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Fernsehen Schleichwerbung: Bavaria-Chef Kleine suspendiert

08.07.2005 ·  Auf einmal ging es schnell: Thilo Kleine, der Geschäftsführer der Bavaria, ist am Freitag mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden. Neue Vorwürfe im Schleichwerbe-Skandal seiner Firma seien bekanntgeworden.

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Auf einmal ging es schnell: Thilo Kleine, der Geschäftsführer der Bavaria, ist am Freitag mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden.

Tags zuvor hatten sich Justitiare der an der Bavaria beteiligten Sender mit dem Anwalt des gekündigten „Marienhof“-Produzenten Stephan Bechtle getroffen, der gedroht hatte, er werde mit belastenden Aussagen an die Öffentlichkeit gehen, sollte er weiterhin als Initiator der Schleichwerbeaffäre dargestellt werden, welche die Bavaria und die Sender seit Wochen erschüttert.

Vorstufe der Ablösung

Über 117 Fälle von Schleichwerbung im „Marienhof“ und in der Serie „In aller Freundschaft“ hatten die Wirtschaftsprüfer der KPMG und die Revisoren des Südwestrundfunks in der Woche zuvor den Gesellschaftern der Bavaria berichtet, im Gesamtwert von 1,46 Millionen Euro im Lauf von drei Jahren. Daraufhin war zwei Produzenten der Bavaria, Stephan Bechtle und Michael von Mosner sowie dem Chefdramaturgen Harald Lüder gekündigt worden. Eine „positive Kenntnis“ der Vorgänge hielten die Gesellschafter in Kleines Fall damals aber für nicht nachweisbar. Das hat sich durch Hinweise Bechtles nun offenbar geändert. In Senderkreisen wird kein Hehl daraus gemacht, daß Kleines Beurlaubung nur die Vorstufe zu seiner Ablösung sei.

Thilo Kleine soll zu den neuen Vorwürfen jedoch noch weiter angehört werden. Am Freitag morgen hatten die Gesellschafter der Bavaria - die Intendanten von BR, MDR, SWR und WDR und ein Vertreter der Bayerischen Landesförderbank - die Angelegenheit noch einmal im Lichte der Schilderungen ihrer Justitiare in einer Telefonkonferenz beraten und waren zu dem Entschluß gekommen, den die Intendanten in der Woche zuvor in kleiner Runde so gut wie gefaßt hatten. Nach dieser Besprechung im engsten Kreis wendete sich in den nachfolgenden Sitzungen von Aufsichtsrat und Gesellschaftern aber das Blatt noch einmal zugunsten Kleines. Er wurde wegen „Organisationsversagens“ nur abgemahnt.

Neue Vorwürfe

Jetzt teilte der Aufsichtsratsvorsitzende der Bavaria, Reinhard Grätz, offiziell mit, daß der Geschäftsleitungsausschuß beschlossen habe, „Thilo Kleine mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres“ von seinen Aufgaben zu entbinden. Diese Entscheidung beruhe auf neuen Vorwürfen, „die im Nachgang“ zu der Aufsichtsratssitzung vom 1. Juli erhoben worden seien.

Solchermaßen hat der „Marienhof“-Produzent Bechtle seinen Chef doch noch mit in den Abgrund gerissen. Bechtle wehrt sich gegen den Eindruck, er sei einer der Hauptverantwortlichen in der Affäre. Vielmehr sei er von „anderer Stelle“ in arbeitsrechtlich relevanter Weise zu den unerlaubten Nebengeschäften mit der Münchner Schleichwerbeagentur „K+W“ veranlaßt worden. Das hatte der Anwalt Bechtles den Bavaria-Gesellschaftern schon in dem Schreiben angedeutet, das zu dem Treffen mit den Justitiaren am späten Donnerstagnachmittag führte. Kleine führt die Geschäfte der Bavaria seit Februar 1994. Er war zuvor Fernsehspielredakteur des NDR und geschäftsführender Gesellschafter der Neuen deutschen Filmgesellschaft (NdF) gewesen.

Überhörte Alarmglocken

Damit ziehen die Gesellschafter der Bavaria doch noch einen Strich unter die Affäre, der aber wiederum nur ein vorläufiger sein dürfte. Gibt es doch etliche Hinweise darauf, daß die flächendeckende Schleichwerbung mit System Verantwortlichen in den Sendern nicht verborgen geblieben sein kann. Spätestens seit einem Gespräch am 10. Mai 2004, in dem zwei Vertreter des Bayerischen Rundfunks und ein Mitarbeiter der ARD-Programmdirektion Kleine explizit nach der Schleichwerbung im „Marienhof“ und nach dem Gerichtsverfahren fragten, das gegen den in dieser Sache recherchierenden Journalisten Volker Lilienthal anhängig war, hätten in den Sendern und in der Programmdirektion die Alarmglocken läuten müssen.

Die Schleichwerbung im „Marienhof“ und bei anderen Produktionen der Bavaria sowie den „Tatorten“ des Südwestrundfunks und des Westdeutschen Rundfunks ging weiter. Rechnungen für die sogenannten „Placements“ reichen bis in dieses Jahr hinein.

Quelle: miha. / F.A.Z., 09.07.2005, Nr. 157 / Seite 41
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