonis.
Binnenkörperliche Bewegungen bei RTL
Bis in die Musik hinein gleicht die RTL-Variante den Erfolgsshows der anderen Länder, und beide Moderatoren spielen ihre Rollen gut: Nazan Eckes ist hübsch und dekorativ, Kerkeling pendelt zwischen schmierig und ein bißchen frech („Und nun das Duell: Heide Simonis gegen den langsamen Walzer.“) Gleichwohl verstößt RTL mit „Let's Dance“ mutwillig gegen eherne Regeln des kommerziellen Fernsehshowgeschäfts. Keiner der Kandidaten wird als Geschöpf aus dem unerschöpflichen Reservoir an Castingshows zweitverwertet, niemanden kennt das Fernsehpublikum als Stammgast aus den zahllosen Panel-Runden. Weil sie nicht in einem Trainingslager zusammengepfercht leben, wird auch niemand einen Zickenkrieg oder eine Affäre mit einem Kontrahenten beginnen, die auf dem Boulevard über Tage ausgeschlachtet werden kann. Relativ sicher sind wir zudem, daß keiner der acht Beteiligten vor Jahren einmal Nacktfotos von sich hat machen lassen, die nun unvermittelt wieder auftauchen. Kurz: Die gesamte Publicity, die RTL sich von der Show erhoffen kann, hängt einzig davon ab, wie gut oder schlecht die Herrschaften tanzen. Es ist für den Sender doch ein Wagnis.
Und für Heide Simonis? Um die Mitwirkung von ihr, die heute ehrenamtliche Unicef-Vorsitzende Deutschlands ist, war in der Presse eine zarte Debatte entflammt - als hätte ein Norbert Blüm nicht vor Jahren schon jeden Fernseh-Unfug mitgemacht. In Wahrheit war die Verpflichtung von ihr, die doch schon längst nicht mehr zur RTL-„Zielgruppe“ zählt, ein großartiger Marketingschachzug, konzentrierte sich doch die Aufmerksamkeit der Medien fast ausschließlich auf sie. Fleißig gab sie Interviews und der Öffentlichkeit die Gewißheit, daß es sich hier nicht um eine weitere Trash-Show handeln kann. Ihre Mission hat sie erfüllt, weshalb es nichts schadet, daß sie in der nächsten Sendung ausscheiden wird, sofern sie nicht ein Mitleidsbonus des telefonisch abstimmenden Publikums von Runde zu Runde hievt. Eine Girlgroup-Hupfdohle oder eine Schauspielerin in den Zwanzigern, die mit vierzehn noch Ballett tanzte, wirbelt man eben leichter über die Tanzfläche als eine verdiente Amt- und Würdenträgerin von 62 Jahren, dank deren Auftritt aber immerhin eine RTL-Spende für Unicef heraussprang. Bürgerliche Werte sind sicher etwas Feines, doch auch die materiellen sollte man nicht verachten.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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