25.06.2005 · UFA-Chef Wolf Bauer über den Boom der Telenovelas in Zeiten des sozialen Abstiegs: „Telenovelas befriedigen tiefe Bedürfnisse von Mehrheiten in der Zuschauerschaft. Sonst hätten wir nicht diesen Zulauf.“
UFA-Chef Wolf Bauer über den Boom der Telenovelas in Zeiten des sozialen Abstiegs: „Telenovelas befriedigen tiefe Bedürfnisse von Mehrheiten in der Zuschauerschaft. Sonst hätten wir nicht diesen Zulauf.“
Herr Bauer, den vorletzten Fernsehtrend, die Gerichts- und die Reality-Shows, hat Ihre Firma verschlafen. Im nachhinein können Sie darüber fast froh sein. Nur mit der Schönheits-OP-Show "The Swan" haben Sie noch negative Schlagzeilen gemacht.
Von wegen verschlafen. Vergessen Sie nicht, daß wir das erfolgreichste aller Reality-Entertainment-Formate produziert haben: "Deutschland sucht den Superstar". Aber im Fall "The Swan" bin ich im nachhinein tatsächlich nicht glücklich, daß wir diese Sendung produziert haben. So etwas werden wir auch nicht wieder versuchen.
Schön. Warum?
Ich halte die ganze Entwicklung, die dahinter stand, für problematisch. Sie führt zu einer Imageschädigung des Fernsehens insgesamt. Wenn Sie sich mit solchen Themen beschäftigen, riskieren Sie, daß sich ein Großteil des Publikums abwendet. Einige Sender haben sich mit diesen Shows ihr gutes Image beschädigt, das sie über viele Jahre aufgebaut hatten. In einem Markt, der sich immer weiter fragmentiert, müssen die großen Fernsehsender eine inhaltliche Verträglichkeit garantieren und leisten. Damit die Zuschauer wissen: Da kann ich mich vertrauensvoll hinwenden, Programme dieser Sender kann ich mir anschauen, und meine Kinder können es auch.
Zuletzt waren die Sender eher mit Rendite- und Quotensteigerung um jeden Preis als mit Fragen der Verantwortung beschäftigt.
Das ist sicherlich in den letzten Jahren so gewesen. Ich glaube aber, daß die Reaktionen der Zuschauer den Sendern gezeigt haben, daß sie sich auf einem Irrweg befinden. Ich habe schon vor Jahren fest daran geglaubt, daß es einen Trend in Richtung fiktionales Erzählen gibt. Heute sehen Sie das sehr massiv.
Wenn wir den an den Telenovelas festmachen: Die sind banal, trivial - aber "unbedenklich". Spielt das eine Rolle für ihren Erfolg?
Ich glaube schon. Telenovelas befriedigen tiefe Bedürfnisse von Mehrheiten in der Zuschauerschaft. Sonst hätten wir nicht diesen Zulauf, und die Sender würden nicht derartig nachfragen nach weiteren Telenovelas. Ich glaube, daß das ein nachhaltiger Trend wird. Im übrigen: Märchen sind niemals trivial - die Realität ist es.
Auf Kosten der Court-, Reality- und Pseudo-Doku-Formate wie "K11" oder "Lenßen & Partner"?
Ich glaube, diese Formate haben nur eine begrenzte Laufzeit. Die werden nicht wie Daily Soaps zwölf, fünfzehn, zwanzig Jahre laufen können. Vielleicht haben sie eine Lebensdauer von fünf Jahren.
Seit wann beschäftigen Sie sich mit Telenovelas?
Ich bin 1997 für eine Woche nach Mexiko gefahren und habe mir angeschaut, wie das dort gemacht wird. Schon damals war ich davon überzeugt: Das wird ein Trend bei uns, wenn es gelingt, die Erfolgsformel für europäische Verhältnisse zu adaptieren. Das war eine schwierige Aufgabe, denn es gibt in Lateinamerika natürlich völlig andere Gesellschaftsstrukturen, nämlich Klassenstrukturen. 2000 haben wir eine internationale Telenovela-Konferenz veranstaltet und unsere Autoren und Producer vorbereitet. Seit damals wurden Konzepte entwickelt und den Sendern vorgeschlagen. So lange hat es gedauert, bis sich ein Sender entschloß, sich auf dieses Experiment einzulassen.
Ist es ein Zufall, daß das Genre in einer Zeit zu uns kommt, in der die Gegensätze zwischen Arm und Reich wachsen, Angst vor sozialem Abstieg herrscht?
Das ist mit Sicherheit kein Zufall. Ich glaube, daß der Erfolg der Telenovelas Ergebnis eines Mega-Trends ist. Man konnte ab Ende 2000 sehen, daß sich die ökonomischen Verhältnisse nachhaltig negativ entwickeln. Es entstand daraus ein zunehmendes Bedürfnis nach Weltflucht, nach Möglichkeiten, in eine märchenhafte Welt einzutauchen, sich zumindest eine Zeitlang von den Nöten und Sorgen des Alltags zu befreien. Und ich halte es für eine legitime Aufgabe des Fernsehens, solche Bedürfnisse zu befriedigen.
In welcher Richtung wird sich die Telenovela weiterentwickeln?
Wir sind mit allen Sendern im Gespräch und achten darauf, daß jeder von uns ein Konzept bekommt, das seinem Senderprofil entspricht. Wir werden dadurch eine deutliche Unterscheidbarkeit der einzelnen Angebote haben. Es macht ja keinen Sinn, daß wir eine Art "Bianca" für RTL oder Sat.1 machen. Es gibt fünfzehn, zwanzig Produktionsfirmen in Deutschland, die schon seit zwei Jahren versuchen, mit ihren Telenovela-Konzepten bei Sendern zu landen. Das ist ihnen bisher nicht gelungen, weil die Sender ihnen nicht zugetraut haben, diese komplexe Produktionsform zu beherrschen. Die ist so anspruchsvoll wie keine andere, und ich wüßte nicht, welcher andere Produzent in Deutschland sie beherrscht.
Auf Dauer werden Sie Ihr Monopol nicht behalten können.
Nein - obwohl das für die Sender ein paar Vorteile hätte. In dem Moment, wo Wettbewerb ins Spiel kommt, steigen die Kosten. Zum einen für die Lizenzen, zum anderen für die Autoren, Producer, Hauptdarsteller. Das wird den Sendern am Ende kräftig auf die Preise schlagen. Wenn Sender glauben, mit einer eigenen Produktionsgesellschaft in den Telenovela-Markt einsteigen zu müssen...
Wie ProSiebenSat.1 gerade mit Ihrem ehemaligen Mitarbeiter Christian Popp.
...dann können sie sich darauf einstellen, daß die Preisspirale schön nach oben geht.
Wettbewerb verteuert das Geschäft? Im Gegenteil: Als Monopolist diktieren Sie die Preise.
Nicht in diesem Fall. Die besondere Leistung besteht ja gerade darin, daß wir zu extrem günstigen Kosten eine große Menge hochwertiges Programm anbieten. Es macht keinen Sinn, diese Alleinstellung auszunutzen, indem wir die Preise nach oben treiben, denn die Sender haben klare Grenzen, was die Refinanzierbarkeit angeht. Ich würde dann einfach keine neuen Telenovelas verkaufen können.
Wie ersetzen Sie das Know-how von Christian Popp?
Ich weiß gar nicht, woher der Eindruck kommt, daß er der Mister Telenovela bei uns war. Das Know-how liegt nicht in einer Person, sondern einem komplexen Netzwerk an hochqualifizierten Mitarbeitern der Grundy UFA. Die Producer, die das Programm maßgeblich gestalten, sind ja alle noch da.
Die gehen auch nicht mit?
Nein. Und die Producer machen die Show. Christian Popp hatte eine Zeitlang den Bereich der täglichen Sendungen verantwortet.
Sat.1 hat ihn abgeworben, weil Sie es ablehnten, eine Telenovela zu entwickeln, die gegen "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" laufen soll.
Es gibt eine einzige heilige Kuh bei uns, das ist GZSZ. Das ist ein Programm, das noch eine weitere Laufdauer von vielleicht zwanzig Jahren hat. Und liefert immer noch einen ganz wesentlichen Beitrag für unsere Leistungsfähigkeit.
Gegen Ihre Daily Soap "Unter uns" zum Beispiel würden Sie also eine Telenovela entwickeln?
Wir produzieren jedes Jahr etwa 3000 Stunden Programme - jeden Tag fast neun Stunden. Da müssen wir uns auch selbst Konkurrenz machen - mit einer Ausnahme: GZSZ. Hinzu kommt, daß für jeden, der auf diesem Sendeplatz eine Telenovela machen will, das Risiko des Scheiterns riesengroß ist. GZSZ ist einfach unschlagbar. Und wird es auch weiterhin bleiben.
Wie viele Telenovelas werden 2006 in Deutschland laufen?
Ich glaube, sechs bis acht.
Wie sehr werden Sie dabei auf lateinamerikanische Vorbilder zurückgreifen?
"Verliebt in Berlin", das auf einem kolumbianischen Format beruht, halte ich für eine Ausnahme. Wir haben alle internationalen Vorlagen geprüft und alle wieder vom Tisch gelegt. Alle Telenovelas, an denen wir gerade arbeiten, sind eigene Entwicklungen. Und für die sehen wir jetzt auch einen Markt in anderen europäischen Ländern. Das ist das erste Mal, daß sich ein deutsches Programmgenre in anderen europäischen Ländern offensichtlich durchsetzt, in Frankreich, Holland, jetzt in England, und in Spanien und Italien sind die Verhandlungen im Gange.
Die Telenovela wird unschlagbar günstig produziert. Bei "Bianca" entstehen 43 Minuten Sendezeit pro Drehtag - ein einsamer Rekord. Seit Sie mit "Hinter Gittern" die billige "industrielle Produktion" eingeführt haben, versuchen Sie, die Sender von solchen Produktionsweisen zu überzeugen. Ist mit den Telenovelas der Durchbruch geschafft?
Noch nicht in dem Maße, wie ich es erwartet hatte. Die Rahmenbedingungen für die Sender werden allerdings immer schwieriger. Ich erwarte, daß von ihnen noch sehr viel konsequenter programmwirtschaftliche Überlegungen vorangetrieben werden: Wie können wir gutes Programm für weniger Investitionen bekommen? Wir dachten, nach dem Erfolg von "Hinter Gittern" würden uns die Sender die Tür einrennen und sagen: Wir wollen auch so ein Programm haben, das so stabil läuft, und das zu einem Preis, der ungefähr der Hälfte der Kosten einer normalen Serie entspricht. So produziert, daß der Zuschauer die geringeren Kosten nicht sehen kann. Unsere Leistung liegt dabei vor allem im Kreativprozeß: Wie kann man die Drehbuchentwicklung so arbeitsteilig organisieren, daß eine gute Qualität in großer Menge entsteht, die beim Drehen nicht mehr Geld erfordert, als vorhanden ist.
Sie machen den anderen Produzenten das Geschäft kaputt, die sagen: Eine gute Serie muß nun mal eine bestimmte Summe kosten.
Aber das wäre ein unsinniges Verharren im Status quo. Man kann sich nicht hinstellen und sagen, ich produziere auch heute noch auf dem Stand von 1995.
Die UFA produziert neben dieser industriellen Ware Events wie "Die Luftbrücke" oder "Dresden". Warum ist der Bereich zwischen diesen Extremen bei uns so unterentwickelt? Die Hochglanzserie scheint es gar nicht zu geben.
Das stimmt nicht. Es gibt eine große Vielzahl und Vielfalt bei Dramaserien. Allerdings haben diese in der Regel auf zehn bis dreizehn Episoden pro Jahr begrenzten Serien eine Schwäche in dem sich weiter fragmentierenden Markt: Sie haben es viel schwerer, sich als Programmarken aufzubauen. Aufgrund begrenzter Budgets können sie auf diesen Sendeplätzen auch nicht andauernd neue "Highlights" einsetzen. Zudem kommen auf einigen Sendeplätzen wieder US-Serien erfolgreich ins Spiel - und dort werden andere Aufwände getrieben. Ein Format wie "Lost" hat Programmkosten in einer Dimension, von der wir nicht einmal träumen dürfen. Der Pilot kostete 20 Millionen Dollar. Und bei uns kostet so ein Pilot vielleicht 1,5 Millionen Euro. Es ist etwas unfair, das in direkten Vergleich zu stellen.
Der Zuschauer tut es trotzdem.
Ja. Auf dieses Mißverhältnis müssen wir deshalb auch neue kreative Antworten finden, sonst werden auf zunehmend mehr Programmplätzen statt deutscher Serien die besten amerikanischen Serien zu sehen sein. Da müssen wir unsere Leistungsfähigkeit noch einmal deutlich steigern - das sehen wir auch als Herausforderung der Stunde: daß wir in der klassischen Dramaserie das Ungewöhnliche, Provokante, Außerordentliche, Überraschende anbieten müssen, damit wir den Wettbewerb gegen die amerikanischen Top-Serien bestehen.