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Fernsehen : Wer paßt schon in den Lederchefsessel?

  • -Aktualisiert am

„Big Boss” bei RTL: Calmund Bild: RTL

Zweimal sechs Personen suchen einen Führungsposten - doch über ihre Karriere entscheidet der „Big Boss“: Wie sich der frühere Fußballmanager Reiner Calmund bei RTL als Ausbilder versucht.

          Das Angenehme an einem Interview mit Reiner Calmund ist, daß man endlich mal zum Nachdenken kommt. Während er redet und redet, hat man viel Zeit, sich zu überlegen: Ob es sinnvoll wäre, die Frage noch ein weiteres Mal zu wiederholen, oder ob Calmunds Gesprächsfluß irgendwann am Ende von ganz allein dorthin zurückmäandern würde, ob man die Leute von RTL, die diesem Mann eine eigene Sendung mit endlicher Sendezeit gegeben haben, bewundern oder sie bemitleiden soll, ob man das Eisfach zu Hause nicht schon am kommenden Wochenende abtauen sollte und was für eine merkwürdige Sache die "Authentizität" ist, die bei dieser Gelegenheit wieder viel beschworen wird.

          Denn der echte Reiner Calmund, der einem gegenübersitzt, erfüllt sehr gut das Bild von einem harten, etwas unangenehmen Chef, wenn er am Ende doch noch die Frage zur Kenntnis nimmt, wie viele Leute er schon gefeuert habe in seinem Leben: "nicht genug"; wenn er endlos seine Erfolge und Stärken aufzählt; wenn er davon berichtet, wie er seine Kinder erzogen hat, nämlich "nicht mehr ganz modern" und "sehr streng", und dann meint, er habe sie "zu sehr verwöhnt"; wenn er zitiert, was angeblich Leute über ihn gesagt haben: "Wenn du bei dem arbeitest, freust du dich aufs Sterben"; und wenn er sich einen "lieben kleinen Drecksack" nennt.

          Ein Riesenkuschelbär

          Der Reiner Calmund, den man gerade auf dem Fernsehschirm gesehen hat, in einem Zusammenschnitt aus der ersten Folge von "Big Boss", sah dagegen aus wie ein Riesenkuschelbär, der ein paar markige Sprüche vom Teleprompter abliest und mit Mühe einen grimmigen Gesichtsausdruck in die Kamera hält. Alle Beteiligten schwören, daß Calmund als "Big Boss" ebenso wie seine Mitstreiter keine Sätze vorgegeben bekommt, sondern spontan und authentisch reagiert hat, daß alles andere bei Calmund auch gar nicht möglich sei.

          Der Fernseh-Calmund benutzt allerdings nicht nur viel kürzere Sätze, sondern sagt vor allem dauernd so Sachen, die er sich aus irgendwelchen amerikanischen Spielfilmen oder Boot Camps abgeguckt haben könnte: "Ihr wart ja nicht schlecht", ruft er den Möchtegernunternehmern zu, "ihr wart miserabel." Als "hart, aber herzlich" bezeichnet er sich, als sei das irgendwie originell.

          Die Hotelketten-Erbin Bettina Steigenberger, die ihn in der Sendung berät, wird anmoderiert mit den Worten: "Sie ist nicht so streng, wie sie aussieht, sondern strenger." Und Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftszeitschrift "Euro", der zweite Berater, sagt, daß er in seiner Karriere gelernt habe: Wer Erfolg haben will, braucht eines: "Feuer, Feuer, Feuer".

          Klischees und Platitüden

          Die Bosse: Tichy, Calmund, Steigenberger
          Die Bosse: Tichy, Calmund, Steigenberger : Bild: RTL

          Man muß sich durch viele solcher Klischees, Platitüden und plakativer Inszenierungen kämpfen bei "Big Boss". Zwölf Kandidaten, sechs Frauen und sechs Männer, müssen in dieser "Reality-Serie" beweisen, daß sie zur Führungspersönlichkeit taugen. Jede Woche fliegt der Schwächste, am Ende bekommt der Gewinner 250.000 Euro, mit denen er ein eigenes Unternehmen gründen soll (alternativ würde sich "Big Boss" um einen exklusiven Managementposten kümmern). Und natürlich sehen wir die zwölf, wie sie bedeutungsschwanger in Zeitlupe auf die Kamera zugehen, natürlich sitzt der "Big Boss" in einem überlebensgroßen schwarzen Lederchefsessel, der selbst Calmund klein wirken läßt, und natürlich stehen die Kandidaten ihm gegenüber wie Schüler beim Direktor in zwei Reihen arrangiert. Da wird kein Versatzstück ausgelassen.

          Das ist schade, denn andererseits wirft das Format spannende Fragen über das Wesen des Unternehmertums auf. Wie ist etwa ein Kandidat zu bewerten, der zunächst eine katastrophal falsche unternehmerische Entscheidung getroffen hat, dann aber mit großem Einsatz gekämpft hat, ihre Auswirkungen zu minimieren. Calmund sagte, jemanden, der so sehr kämpfe wie ein Löwe, könne er nicht durch Rauswurf bestrafen. Tichy dagegen meinte, das sei unrealistisch: "Wenn du im wahren Leben als Unternehmer die richtige Entscheidung triffst, wirst du unendlich belohnt - sonst unendlich bestraft."

          Ganz unamerikanisch

          Alle betonten, bodenständig und "ganz unamerikanisch" an das Thema heranzugehen - was niedlich ist, da RTL das Format zu "Big Boss" doch in den Vereinigten Staaten gekauft hat, wo Donald Trump unter großer Anteilnahme des Publikums "The Apprentice" suchte. Aber Pro Sieben erlitt mit einem lebensfernen Plagiat namens "Hire or Fire" spektakulär Schiffbruch. "Das Motto ,Hire or Fire' paßt im Moment nicht nach Deutschland", sagt Calmund, "man kann das nicht eins zu eins adaptieren, wir haben eine ganz andere Unternehmenskultur."

          "Big Boss" vermeidet einige grundsätzliche Fehler der Kollegen: Es geht nicht um den für die meisten Zuschauer mysteriösen Posten eines "Creative Director", und Calmund ist im Gegensatz zum Pro-Sieben-"Boss" John de Mol einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Auch die Art der Aufgaben, die die Kandidaten erfüllen müssen, soll Lebensnähe statt Yuppietum suggerieren: In der ersten Folge müssen die Teams Würstchen in der Frankfurter Innenstadt verkaufen. Die Frauen entscheiden sich, das wenig spektakuläre Produkt mit einem Hauch von Erotik interessanter zu machen, und bieten die Ware inklusive roter Rosen und Küssen an.

          Die Männermannschaft hatte keinen Plan; ein Kandidat versuchte sich hinterher dadurch zu rechtfertigen, man habe versucht, "Key-Accounts" zu finden. Der junge Mann bekam darauf die Antwort, die er verdiente, doch auch die Frauen wurden gerüffelt. Chefredakteur Tichy sagt, man müsse Wirtschaft wieder "ein Stück popularisieren und erklären". Und eines seiner Ziele sei es, in der Sendung für "nachhaltiges Wirtschaften" zu werben. Dem widerspreche sowohl die billige Kuß-Aktion als auch, daß das Frauenteam einem Muslim, der sich erkundigte, ob in den Würstchen Schweinefleisch sei, fröhlich antwortete: "Nein, das kommt vom Metzger."

          Elf Folgen "Big Boss" laufen von heute an immer dienstags um 20.15 Uhr bei RTL.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2004, Nr. 250 / Seite 46

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