04.12.2003 · Mit dem Sat.1-Geschäftsführer Martin Hoffmann, der nun gehen muß, hat Pro-Sieben-Sat.1 eine Symbolfigur geopfert. Es handelt sich um einen Akt der Willkür, um persönliche Dinge, die sich dem rationalen Zugang entziehen.
Von Michael HanfeldDas Massaker ist ein vollständiges. Es fand gestern morgen statt in Berlin, ausgeheckt aber wurde es vor langer Zeit schon in München und später in Los Angeles. Zum Exekutor wurde Guillaume de Posch bestimmt, der neue starke Mann, den Haim Saban in seiner Sendergruppe Pro-Sieben-Sat.1 installiert hat, um nach seinem Willen aufzuräumen. Er gab sich in der Zentrale von Sat.1 höchstselbst die Ehre und dem Geschäftsführer des Senders in dessen Büro kurz und herzlos die Papiere.
Martin Hoffmann, der die Geschäftsführung von Sat.1 vor genau drei Jahren von seinem Vorgänger Fred Kogel übernommen hat und dessen seither programmprägendes Wirken gerade in der letzten Zeit von Erfolgen wie dem "Wunder von Lengede" gekrönt wurde, muß seinen Schreibtisch räumen, und zwar unverzüglich. Schon heute wird sein Nachfolger, der Schweizer Roger Schawinski, erwartet, der bereits seit geraumer Zeit einen Vertrag auf Hoffmanns Nachfolge in der Tasche hatte. Eine Begründung für die Trennung konnte der Konzern gestern auf Anfrage nicht mitteilen. Wie auch? Man hätte schon welche erfinden müssen, um den Eindruck zu kaschieren, der sich nicht kaschieren läßt: Hier handelt es sich um einen Akt der Willkür, um persönliche Dinge, die sich dem rationalen Zugang entziehen. Aber das scheint ja, wenn man bei der Gelegenheit nur einen kleinen Seitenblick auf Bertelsmann wirft, in der Medienbranche zur Zeit Usus zu sein.
Alles paßt zusammen
Seit Monaten schon hatte der seit heute amtierende neue Chef von Sat.1, Roger Schawinski, dank seines Freundes und Landsmanns Urs Rohner, der an der Spitze des Vorstands von Pro-Sieben-Sat.1 steht, das Versprechen auf die Senderführung in der Tasche. Ein anderer - Claus Larass - wurde bei der Gelegenheit auch sogleich und in diesem Fall nicht ganz unerwartet des Feldes verwiesen. Der ehemalige Chefredakteur der "Bild"-Zeitung und für die Nachrichtenprogramme, insbesondere den Sender N 24, zuständige Vorstand muß zum Jahresende gehen. Geschäftsführer von N 24 wird der bisherige Konzernsprecher Torsten Rossmann. So paßt auf einmal einfach alles zusammen. Was nicht mehr paßt und nicht mehr gilt, ist das breite Keep-smiling, das der neue Sendereigentümer Haim Saban vor sechs Wochen noch auf den Münchner Medientagen verbreitet hatte. Und das Lob, das er vor großem Publikum über die Sender und ihre Chefs ergoß, hat sich als ein falsches erwiesen. Wo es zuvor, zu Leo Kirchs Zeiten und danach, immer wieder hörbare Friktionen zwischen zwei mühevoll in einem Konzern fusionierten Sendern gab, da herrscht jetzt Friedhofsstille.
"Sieben Umwälzungen" hätten sie in all der Zeit überstanden, sagte Saban in München und meinte die Zeiten von Kirch und unter der Insolvenzverwaltung. Für die achte und endgültige Umwälzung aber sorgt er nun selbst oder läßt er seine beiden Paladine de Posch und Rohner sorgen. Es werde mit zweierlei Maß gemessen, sagte Saban in München noch, womit er die Unterschiede zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern in unserem dualen Rundfunksystem meinte. An zweierlei Maß aber scheint sich Saban in seinem eigenen Haus auch zu orientieren. Das "Einebnen" der Unterschiede, das er damals ankündigte, klingt jetzt auch ganz anders. Er ebnet ein, was sich in seinem eigenen Unternehmen an Besonderheiten bietet.
Exempel mit abschreckender Wirkung
Denn wie anders als Exempel mit möglichst abschreckender Wirkung soll man es verstehen, daß unter Sabans Ägide die persönliche Abrechnung beglichen wird, die der Vorstandschef Rohner schon so lange zuvor aufgemacht hatte und zuletzt begleichen wollte, als er in diesem Sommer sowohl Martin Hoffmann als auch den Pro-Sieben-Chef Nicolas Paalzow entlassen wollte? Wogegen sich der damalige Fernsehvorstand Ludwig Bauer wandte, dem gerade erst gekündigt worden ist und der nun bei Viva wirkt.
Den erfolgreichsten Senderchef der letzten Jahre von einem Tag auf den anderen vor die Tür zu setzen, der in der gesamten Branche, selbst bei den Konkurrenten, bei den Produzenten, bei den Schauspielern, in der Werbewirtschaft und bei den Kritikern in hohem persönlichen Ansehen steht, der als Mann mit einzigartiger Leidenschaft fürs Programm gilt, der eine Schwachstelle nach der anderen ausmerzte, der herausragende Produktionen wie den "Tunnel" oder jetzt "Das Wunder von Lengede" in Auftrag gab, der einen Film- und Fernsehnachwuchspreis wie "First Steps" mit seinem Sender verband, der loyal bis zum Umfallen für Sat.1 ein Renommee einwarb, auf das sie sogar bei RTL - aller immer noch voranschreitenden Gewinnmaximierung zum Trotz - neidisch sind und wegen dem allein führende Mitarbeiter überhaupt zu Sat.1 gegangen sind: Einen solchen Mann auf den letzten Metern vor dem Ziel abzufangen, wo schwarze Zahlen winken und der Marktführer RTL in Sichtweite kommt, das zeugt schon von einem ungerührten Maß an Ignoranz, das Staunen macht. Oder ist es nicht vielmehr sogar böser Wille? Es klingt vielleicht zu hoch gegriffen, aber wird von vielen in der Branche unterderhand bestätigt: Hier wird eine Symbolfigur geopfert.
Und das ausgerechnet in dem Moment, da die Sendergruppe Pro-Sieben-Sat.1 auf dem Weg ist, das Image des ewigen Zweiten abzustreifen, da es nicht nur für RTL mühsamer wird, sondern auch dessen Kleinsatellit n-tv ins Schlingern gerät und vor allem der Mutterkonzern Bertelsmann für Schlagzeilen sorgt, weil er aus der Weltliga zum Familienverein in Westfalen regrediert. In diesem Augenblick des Aufbruchs demontiert sich die andere, große Sendergruppe selbst. Darüber noch Witze zu reißen, das wird selbst Harald Schmidt schwerfallen. Dabei hatte sich Haim Saban doch in die Pose des großen Retters geworfen! Nun aber läßt er statt dessen Rohners Rache geschehen, demonstriert allen, daß es nicht gut ist, sich allzusehr mit seinem Geschäft zu identifizieren, und läßt wirklich nur eine Frage offen: Wer muß als nächster dran glauben?