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Fernsehkonsum : Willkommen in der Unterschicht

Harald Schmidt - Beleidigung der Konkurrenz? Bild: AP

Harald Schmidts Schlagwort des „Unterschichtenfernsehens“ wurde begierig aufgegriffen. Aber eins steht fest: Nicht nur Arbeitslose sehen die Privatsender, nicht nur Reiche und Entscheider ARD und ZDF, doch schauen wir alle viel zuviel.

          Das Schlagwort hat Harald Schmidt geprägt, seit er bei der ARD ist, und die Intendanten haben es begierig aufgenommen: „Unterschichtenfernsehen“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dieses und nichts anderes sollen die Privatsender sein, bei denen Harald Schmidt bekanntlich lange Jahre selbst gearbeitet hat, als er noch jung und witzig war. Jetzt ist er alt und weise, seit seinem Jahresurlaub auf hoher See auch regelmäßig rasiert und hat - offenbar - auch ein ganz neues Publikum.

          Hoheit über den Stammtischen der Medienpolitik

          Denn wenn das „Unterschichtenfernsehen“ Sat.1, RTL, Pro Sieben & Co. sind, wir ihn aber auch bei der ARD im Ersten anschauen, kann doch irgend etwas nicht ganz stimmen. Oder stimmt mit uns etwas nicht? Mag sein, daß viele inzwischen arbeitslos geworden sind und heute bei Aldi einkaufen, nicht weil das für wohlhabende Geizkragen, die gerade aus dem Media Markt kommen, schick ist. Doch sind wir von einem aufs andere Jahr alle viel schlauer geworden?

          In dieselben Kanäle schauen wir und schauen wir nicht, will uns der Altgrieche Schmidt wohl sagen. Die Sender- und Programmchefs aber meinen es ernst. Wenn sie sich das Wort vom „Unterschichtenfernsehen“ um die Ohren hauen, geht es um die Hoheit über den Stammtischen der Medienpolitik und um - Zielgruppen, die vor allem für die Werbeeinnahmen wichtig sind. Auf die ARD und ZDF bekanntlich nicht verzichten wollen, weshalb sie sich auch hier mit den Privaten messen, „Unterschichtenfernsehen“ hin oder her.

          „Entwicklung hin zum künftigen Gesellschaftsstand“

          Doch wer schaut nun wirklich was? Dazu wußte der Medienforscher Michael Darkow von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik diese Woche einiges zu sagen: Demnach sehen Arbeitslose im Schnitt fast fünfundzwanzig Prozent mehr fern pro Tag als Zuschauer, die Arbeit haben.

          Arbeitslose, so Darkow, kommen auf einen täglichen Fernsehkonsum von fünf Stunden und siebzehn Minuten, der Gesamtschnitt der Bundesrepublik liegt bei 210 Minuten. Darkows Betrachtung läuft auf den Befund hinaus, daß sich der Fernsehkonsum „hin zum künftigen Gesellschaftsstand entwickelt“. Wer arbeitslos war, schaut im Schnitt dreizehn Prozent weniger fern, sobald er einen Job hat. Wer seinen Job verliert, der schaut umgekehrt dreizehn Prozent mehr auf die Mattscheibe.

          „Cocooning“

          Generell gilt, daß die Deutschen offenbar eine neue Lieblingsbeschäftigung haben, die viel mit dem Fernsehen zu tun hat und welche man „Cocooning“ nennt: Abgeleitet vom französischen Wort „cocon“, spinnen sich immer mehr Menschen in ihre Wohnungen ein und verbringen dort ganze Wochenenden.

          Gingen vor zwölf Jahren noch 17 Prozent abends aus, sind es heute nur noch 5,9 Prozent. „Der Fernseher ist zum Taktgeber geworden“, sagt Daniel Haberfeld, Leiter der Medienforschung von Seven One Media, der Vermarktungsgsellschaft der Sender von Pro Sieben Sat.1.

          Eine Langzeitstudie über zehn Jahre der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung (GfK), die Seven One Media veröffentlicht hat, verdeutlicht die Entwicklung. Die Untersuchung ergibt, daß die Fernsehnutzung in Deutschland um ein Viertel gestiegen ist. Die tägliche Sehdauer hat sich von 167 Minuten (1994) auf heute 210 Minuten (2004) erhöht. Das entspricht einem Anstieg von 25,8 Prozent.

          Großer Anstieg

          Vor allem Erwachsene ab vierzehn Jahren, die in Ein-Personen-Haushalten leben, sehen mehr fern: Saßen sie im Jahr 1994 noch 233 Minuten vor dem Bildschirm, so waren es im vergangenen Jahr 311 Minuten. Mit einem Anstieg um 33,1 Prozent sind sie die größte Nutzergruppe.

          Einen ähnlichen Anstieg gab es auch bei den befragten Männern zwischen 14 und 29 Jahren, die das Fernsehgerät mit 135 Minuten rund 32,8 Prozent mehr nutzen als noch 1994. Wenn man die Geschlechter insgesamt vergleicht, sind Frauen ab 14 Jahren die intensiveren Nutzer: 237 Minuten sehen sie am Tag fern, Männer in der gleichen Alterskategorie dagegen nur 212 Minuten.

          „Wandel in der Mediennutzung“

          Untersucht wurde in der Studie auch der Konsum von Kindern zwischen drei und 13 Jahren. Mit 93 Minuten ist die Sehdauer annähernd gleichgeblieben. Wie beliebt das Medium Fernsehen bei Kindern ist, zeigt die Entwicklung des Kinderkanals. 2003 hatte der Sender das zweitbeste Ergebnis seit seiner Gründung. Nach Angaben des Kinderkanals betrug der Marktanteil von sechs bis 19 Uhr bei den Drei- bis Dreizehnjährigen im Schnitt 17,9 Prozent. Schließt man die Sendezeitausweitung auf 21 Uhr mit ein, so erzielte der Sender einen Marktanteil von 14,7 Prozent.

          Im vergangenen Jahr stieg dieser Wert auf 14,8 Prozent. Obwohl das Fernsehen noch immer das dominierende Medium sei und mehr als achtzig Prozent der Befragten jeden Tag fernsähen, habe in den vergangenen sechs Jahren ein „deutlicher Wandel in der Mediennutzung stattgefunden“, hin zum Internet. Im Sommer 1999 seien weniger als ein Viertel der 14 bis 49 Jahre alten Nutzer online gewesen. Dieser Wert habe sich mittlerweile mehr als verdreifacht.

          Alle schauen alles

          Das ist der allgemeine Trend. Doch wer sieht bei dem insgesamt zunehmenden Fernsehkonsum was? Auch dies hat Seven One Media untersucht und behauptet nun das Gegenteil einer Studie, welche die Werbegesellschaften von ARD und ZDF vor einigen Wochen veröffentlicht haben. Diese behauptete nämlich, daß der werbetreibenden Industrie ein großer Teil der besonders interessanten Zielgruppen durch die Lappen ginge, wenn nur noch die Privatsender werben dürften.

          Ein erklecklicher Teil der Gutbetuchten und Gebildeten, so die These, werde von der Werbung dann gar nicht erreicht. Auch so kann man also das Stichwort vom „Unterschichtenfernsehen“ wenden. Die Seven One Media behauptet nun in ihrer jüngsten Erhebung das glatte Gegenteil. Man könnte es vielleicht auf den schlichten Nenner bringen: Alle schauen alles, oder jeder guckt überall mal hin.

          Private vor den Öffentlich-Rechtlichen?

          Bei den Topverdienern mit einem Nettohaushaltseinkommen von mehr als 2500 Euro im Monat, so die Studie, lägen die Privatsender sogar mit einem Gesamtmarktanteil von 49,4 Prozent vor den Öffentlich-Rechtlichen mit 45,5 Prozent. Noch überraschender sei der Anteil der „Top-Verdiener“ bei einzelnen eher schlichten Formaten, wenn man diese mit Qualitätsprogrammen vergleicht .

          Da schlägt „Broti & Pacek“ von Sat.1 das WDR-Magazin „Monitor“ und liegt „Die Burg“ von Pro Sieben“ vor „Panorama“ vom NDR - was den jeweiligen Anteil der Besserverdiener angeht. Genauso verhalte es sich bei der Bildung: Das „Kanzleramt“ im ZDF erreiche 18,5 „Bessergebildete“, die Sat.1-Serie „Edel und Starck“ 18,7 Prozent. Und auch die Arbeitslosen, die insgesamt und wenig überraschend ja mehr sehen, schauen private wie öffentlich-rechtliche Programme gleichermaßen.

          Beleidigung der Konkurrenz

          Sogar die Top ten der beliebtesten wie unbeliebtesten Sendungen bei Führungskräften hat man aufgestellt. Besonders angesagt ist demnach „Emergency Room“ von Pro Sieben, schlecht angesehen hingegen „Melodie für Millionen“ vom ZDF.

          Mögen die Sendungsbeispiele auch passend herausgesucht oder willkürlich scheinen, zumal sie sich auf die Zuschauer im Alter zwischen vierzehn und neunundvierzig Jahren beziehen, zeigt die Zahlenschlacht doch wohl eins: Es mag „Unterschichtenprogramme“ geben, das „Unterschichtenfernsehen“ schlechthin aber gibt es nicht. Es taugt als Schlagwort wohl eher, wozu Harald Schmidt es hernimmt: als nette Beleidigung der Konkurrenz, mit der man allerdings ganz nebenbei vor allem das Publikum insgesamt beleidigt.

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