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Fernsehen Neun Live auf dem Siegeszug

23.04.2004 ·  Die Betrugsvorwürfe gegen den Fernsehsender Neun Live sind vom Tisch. Die Staatsanwaltschaft München stellte das Ermittlungsverfahren jetzt ein.

Von Michael Hanfeld
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Die Pressemitteilung war unscheinbar und kam zwei Tage zu spät: "Ab Montag, 29. März", teilte der Sender N 24 am Mittwoch, 31. März, mit, gebe es im Nachtprogramm das "N 24 Late Night Quiz". Es handele sich dabei um eine Call-in-Sendung, bei welcher "die Zuschauer den Moderator anrufen und Wissensfragen beantworten sowie Bilderrätsel lösen müssen". Zu gewinnen gebe es "attraktive Geldpreise".

Was N 24 nicht mitteilte, ist der Umstand, daß der Sender Neun Live das Quiz produziert. Und das nicht nur dort: Anfang dieser Woche ist die "Quiz Night" bei Sat.1 auf Sendung gegangen, am Montag geht es bei Kabel 1 los und dann bei Pro Sieben. Mit anderen Worten: Das sogenannte "Mitmachfernsehen" von Neun Live, das darauf abzielt, die Zuschauer zum Anrufen zu bewegen in der Hoffnung auf Geldpreise, ist nicht nur salonfähig geworden, es ist auf dem Siegeszug. Das gilt um so mehr, als gestern die Staatsanwaltschaft München bekanntgab, daß sie die Ermittlungen gegen Neun Live wegen Betrugsverdachts eingestellt habe.

Vorstandschefin sieht Geschäftsmodell bestätigt

Die Ermittler haben sich offenbar einige Mühe gegeben, haben sie doch festgestellt, daß Neun Live kein Besetztzeichen eingespielt und nicht widerrechtlich kostenpflichtige Anrufe auf seinem Anrufbeantworter hervorgerufen hat, die Animation der Moderatoren von Neun Live sei ebenfalls nicht unzulässig, es habe auch keine kostenpflichtigen Rückrufe gegeben, und es könne dem Sender also kein unerlaubtes Glücksspiel vorgeworfen werden.

Die Ermittlungsergebnisse, sagt Christiane zu Salm, die Vorstandschefin der Euvia Media AG, welche den Sender betreibt, bestätigten das Geschäftsmodell "eindeutig" und ließen "keinen Zweifel an der Seriosität des Programms". Mögen die Formate bei den anderen Sendern der Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe vielleicht nicht allzu beliebt sein, worauf die defensive Öffentlichkeitsarbeit hindeutet - sie haben wenig Möglichkeit und Grund, sich den Quiz-Shows zu widersetzen. Sie sind lukrativ und werden vom Holdingchef Guillaume de Posch - wie er im "Spiegel" andeutete - begrüßt. Und was de Posch gefällt, das wird dem Eigentümer Haim Saban wohl frommen. Christiane zu Salm hat also allen Grund, in die Offensive zu gehen: "Jetzt können wir zeigen", sagt sie, "daß diese neue Art von Fernsehen über Neun Live hinausreicht und beim Zuschauer ankommt."

Branche atmet auf

Doch nicht nur Neun Live darf frohlocken, die ganze Branche atmet insgeheim auf. Quizsendungen gibt es heute schließlich fast überall. Das "Newsquiz" bei n-tv läuft seit mehr als zwei Jahren, und auch bei RTL wird um 1.30 Uhr zum "Nachtquiz" gebeten. Wer wach genug ist, die Frage zu beantworten, welche Jahreszeit nach dem Frühling kommt, kann fünftausend Euro gewinnen. Wohingegen man bei N 24 nicht nur die Nachrichten kennen sollte, sondern sich auch bei komplizierten geometrischen Figuren im berüchtigten Rechteckzählen üben kann. Unter neunundvierzig Cent kostet bei kaum einem Sender der Anruf.

Fünfzehn Prozent der Umsätze, sagte der Chef der RTL-Gruppe, Gerhard Zeiler, zuletzt auf der Bilanzpressekonferenz von Bertelsmann, kämen bereits jetzt auf anderem Wege als durch direkte Werbung zustande, wozu mit einem - noch - kleineren Anteil auch das "Mitmachfernsehen" zählt. Zwanzig Prozent sollen es werden. Um welche Summe es dabei gehen kann, zeigt der Blick auf den Gewinn von 503 Millionen Euro, den die RTL-Gruppe im letzten Jahr bei einem Umsatz von rund 4,5 Milliarden Euro vor Steuern gemacht hat. Neun Live hat 2003 derweil einen Gewinn vor Steuern und Abgaben von knapp dreißig Millionen Euro eingefahren, achtzehn bis zwanzig Millionen Anrufer zählte der Sender.

Gereizt hat dieses Geschäftsmodell längst auch ARD und ZDF, die es eher versteckt betreiben. Tagsüber in Servicesendungen wie "Volle Kanne" (ZDF) wird das Publikum ans Telefon getrieben und bei der ARD-"Sportschau" für 62 Cent pro Minute animiert, das Tor der Woche oder des Monats zu ermitteln. Daß es sich bei dieser Anrufrunde um das "Golden Goal" der ARD und um jenen Hebel handelt, mit dem man die 45 Millionen Euro Kosten für die Erstsenderechte pro Saison einspielt, gilt in der Branche als sicher. Schätzungen gehen von fünf bis maximal zehn Millionen Euro aus, welche die ARD pro Saison allein mit den Anrufen in dieser einen Sendung einnimmt. Neun Live ist also nicht nur als Sender aus dem Schneider - als neues Fernsehprinzip hat es den Markt längst erobert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2004, Nr. 96 / Seite 41
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