"Honey Labrador"? Das könnte wohl ohne Scham als Name einer Kunstfigur in einer Reihe mit "Pussy Galore" oder "Xenia Onatopp" stehen.
Aber Honey Labrador ist kein Bond-Girl, sondern in der Ausstattungsshow "Queer Eye for the Straight Girl" die erste lesbische Stilexpertin des amerikanischen Fernsehens. Sie tritt auf als weibliches Gegenstück zu den fünf feinsinnigen Homosexuellen, die in der Sendung "Queer Eye for the Straight Guy" ausgesuchten Männern heterosexueller Natur zu etwas mehr Stil verhelfen.
Nur die Damenwelt war neidisch
Die Reality-Show der fünf smarten Herren, die Woche für Woche drei Millionen Zuschauer verfolgen, ist zu dem geworden, was man "Kult" nennt. Sie gewann im vergangenen Jahr einen Emmy und gab dem kleinen Kabelsender Bravo, Ende 2003 von NBC übernommen, ein Profil und einen staunenswerten Aufschwung von Platz 39 der Zuschauergunst auf Platz 29.
Nur die Damenwelt war neidisch. "Die meistgestellte Frage, die ich höre", sagte der Präsident von Bravo, Bill Gaspin, in einem Interview, ist: "Wann kommt die Version für Frauen?" Welche Frau hat schließlich noch nicht in dunklen Stunden ihre Bude, den Inhalt ihres Kleiderschranks oder die Frisur taxiert und sich nach einem Stilgott als bester Freundin gesehnt? Eben. So bringen nun vier homosexuelle Lifestyle-Experten, drei schöne Männer und besagte schöne Honey Labrador, stilistisch unterbelichteten Frauen ein wenig Chic und Eleganz bei.
Halb entsetzt, halb herausgefordert
Zum Beispiel der neunundzwanzig Jahre alten Nicole, "ganz Business und kein Lover", wie der Lifestyle-Coach Danny mit dem britischen Akzent und der lässigen Glatze formuliert.
Seine Kollegen - Kleider-Connaisseur Robbie, Einrichtungsguru Damon und, in Sachen "Lady" zuständig, Honey Labrador - heulen, halb entsetzt, halb herausgefordert, auf und machen sich an die Arbeit.
Hüttenschuhe und Moonboots
Nicole ist ein richtiges Mauerblümchen und fürchtet den bevorstehenden dreißigsten Geburtstag. Sie sieht einer ungeschminkten Julia Roberts frappierend ähnlich, nur daß sie hagerer und schrecklich nervös ist und, natürlich, gar keinen Stil hat.
Die blonden Haare und das halbe Gesicht hat sie unter einer riesigen Baseballmütze, ihren Körper in einem sackartigen T-Shirt versteckt, darunter ragen aus einer abgeschnittenen Jeansshorts ihre nackten Beinchen, die in einer Kreuzung aus Hüttenschuhen und Moonboots enden.
Sexy muß es sein
Nach einem fröhlich-hysterischen Streifzug der "Gal Pals" durch Nicoles Wohnung ("Eine Fleece-Weste! Ogottogott!") geht es an Nicoles stilistische Rundumrenovierung.
Während Damon ihre farblose, mit Billig-Krimskrams überladene Wohnung einem Make-over unterzieht, gehen Honey und Robbie mit ihr einkaufen. Oberste Devise: Sexy muß es sein.
Wie eine Rummelfahrt
"Wir verlassen jetzt die Komfortzone und den Matronenstil", sagt Robbie mit Klunker-Sandaletten, dem kleinen Schwarzen und aufregenden Stilettos auf dem Arm. Dann bittet Honey zum Ganzkörperpeeling und, doch, doch, zur Po-Maske ("Seetang glättet die Haut").
Nicole läßt das Ganze mit sich geschehen wie eine Rummelfahrt, aufgekratzt kichernd. Nur einmal, auf die Frage, wie ihr die Tour de force bisher gefalle, wagt Nicole Widerspruch. "Nehmt das jetzt bitte nicht persönlich", sagt sie, "aber ich finde, es ist alles sehr ... oberflächlich." Natürlich, Schätzchen, denn um nichts weniger geht es hier: den Triumph von Stil über Inhalt.
Die "innere Diva" zum Leuchten bringen
Während "Queer Eye" in der Herrenversion die Männer vor allem zum Glänzen vor ihren Freundinnen oder Frauen herausfordert, will man bei den Frauen einfach einmal die "innere Diva" zum Leuchten bringen.
Macht also nichts, daß Nicoles in schicke Mauve-Töne gewandelte Wohnung samt asiatisch-schlichter Einrichtung und Meditationsgarten mit ihrer Besitzerin nicht mehr viel zu tun hat, daß Nicoles erste Po-Maske wohl auch ihre letzte bleiben wird.
„Wir sind nicht Godzilla“
Es macht einfach Spaß, das Mauerblümchen in Tunika, engen Jeans und Straßsandaletten aufblühen zu sehen. "Schaut mal, sie hat freiwillig die Stilettos angezogen!" juchzt Danny, um sich gleich darauf zu bremsen: "Okay, aber kleine Schritte, wir sind nicht Godzilla."
Bravo hat sich mit "Queer Eye", wenn auch nicht zu Godzilla, so doch zu einer ernstzunehmenden Größe im amerikanischen Kabelfernsehwald entwickelt. Mit neuen Sendungen wie dem von Heidi Klum moderierten "Project Runway" oder der Filmnachwuchs-Plattform "Project Greenlight" von Matt Damon und Ben Affleck hat man inzwischen weiteres Prestigematerial für ein breites Publikum an Land geholt.
Ein "mutiger Kunstsender“
Unterdessen sahen sich MTV und Showtime kürzlich gezwungen, ein eigenes Projekt, das mit homosexueller Hipness kokettierte, zurückzustellen: Im Februar sollte mit dem Sender Logo der erste homosexuelle TV-Kanal Amerikas starten. Nun ist der Start auf den Sommer verschoben worden.
Bravo-Chef Gaspin bestreitet aber, daß sein Sender die Lücke gefüllt habe. Bravo sei bloß ein "mutiger, zu Kontroversem neigender Kunstsender".