27.11.2005 · Es ist immer wieder dasselbe: Im Sat.1-Zweiteiler „Die Luftbrücke“ verliebt sich die Berlinerin Luise in einen amerikanischen General, bevor ihr totgeglaubter Gatte aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt. Luftbrücke, Dresden, Flut: Nico Hofmann erklärt, wie er aus deutschen Mythen maßgeschneiderte TV-Events macht.
Es ist immer wieder dasselbe: Im Sat.1-Zweiteiler "Die Luftbrücke" heute verliebt sich die Berlinerin Luise in einen US-General, bevor ihr totgeglaubter Gatte aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt. Im RTL-Zweiteiler "Die Sturmflut" (Anfang 2006) will eine Hamburger Krankenschwester einen Oberarzt heiraten, doch am Tag vor der Hochzeit kehrt ihr früherer Freund von See heim. Im ZDF-Zweiteiler "Dresden" (Frühjahr 2006) verliebt sich eine Krankenschwester, die mit einem Oberarzt verlobt ist, in einen abgeschossenen Engländer. All diese historischen Fernsehevents werden von der Firma Teamworx produziert. Deren Chef ist Nico Hofmann, 45.
Herr Hofmann, muß jedes große Historiendrama in einer Eine-Frau-zwischen-zwei-Männern-Konstellation erzählt werden?
Nicht zwangsläufig. Aber diese Dreieckskonstellation spielt in der Filmgeschichte schon immer eine Rolle. Da können Sie "Casablanca", "Pearl Harbour" oder unseren "Tunnel" nehmen. Die Modellanordnung ist kraftvoll, sie hat das Potential an Identitätssuche und Suche nach Selbstbestimmung. Heino Ferch spielt in der "Luftbrücke" ja sozusagen die amerikanische Front, Uli Noethen die deutsche, die beiden Männer personifizieren so die politische Hintergrundgeschichte des Films.
Sind die einzelnen Autoren darauf gekommen, oder entwickeln Sie vorher zusammen die Strategie?
Der Rußland-Heimkehrer, das Verlieben in den amerikanischen General und eine deutsche Frau dazwischen - das war in der Tat die Grundidee. Ich bekenne mich auch dazu, das gleiche bei "Dresden" gemacht zu haben - weil sich solche Stoffe nur erzählen lassen, wenn man ein Bindeglied auf deutschem Boden hinzuerfindet. Sonst wären die Engländer, die aus der Luft Bomben werfen, eine völlig abstrakte Größe geblieben. Du mußt eine persönliche Verzahnung finden, um diese Ebene in Form einer Figur, wie dem abgestürzten Piloten, im wahrsten Wortsinne auf deutschen Boden runterzuholen. Diese melodramatische Fallhöhe, zu der bekenne ich mich. Ohne sie funktioniert Eventprogramm nicht.
Häufig wünschte man sich, mehr über den jeweiligen Zeitgeist zu erfahren und weniger über die persönlichen melodramatischen Verquickungen der Menschen.
Das kann ich nur bedingt nachvollziehen. "Die Sturmflut" ist dem Naturereignis geschuldet und sicher nicht der ideale Dreh- und Angelpunkt für eine Auseinandersetzung um Schuld und Sühne der sechziger Jahre. Wenn es ein öffentlich-rechtliches Programm gewesen wäre, hätte ich die sechziger Jahre vielleicht noch stärker dramatisiert. In der "Luftbrücke" finde ich den Politikanteil für einen Sat.1-Film an der Obergrenze dessen, was möglich ist. Wir müssen den ganzen Kontext erzählen - die Berlin-Ebene mit Ernst Reuter und Willy Brandt, die Weltpolitik mit Stalin und den USA - und haben nur eine bestimmte Zeitfläche. Das Konstrukt ist von einem melodramatischen Schwerpunkt sogar weggerutscht. Die Zuschauer werden mit vielen politischen Inhalten konfrontiert.
Und das werden sie eher ungern?
Ich denke und wünsche mir, sie schauen gespannt zu. Das Konzept entstand in vier Jahren über den Dialog: Wieviel historisches Material verträgt der Stoff? Die meisten Deutschen denken ja heute über die Luftbrücke, da wurden halt ein paar Wochen lang Lebensmittel nach Berlin geflogen. Die Dimension der Bedrohung, die Nähe zum Dritten Weltkrieg, das Ausmaß der Hilfslieferung - davon wissen die meisten gar nichts mehr.
Diese Zweiteiler entstanden für drei verschiedene Sender. Was sind die Unterschiede? Ist "Die Luftbrücke" für Sat.1 besonders "frauenaffin"?
Definitiv. Unsere Hauptarbeit besteht ja darin, einen Stoff über Wochen und Monate so auszutarieren, daß er zu dem jeweiligen Sender paßt. An der "Luftbrücke" war die Arbeit, die Politik in die Geschichte zu bringen, ohne sie zu verkitschen. Dazu kam die Chemie der Figuren: Wie sehen die Männer aus, derentwegen die Frauen ja auch einschalten? Das ist im Zuschnitt der Liebessequenzen, in der Fokussierung auf eine starke Frau wie Bettina Zimmermann, aber auch in der Weichheit und Wärme wirklich für Sat.1 gemacht.
"Die Sturmflut" ist für die "Cobra 11"-sozialisierten RTL-Zuschauer actionhaltiger . . .
Ja, aber du mußt an so einem Abend auch die "Supernanny"- Frauen begeistern. Bei RTL ist der Film schneller geschnitten. Er kriegt ein viel aggressiveres Sounddesign, wird die Action stärker betonen, die Männer tauchen früher auf. Viele Szenen in der "Sturmflut" haben eine andere Roughheit, Edginess - auch kein schönes Wort: Es ist härter.
Und "Dresden" für das ZDF muß das Wissen der Guido-Knopp-Zuschauer mit dem Anspruch des Montagsfilm-Publikums und dem Herz-Bedürfnis der Sonntagsfilm-Fraktion kombinieren?
Deutlich mehr. Wobei die Bombardierung Dresdens in Deutschland als Mythos-Thema viel rascher verstanden wird als die Luftbrücke in all ihren Verästelungen. Wir haben auch den Ehrgeiz, die Ebene der Engländer genauso authentisch zu erzählen. Und die Bombennacht geht über fast 35 Minuten. Das ist eine erbarmungslose Härte, bei der wir uns gefragt haben, wie weit man das zeigen darf. Sender wie Produzent tragen hierbei eine enorme politische Verantwortung.
Wie wichtig sind für den Erfolg eines teuren "Leuchtturmfilms" ein Hauch Tragik zwischendurch und ein positives Ende, also daß es nicht zu viele Tote gibt?
So ziemlich jeder Film trägt doch den Drang zu einem positiven Ausklang in sich. Eine Notwendigkeit gibt es gar nicht: "Dresden" hört sehr bitter auf, mit der Bombardierung und dem mehrfachen Ende von Beziehungen. Bei einem Zweiteiler ist überhaupt nicht wichtig, wie es hinten aufhört, da ist wichtig, daß der erste Teil am Ende so einen Hook hat, daß die Zuschauer in den zweiten Teil rübergehen.
Es klingt beunruhigend, wenn sogar solche Filme, die als aufwendig und anspruchsvoll angekündigt werden, so stark die Vorlieben des breiten Publikums bedienen.
Für die aktuelle Situation finde ich den politischen Anteil bei "Luftbrücke" und "Dresden" ziemlich anspruchsvoll. Sie können ja bei Sat.1 nicht sagen, wir machen jetzt das mit dem Ansatz von Heinrich Breloer. "Die Luftbrücke" hat für mich eine sehr befriedigende Schnittmenge der Interessen. Verflacht wäre es, wenn da nur deutsche Frauen auf die Errettung durch amerikanische Soldaten warten würden. Und der zweite Teil von "Dresden" ist an Authentischem die Spitze dessen, was man zur Zeit machen kann.
Teilen Sie die Meinung, daß in der sogenannten "Königsdisziplin" Fernsehfilm immer öfter anspruchslos erzählt wird und ambitioniertere Ansätze verschwinden?
Da ist leider etwas dran. Eine gewisse Dunkelheit, Komplexität ist bei den Zuschauern manchmal kaum durchsetzbar. Das ist bitter, aber manchmal gelingt es, wie jetzt bei "Sehnsucht", einem düsteren Liebesfilm mit Misel Maticevic.
Sie sprachen von "Dresden" als deutschem "Mythos-Thema". Ist die Berliner Mauer auch eines?
Daran arbeiten wir ja auch gerade, mehrfach. Man darf damit nicht schlagwortartig umgehen, aber: Die Wiedervereinung ist ein Mythos-Thema, die Mauer und alles im Zusammenhang damit. Hartmut Schoen dreht für uns einen WDR-Film über den Mauerbau, und wir arbeiten an einer mehrteiligen Struktur über den Fall der Mauer, für eine Ausstrahlung 2008/09. Dieser Ausschnitt deutscher Geschichte - Ungarn, die Botschaft in Prag und die Nacht selbst - ein wahnsinniges Thema.
Also muß man sich Teamworx so vorstellen, daß die deutsche Zeitgeschichte nach verfilmbaren Mythen untersucht und dann dafür der passende Sender gesucht wird?
Ich bin zunächst einfach gespannt, wie die nächsten drei Monate verlaufen. Davon hängt ab, wie das Erzählen über deutsche Geschichte weitergeht. Es gibt nicht die glückselig machende Grundstruktur, die man entdeckt und dann ewig fortführen kann. - Es gibt drei, vier historische Zeitpunkte, die ich gerne erzählen würde. Zum Beispiel scheitere ich seit einem Jahr mit einem wunderschönen Rudi-Dutschke-Konzept von Stefan Krohmer: Da habe ich bei vier Sendern eine Abfuhr erlitten. Noch eine Herzensangelegenheit ist so etwas wie ein deutsches "Band of Brothers". Mein Vater ist jetzt achtzig, diese Generation würde ich gern dramatisieren. Auf Grundlage seiner Erzählungen habe ich mit Stefan Kolditz, dem "Dresden"-Autor, ein Konzept entwickelt. Da werden fünf Lebensläufe zwischen 1938 und 1948 in Berlin erzählt, darunter eine jüdische Geschichte - ein Panorama dieser Zeit. Ich habe so eine Erzähllust wie die Amerikaner, die mit ihrer Geschichte viel offener umgehen und von Vietnam bis hin zum Irak-Krieg Politik und Geschichte immer wieder neu erzählen. Mich hat das Thema Nationalsozialismus schon als Regisseur unendlich interessiert. Das hat nichts mit Kalkül zu tun. Es ist auch nicht so, daß man immer mit offenen Armen empfangen wird. Beim Zweiteiler "Flucht & Vertreibung", den wir für die ARD verfilmen, haben wir geschlagene drei Jahre an den Büchern gearbeitet.
Sie verfilmen auch "Nicht alle waren Mörder", den autobiographischen Roman von Michael Degen. Und die Ufa-Produktion will "Die Frau vom Checkpoint Charlie" mit Veronica Ferres drehen.
Es gibt im Moment einfach einen verstärkten Ansatz, historische Themen zu verfilmen, die früher nicht gemacht worden wären: die "Pamir" von Studio Hamburg und "Störtebeker" von der Bavaria gehören auch dazu. Das hat mit deutscher Identitätsfindung und Wirklichkeit zu tun - und vielleicht auch mit sechs Jahren Teamworx. Man kann deutsche Geschichte wieder erzählen, ohne nationalistisch zu werden.