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Fernsehen Von Quasselstrippen und Hinguckern

01.03.2005 ·  Die Verteilung des Programminhalts scheint klar. ARD und ZDF stehen für seriöse und gehaltvolle Informationen, die Privaten hingegen widmen sich überwiegend der Unterhaltung. Doch ein tieferer Blick lohnt sich.

Von Michael Hanfeld
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Die Öffentlich-Rechtlichen machen bekanntlich - vor allem nach eigenem Empfinden - das gute und die Privaten das anspruchsvolle Fernsehen für die Unterschicht, wie der gebührenfinanzierte Harald Schmidt zu Scherzen beliebt, seit er im Ersten sendet. Doch schauen wir nur einmal isoliert auf das Informationsangebot am Sonntag abend, erwies sich das wenig Triftige solchen Selbstlobs an diesem Wochenende besonders deutlich.

Da lief nun im Ersten die Talkshow von Sabine Christiansen in bewährter Quasselbudenmanier, alle redeten durcheinander, aneinander vorbei und niemand zur Sache, die mit den Armen rudernde Animateurin als fleischgewordene Nebelmaschine mittendrin. Wer das Gegenteil von Aufklärung erleben will, der muß bei der ARD Christiansen schauen. Enthemmte Politiker brüllen herum und bezeugen in einer Weise ihre Hilflosigkeit, die schon bedrohlich wirkt.

Vor drei Wochen schien es, als würde die Republik von den Rechten übernommen, nun wurde der Visa-Skandal samt den Manövern des Außenministers, dafür die Verantwortung zu übernehmen, ohne Konsequenzen zu ziehen, zerredet, bis wir den SPD-Politiker Olaf Scholz, der zwischen zwei blaß-stammelnden Oppositionspolitikern von CDU und FDP saß, sagen hörten, daß Deutschland doch ein wahrhaft schönes und reiches Land sei und man alles dafür tun werde, daß dies sich auch in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren nicht ändere. Helmut Kohl hätte es seinerzeit nicht schöner sagen können, auch wenn die blühenden Landschaften damals für die ukrainische Mafia noch "No-Go-Areas" waren - für jene Mafia, die es nach Angaben von Olaf Scholz in unserem Land ja gar nicht gibt.

„Spiegel TV“ forscht nach

Ob der Mann jemals aus dem Regierungsviertel nach Berlin-Neukölln gefahren ist? Wohl kaum, die Bewohner des Christiansen-Kosmos fließen generell auf einer anderen, äußeren, äußerst pensionsberechtigten Umlaufbahn. Die Reporter von "Spiegel TV" hingegen waren da, wo die Berliner Regierungspolitik nicht mehr durch-, ja schon gar nicht mehr hinblickt, und berichten - wir sind übrigens vom öffentlich-rechtlichen zum privaten Fernsehen gewechselt - über den "Ehrenmord" an der dreiundzwanzigjährigen Türkin Hanife C., die mutmaßlich von ihren drei Brüdern auf offener Straße hingerichtet wurde, weil sie einen Lebenswandel pflegte, welcher ihren männlichen Familienmitgliedern als zu westlich erschien.

Sie hatte sich von dem Mann, mit dem sie in der Türkei zwangsverheiratet worden war, getrennt, zog ihren fünf Jahre alten Sohn alleine in Berlin auf und stand kurz vor der Gesellenprüfung als Elektrotechnikerin. Ihre Vita ginge in einem Hochglanzprospekt der Bundesregierung als prototypisch für eine gelungene Integration bestimmt prima durch - wenn sie nicht erschossen worden wäre. Ihre Mörder dürfen sich als Ehrenmänner fühlen, die Zeugen der Tat sind, wegen der sozialen Rückendeckung der Täter, so eingeschüchtert, daß es nicht leicht sein wird, dieselben zu überführen. Schließlich schweben jetzt die Zeugen in Lebensgefahr und müssen sich mit ihrem Schicksal so allein gelassen fühlen wie Hanife C., die mit dem Leben bezahlte, weil sie für sich jene Freiheiten beanspruchte, die das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland jedem zubilligt.

Stefan Aust groß in Form

Doch war das noch längst nicht alles, was das private Informationsprogramm, mit dem der taumelnde Privatsender RTL (der vielleicht einfach mehr von solchen Magazinen haben sollte) sich schmückt, an diesem Sonntag in petto hatte. Stefan Aust war im Aussprechen beißender Zynismen groß in Form. Seine Reporter hatten eben noch den Außenminister Joschka Fischer vor der Kamera, der ganz locker "zwei Fehler" einräumte und sodann seine Abscheu über die unanständige, weil wahlkampfgetriebene Kritik an ihm zum Ausdruck brachte.

Da berichtete "Spiegel TV" über die Einreise billiger Arbeitskräfte aus Polen, die zwar legal, aber trotzdem ein Skandal ist: Für vier Euro die Stunde schuften die modernen Sklaven in den fleischverarbeitenden Betrieben landauf, landab. 26000 Metzger haben in Deutschland in den letzten Monaten ihre Stellung verloren, weil die polnischen Billigarbeiter in Bussen über die Grenze gekarrt, in Wohnheime gepfercht und für Vierzehnstundenschichten am Ende des Monats mit 470 Euro abgespeist werden.

Europäische Freizügigkeit

Allein gelassen von der Politik (nicht nur der Regierung, die Opposition scheint sich für so etwas auch nicht zu interessieren), sind Betriebsräte und Gewerkschafter reichlich hilflos. Und was sagt der Wirtschaftsminister Wolfgang Clement dazu, daß vermeintliche Werkverträge massenhaft zum Anheuern von Hilfskräften mißbraucht werden, die noch weniger verdienen als Schwarzarbeiter auf dem Bau, wenn sie nicht von der Schleusermafia gleich ganz um ihren Lohn betrogen werden? Das ist Freizügigkeit! Die Freizügigkeit, welche die EU meint, sich aber nicht darum kümmert, was sie anrichtet.

So schön ist es in der reichen Bundesrepublik, daß man nur hoffen kann, daß die NPD nicht irgendwann auf den Trichter kommt, auf ihren neobraunen Zirkus zu verzichten und sich so cool und aufgeklärt zu geben, wie das einst Pim Fortuyn in Holland tat. Der ebenfalls erschossen wurde. Was den Denkern bei Christiansen seinerzeit bestimmt auch nur stichflammenartig zu denken gab. Nur keine Panik, am nächsten Sonntag senden sie wieder. Glücklicherweise nicht nur im Ersten.

Quelle: F.A.Z., 01.03.2005, Nr. 50 / Seite 46
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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