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Fernsehen : Schleichwerbung für 1,476 Millionen Euro

Nebenverdienst: Im Marienhof floß das Geld reichlich Bild: ARD/R.M.Reiter

In den von der Bavaria produzierten ARD-Serien hat es in gut drei Jahren insgesamt 117 Fälle von Schleichwerbung im Wert von 1,476 Millionen Euro gegeben. Nun rollen Köpfe - doch es bleiben Fragen offen.

          Das Ausmaß des Schleichwerbeskandals bei der Produktionsgesellschaft Bavaria ist gelüftet: Am Abend haben der Aufsichtsrat und die Gesellschafter der Bavaria die wichtigsten Ergebnisse zweier Sonderberichte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und der Revision des Südwestrundfunks vorgestellt. Demach hat es in der Vorabendserie „Marienhof“ und in der Serie „In aller Freundschaft“ zwischen Januar 2002 und Mai 2005 Schleichwerbung im Wert von 1,476 Millionen Euro gegeben.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Für achtzig Prozent dieser Summe wurde im „Marienhof“ schleichgeworben, für zwanzig Prozent bei der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“. Die Anzahl der sogenannten „Placements“, also der versteckten Werbung für Produkte oder bestimmte Themen, ist beachtlich: Für den „Marienhof“ wurden in dem kurzen Zeitraum von etwas mehr als drei Jahren neunzehn Verträge mit unzulässigen „Placements“ entdeckt, die jeweils zwei bis zwanzig einzelne Schleichwerbeaktionen umfaßten.

          117 Fälle versteckter Werbung

          Daraus ergebe sich, so die Prüfer, die Gesamtzahl von 117 Fällen versteckter Werbung bei 1000 Folgen der Serie. In 76 Fällen sei Schleichwerbung zwar vereinbart, aber nicht geleistet worden. Bei der Serie „In aller Freundschaft“ wurden vier Verträge über Schleichwerbung gefunden mit insgesamt neun einzelnen Werbeplazierungen, zwölf weitere waren vereinbart, doch fanden sich dafür keine Verträge. Gekostet hat die Schleichwerbung im „Marienhof“ im Einzelfall zwischen 7600 und 11.000 Euro; bei „In aller Freundschaft“, wo für medizinische und pharmazeutische Produkte schleichgeworben werden kann, lag der Preis im Einzelfall mit 25.000 Euro noch bedeutend höher.

          So katastrophal diese Bilanz anmutet - die sich noch auf Schleichwerbung in „Tatorten“ des SWR und des WDR ausweitet bzw. auszuweiten scheint - so beschränkt sind die personellen Konsequenzen, welche die Gesellschafter der Bavaria ziehen: So bleibt der Geschäftsführer der Bavaria, Thilo Kleine, auf seinem Posten. Ihm konnte, wie es im Prüfbericht heißt, „eine positive Kenntnis von Mechanismus, Durchführung und Abwicklung der Placement-Aktivitäten nicht nachgewiesen werden“. Kleine erhält lediglich eine Abmahnung, die Kündigung wird ihm angedroht, falls sich eine solche Geschichte wiederhole.

          Zwei Produzenten werden entlassen

          Fristlos entlassen werden jedoch die beiden Produzenten, welche den „Marienhof“ betreut haben, Bechtle und von Mossner, sowie der Chefdramaturg Lüder, die, wie es heißt, „alle über mehrere Jahre hinweg Placement-Aktivitäten initiiert oder an diesen Aktivitäten maßgeblich mitgewirkt haben“. Abgemahnt werden zudem sieben weitere Mitarbeiter der Bavaria. Den Redakteuren der Vorabendredaktion des Bayerischen Rundfunks, welche den „Marienhof“ betreut haben, könne hingegen kein Vorwurf gemacht werden, sie hätten nicht sorgfältig genug gehandelt, im Gegenteil seien dort manche „Placements“ erkannt und eliminiert worden.

          Doch wie funktionierte die Schleichwerberei? Im Falle des „Marienhofs“ war es laut Prüfbericht so, daß den entsprechenden Placement-Agenturen, der Firma „K+W“ des früheren Schauspielers Andreas Schnoor und der Agentur „Verlag im Kilian“, bereits „in der Frühphase der Konzeptionierung einer Staffel“ dramaturgische Inhalte per E-Mail zugeschickt wurden. Die Agenturen gaben dann ihre Bemerkungen mit den gewünschten Placements zurück. Abgerechnet wurde das Ganze über die Bavaria-Tochtergesellschaft Bavaria Sonor.

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