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Fernsehfilm „Schiller“ Kostümquatsch mit Dichtersoße

29.04.2005 ·  Ach, unser pixelklecksendes Säkulum: Ein Fernsehfilm bei Arte zeigt Schiller als primetimetauglichen Zappelphilipp, der zuviel geschnupft, gesoffen und gehungert hat. Worüber der Mann eigentlich geschrieben, bleibt offen.

Von Andreas Kilb
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Manchmal ist es wirklich schade, daß das Fernsehen nicht senden kann, was seine Macher zu sagen, sondern nur das, was sie zu zeigen haben. Martin Weinhart zum Beispiel, Regisseur des Fernsehfilms "Schiller", hat ein paar sehr vernünftige Dinge über den deutschen Klassiker zu sagen, den er porträtiert.

Etwa, daß Schillers Werk "den heute Programmverantwortlichen zu denken geben" sollte, weil es Reflexion statt Entertainment, Ambivalenz statt Klischee, Verunsicherung statt Beruhigung biete: "Für ihn war die Kunst der Schlüssel zu einer humanen Gesellschaft."

Oder daß der frühverstorbene bürgerliche Dichter der "Glocke" ein Bruder im Geiste des frühverstorbenen filmischen Wüstlings Rainer Werner Fassbinder sei, weil er wie dieser seinen Körper, diese "anfällige Maschine", für seine Kunst geopfert habe - "ein Fall von erschreckender Selbstausbeutung" fürwahr.

Weit entfernt von den Heldentaten des Altertums

All dies und noch einiges mehr steht im Presseheft der ARD zu "Schiller", einem mit Szenenfotos, Reproduktionen zeitgenössischer Stiche und Gemälde und einer zweiseitigen Dichterbiographie ansprechend gestaltetem Druckwerk. Leider hat es, allen Anstrengungen der beteiligten Künstler und Institutionen zum Trotz, nicht auch den Weg auf den Bildschirm gefunden.

"Schiller", in dreißig Tagen an Original- oder originalähnlichen Schauplätzen im Schwäbischen und Pfälzischen gedreht, unter Zuhilfenahme diverser Filmfördermittel und mit einer Besetzung, wie man sie bei einem Sujet dieser Größenordnung erwarten darf, verbreitet kaum ein Quentchen jenes Glanzes, der etwa aus Ariane Mnouchkines "Molière" oder Ettore Scolas Kinomärchen vom "Capitan Fracassa" strahlt. Wir sind eben, um es mit Schiller zu sagen, in unserem pixelklecksenden Säkulum noch weit davon entfernt, die Heldentaten des filmischen Altertums zu wiederholen.

Das wäre für die Hauptsendezeit zu viel gewesen

Der Schiller dieses Films ist jung, blond, blaß und blauäugig und wird deshalb unvermeidlich von Matthias Schweighöfer gespielt. Schweighöfer hat mit seinen Auftritten als Benjamin von Stuckrad-Barre in "Soloalbum" und als Baal in Uwe Jansons Brecht-Verfilmung Maßstäbe für den Genie-Look im deutschen Film gesetzt, und aus der gleichen flachen Quelle schöpft er auch hier.

Er macht Schiller, den Träumer, zum Streuner. Er stampft, er schwitzt, er rudert mit den Armen, er bohemisiert. Als er mit der Schauspielerin Caroline Wiethoeft (Barbara Auer) schläft, stöhnt und zappelt er wie ein Teenager aus "American Pie". Anschließend schnupft er eine Prise Tabak von der Wölbung ihres Pos. Es ist der Gipfel der Verruchtheit in diesem Film. Der echte Schiller hat in einem Bordell während des Akts volle fünfundzwanzig Prisen in sich hineingeschnupft, aber das, erklärt Weinhart im Presseheft, wäre "nicht primetimetauglich" gewesen. Viel zu titanisch für die Hauptsendezeit.

Davor muß sich die Volksmusik nicht fürchten

Statt dessen geben uns Schweighöfer und Weinhart einen Schiller light, dessen Geniegehalt den Primetime-Kollegen von der "Volkstümlichen Hitparade" keine Angst machen muß. Von den "Räubern" etwa sieht man gerade genug, um zu erkennen, daß eine Blondine darin vorkommt. Die heißt Katharina (Teresa Weißbach) und könnte Schillers Geliebte sein, wenn der Dichter nicht gar so ein Genie wäre. Der Komödienfuchser und Publikumsliebling Iffland (Robert Dölle) buhlt ebenfalls um Katharina, wenn auch nur zur Tarnung seines homosexuellen Privatlebens - womit das Eifersuchtsdrama gleich im Ansatz erledigt wäre.

Ernsthafter ist die Bedrohung durch die Schergen des württembergischen Herzogs, aus dessen Karlsschule der Regimentsmedicus Friedrich S. desertiert ist; aber noch jeder Uniformierte, der in Schillers Fachwerkstube im "Roten Ochsen" zu Mannheim erscheint, entpuppt sich als alter Schulfreund. Es geht nichts richtig schief in "Schiller", kein Schreib- und kein Liebesprojekt, aber es geht auch nichts richtig los. Von kleinen Erfolgen, kleinen Intrigen, kleinen Lüsten und Krisen angetrieben, trottet die Geschichte wie ein Latein büffelndes Maultier dahin, ohne daß man so recht begriffe, warum der blonde Fritz nicht jene Sittenstückchen und Kalendergedichte schreibt, die sich viel besser verkaufen als sein "Fiesco".

Nur der zum Steinerweichen pfälzernde Jürgen Tarrach als Theaterchef Dahlberg ("So, wie des do steht, tät uns des ruiniere!") bläst einen erfrischenden Schwall altdeutschen Provinzmuffs in die keimfreie Kulisse. Als Schiller bei einem Festgelage seine "Ode an die Freude" deklamiert, bekommt Dahlberg prompt einen Herzanfall, was ihn sogar noch sympathischer macht.

Sie hätten Schiller lesen sollen!

Schiller, das immerhin sehen wir in "Schiller" deutlich, hat sein Lebtag lang zuviel geschnupft, gesoffen und gehungert, hat seine Socken nicht getrocknet und seine Locken nicht gefönt und ist mit offenem Kragen und naßgeschwitzten Hemd in der Rokoko-Kälte herumgelaufen, bis sich sein Dichterschnupfen zu einem grippalen Infekt radikalisiert hatte. Für einen Auftritt als warnendes Beispiel im "Gesundheitsmagazin Praxis" ist unser Film-Schiller damit qualifiziert - aber worüber hat der Mann eigentlich geschrieben?

Wenn er in der Ankündigung seiner "Rheinischen Thalia", die in Weinharts Film beiläufig erwähnt wird, das Publikum als "mein Studium, mein Souverän, mein Vertrauter" anspricht, meint er da nicht vielleicht auch uns? Und sollte das nicht womöglich Folgen für die Form eines Fernsehfilms haben, der mehr als den üblichen Kostümquatsch mit Schillersoße bieten will? Die Herren der Primetime wären in der Tat gut beraten, Herrn Schiller zu lesen. Nur für Weinharts "Schiller" kommt der gute Rat leider zu spät.

An diesem Freitag abend um 20.40 Uhr bei Arte.

Quelle: F.A.Z., 29.04.2005, Nr. 99 / Seite 44
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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