Home
http://www.faz.net/-gs6-oxan
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fernsehen Sie mag die Seite an ihm, die er nicht zeigt

Ein Mensch ohne Halt: Wie sich die Fotografin Herlinde Koelbl einen Reim auf die Existenz des zwischenzeitlich kokainabhängigen Popliteraten Benjamin von Stuckrad-Barre gemacht hat.

© dpa Vergrößern Der Inszenierte: Benjamin von Stuckrad-Barre

Die Leica mitzunehmen war ein Reflex. Die Videokamera dazuzupacken Intuition. Was genau sie in Berlin erwarten würde, wußte die Münchner Fotografin und Filmemacherin Herlinde Koelbl nicht, als sie ins Flugzeug stieg. Der Bestseller-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre hatte sie unerwartet angerufen und um ein Treffen gebeten. Ein paar Jahre zuvor, 1999, ein Jahr nach "Soloalbum" und auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, hatte sie den damals Vierundzwanzigjährigen Popliteraten zum ersten Mal fotografiert.

Es war eine Auftragsarbeit gewesen, für welches Magazin, das weiß Herlinde Koelbl gar nicht mehr. Während der Fotoaufnahmen hatten sie sich unterhalten. Gut unterhalten. Stuckrad-Barre, in weißem Hemd und schwarzem Anzug, hatte auf den Hochglanzfotos so cool ausgesehen, wie es seinem Image als Popikone entsprach. Der Stuckrad-Barre, den Herlinde Koelbl nun in Berlin traf, war ein völlig anderer. Übermüdet, unrasiert, die Nase vom Kokain aufgequollen, das Gesicht vom Alkohol aufgeschwemmt, das T-Shirt von irgend etwas bekleckert.

Mehr zum Thema

Er zittert am ganzen Leib

Im fertigen Film nähert sich die Handkamera ihrem von Verwahrlosung umwehten Gastgeber aus großer Distanz. Durch ein unordentliches Wohnzimmer tastet sie sich vor ins verwüstete Schlafzimmer, wo Stuckrad-Barre für die Kamera den schwarzen Anzug von damals anprobiert. Die Kamera wirft einen Blick aufs Bett. "Hier kann man doch nicht schlafen", hört man Herlinde Koelbl sagen. "Wie schlafen Sie hier?" Wortreich versucht sich Stuckrad-Barre an einer coolen Antwort:

Er nimmt sich ein Stück Papier von einem Haufen Dreck, steigt auf das schmuddelige Bett, läuft achtlos über den darauf verteilten Unrat, zerknüllt den Briefbogen, wirft ihn auf einen anderen Haufen Müll in einer anderen Ecke. "Es ist inzwischen richtig eklig", sagt er frontal in die Kamera. Sein achselzuckendes "Es ist mir egal" soll provozierend abgeklärt klingen. Aber die Sprache seines Körpers widerspricht. Stuckrad-Barre zittert am ganzen Leib. Er schnieft und schnauft, ist ruhelos und maßlos erschöpft zugleich.

"Ich mag die Seite an ihm, die er nicht zeigt"

"Er war in einem Zwischenzustand", erinnert sich Herlinde Koelbl, "ein Zustand, der nur besser oder schlechter werden konnte." Sie schießt ein paar Fotos, stellt ihre Videokamera auf, macht sich Notizen. Und verspricht wiederzukommen. Der ersten Begegnung folgen weitere. Nicht alle Termine hält der Schriftsteller ein. "So ist das mit Drogenabhängigen", warnen sie Freunde. Koelbl verschafft sich bei dem jungen Mann, dessen Wohlerzogenheit ihr auffällt, mit einer Gardinenpredigt Respekt.

Zunächst ist es Neugier, die Herlinde Koelbl dazu bringt, dieses Video-Projekt ohne Auftraggeber auf eigene Rechnung weiterzuführen. Das Angebot, einen Einblick in eine ihr so weit entfernte Welt zu nehmen, reizt sie. Sie beginnt Stuckrads Bücher zu lesen, hört seine Discografie, sichtet seine Fernsehauftritte. Sie trifft ihn in Berlin und später in Zürich, fährt mit ihm in seinen Geburtsort nach Norddeutschland, besucht ihn in der Entzugsklinik, begleitet ihn auf der Tournee mit Udo Lindenberg. "Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, daß ich ihn mag", sagt Herlinde Koelbl. "Ich mag die Seite an ihm, die er nicht zeigt."

Eloquente Drogenbeichte

Vielleicht ist Herlinde Koelbl derzeit die einzige Journalistin, die Lust hat, Benjamin von Stuckrad-Barre zu mögen. Die Rezensionen und Kommentare, die dieser Tage über seinen Wiedereintritt in die Medienatmosphäre berichten, sind, vorsichtig ausgedrückt, mindestens hämisch. Und so hat die leise filmische Langzeitbeobachtung von Herlinde Koelbl, die der WDR morgen in seinem Spätprogramm zeigt, kaum eine Chance, für sich zu stehen. Über Nacht ist sie unfreiwillig zum Bestandteil einer wuchtigen Medieninszenierung geworden, mit der ein Fernseh-Feature des Autors ("Ich war hier"), ein verspäteter Buchstart (von "Remix2") und eine vierwöchige Lesereise bekannt gemacht werden sollen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Leica-Ausstellung Vom Gipsmodell bis zur Kuba-Krise

Auf den Spuren der Geschichte - die Wechselausstellung bei Leica in Wetzlar überrascht mit Raritäten zur Geschichte der M-Serie. Nur einer unter vielen Meilensteinen. Mehr Von Hans-Heinrich Pardey

08.12.2014, 10:26 Uhr | Technik-Motor
Filmtrailer Plötzlich Gigolo

John Turturro hat sich in seinem neuen Film die Rolle des Fioravante sich auf den Leib geschrieben: ein sensibler Florist, dem sein bester Freund Murray (Woody Allen) nahelegt, das Gewerbe zu wechseln und sich als Gigolo zu versuchen. Mehr

06.11.2014, 10:49 Uhr | Gesellschaft
Legalisierung von Drogen Schützt unsere Kinder, stoppt die Prohibition!

Es sind nicht Kiffer und Sozialromantiker, die für die Legalisierung von Drogen trommeln. Es sind Richter und Polizisten, die sagen: Wirklich gefährlich ist das Verbot. Jack Cole war einer der Ersten. Mehr Von Harald Staun

15.12.2014, 22:50 Uhr | Feuilleton
Rennfahrer Bianchi in kritischem Zustand

Der Formel-1-Pilot aus Frankreich befindet sich nach seinem schweren Unfall beim Großen Preis von Suzuka immer noch in einem kritischen Zustand. Er hat sich schwere Kopfverletzungen zugezogen. Mehr

06.10.2014, 15:19 Uhr | Sport
Film-Bösewicht Ray Liotta Insgeheim hoffe ich, dass das ganze System bald zusammenbricht

Er war der berüchtigtste Mafioso in Martin Scorseses legendärem Film Good Fellas, eine Rolle dieses Kalibers hätte er gern mal wieder. Ein Gespräch mit dem Schauspieler Ray Liotta. Mehr

18.12.2014, 16:56 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.05.2004, 20:50 Uhr

Himmlische Ruhe

Von Gina Thomas

Das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg hundert Jahre zurück liegt, neigt sich nun dem Ende zu. Das sollte man nochmals auskosten. Wie die Supermarktkette Sainsbury Werbung mit dem Mythos der Kriegsweihnacht von 1914 macht. Mehr