13.07.2003 · 99 Hausfrauenpopstarballons: Die „Real People“ sind im Fernsehen das Gebot der Stunde. Sämtliche Sender planen weitere Programme, die das vermeintlich wahre Leben präsentieren.
Von Michael Hanfeld-Es ist die allerletzte Werbepause, versprochen, ehrlich, echt: Die Fans von "Big Brother - The Battle", deren Langmut wir ohnehin bewundert haben, wurden vor einer Woche, beim Finale der vierten Staffel der Mutter aller Reality-Schlachten, ein allerallerallerletztes Mal vertröstet. Diese eine Werbepause mußte noch rein, und dann stand fest: Jan, 23, aus Essen, von Beginn an everybody's darling im Container, durfte denselben als Sieger verlassen und 90.000 Euro mit nach Hause nehmen.
Tusch, Feuerwerk im Hintergrund, Zigarre ins Gesicht, Jubel, Trubel im Publikum, eitel Freude Sonnenschein bei Sender und Produzent. Bis zu 3,81 Millionen Zuschauer haben dieses Finale verfolgt, der Marktanteil bei der Zielzuschauergruppe der Vierzehn- bis Neunundzwanzigjährigen lag bei sage und schreibe bis zu 30,4 Prozent. Die Schlacht war geschlagen, RTL 2 und Endemol auf der Siegerstraße. Doch wer hätte das, als die vierte Staffel von "Big Brother" neunundneunzig Tage zuvor gestartet war, mit sportmartialischen Spielchen und Softpornoeinlagen aufgepeppt, gedacht? Sagen wir mal, außer Borris Brandt, dem Deutschlandchef der Firma Endemol?
Toter Punkt
Wohl kaum einer, vor allem wenn man bedenkt, daß "Big Brother" und alle Formate, die unter dem Rubrum "Reality TV" oder "Real People" liefen, zwei Jahre zuvor an einem toten Punkt angekommen waren und auf Jahre hinaus angezählt schienen. Matthias Alberti, der Unterhaltungschef von Sat.1, erinnert sich auf den Tag genau: Es war der 28. Januar 2001, an dem gleichzeitig "Big Brother", "Girlscamp" und "II C" ("to club") starteten: "Das war der Overkill." Dessen Folgen haben das Genre zwei Jahre lahmgelegt, so daß man zu dem Schluß kommen konnte, die Sache mit der Reality habe sich erledigt.
Doch von wegen. Wir erleben nicht nur eine Renaissance, sondern eine Epidemie, die darauf hindeutet, daß es sich hier mitnichten um ein vorübergehendes Phänomen im Programm handelt. Die Pause vom Container & Co. war vielmehr eine "spezifische Anomalie" des deutschen Fernsehgeschäfts, wie auch Matthias Alberti von Sat.1 meint. In anderen vergleichbaren Märkten haben sich die Shows, die sich um die sogenannten "Real People" drehen, einfach kontinuierlicher und ohne solche spektakulären Ausreißer entwickelt. "Reality is coming home", könnte man sagen, oder mit Borris Brandt: "Reality ist ein Genre, das sich nicht mehr wegdiskutieren läßt."
Die Abschlußklasse
Bestes Zeichen dafür ist, daß ein Sender wie Pro Sieben, der in dieser Sparte bis dato eher Schiffbruch erlitt, gleich auf "Reality in Serie" setzt. Vier Shows werden im August anlaufen: die "Popstars", die jetzt, Big-Brother-ähnlich, ins "Duell" müssen, die "Abschlußklasse 2004", die Heimwerker-Show "Do It Yourself - S.O.S." und "Die Casting Agentur". Letztere wird als "reale Dokusoap mit Ruhrpott-Charme" verkauft und betreut von Christiane Ruff, der Geschäftsführerin der Sony Pictures Film- und Fernseh-Produktion. Daß sie sich einen Namen gemacht hat als Sitcom-Königin der Branche, deutet ebenfalls darauf hin, daß die "Real People" in immer mehr Bereiche der Fernsehunterhaltung hineindiffundieren.
Für eine Verwirrung der Begriffe sorgen sie sowieso. Mal sind sie "Doku-Soap", dann "Casting-Show" oder "klassische Reality". Als gemeinsamer Nenner solcher Veranstaltungen wie "Deutschland sucht den Superstar" und "Mein Haus - Dein Haus" läßt sich allenfalls festhalten, daß hier "echte" Menschen, als keine Schauspieler, die tragenden Rollen übernehmen, die "Reality", mit der sie es zu tun bekommen, aber gerade nicht mit derjenigen außerhalb des Fernsehkosmos zu verwechseln ist. Oder, positiv ausgedrückt und mit den Worten des RTL-Unterhaltungschefs Tom Sänger: "Menschen wie du und ich stehen mit ihren Träumen im Mittelpunkt."
Meiser wieder in Not
Wenn der Blick auf die Programmpläne der Sender nicht trügt, deren Glanzlichter sie Ende des Monats auf der "Telemesse" in Köln Werbekunden und Journalisten aufsetzen wollen, wird es am Ende zu so gut wie jedem bekannten Format - zumindest aus Unterhaltung und Fiktion - ein Pendant Marke "Real People" geben. So gibt es bei RTL nicht nur die "Superstars", sondern auch die dritte Staffel von "Meine Hochzeit", "Mein Baby" nicht zu vergessen ("Meine Scheidung" ist angeblich noch nicht in Arbeit). "Deutschlands beste Doppelgänger" sollen in einer Samstagabendshow gefunden werden, "Die Blender" kommen wieder, im Hintergrund funkt nach wie vor und seit Jahren schon Hans Meiser seinen "Notruf", an dem sich die Fernsehkritiker mit sämtlichen Kniffen der gängigen Kulturkritik abgearbeitet haben, bevor "Big Brother" kam und die Grundwerte des Abendlandes ins Wanken brachte, für einige Wochen zumindest.
Sat.1 spielt derweil den Krimi als Reality durch, mit "Lenßen & Partner" oder "Niedrig und Kuhnt", und denkt daran, echte Staatsanwälte in "Real People" umzufunktionieren. Nicht zu vergessen das "Superstars"-Duplikat "Star Search" und das "Family Date", bei dem Eltern unter drei Bewerbern einen aussuchen, der eine Woche mit der Tochter aus höherem Hause in Urlaub fahren darf. (Eine gewisse Vorauswahl gibt es freilich schon.) Frauen liegen ohnehin im Trend, wenn auch in der etwas verqueren Rolle als Tauschware: Den "Hausfrauen-Tausch" wird es als Dokusoap sowohl bei RTL im Herbst als auch von heute abend an schon bei RTL 2, dem reellsten der deutschen Reality-Sender, zu sehen geben: Zwei Frauen wechseln für zehn beziehungsweise vierzehn Tage die Familien, und wir sehen ihnen dabei zu, wie sie mit fremdem Kind und Kegel in Küche und Bad zurechtkommen. Möglichst große Gegensätze sollen sich hier per Spielanleitung anziehen. In Episode eins bei RTL 2 heißt es "Klassikfan trifft Rockerbraut". Mal sehen, wer den Müll runterträgt.
Entwicklung verschlafen
Den Klassiker des Genres hat in Deutschland übrigens 1992 das öffentlich-rechtliche Fernsehen erfunden und - wie üblich - die weitere Entwicklung verschlafen: Die Familie Fußbroich errang dank des Westdeutschen Rundfunks - übrigens sogar in den Feuilletons - Kultstatus, lange bevor Leute wie Annemarie F. und ihre etwas ungeraten scheinende Sippe das Privatfernsehen eroberten. Erst letztes Jahr fand die ARD mit dem vom SWR produzierten "Schwarzwaldhaus" wieder Anschluß an einen Entwicklung, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zweifelsfrei auch von besonderer Tücke ist, weil sie ein anderes Genre austrocknet, um das sich ARD und ZDF per definitionem kümmern sollen und angeblich auch wollen: Sosehr die Doku-Soap im Vormarsch, so ist der Dokumentarfilm auf dem Rückzug. Bei der Soap bestimmen Redaktion und Produzent über Besetzung und Handlung, beim Dokumentarfilm ist es der individuelle, dokumentarische Blick des Autors, der sich in einen vorgefaßten Rahmen - der schließlich allein der Unterhaltung dient - nicht fügen will. Das eine zu produzieren, ohne das andere außer acht zu lassen, das wäre für die Öffentlich-Rechtlichen das Gebot der Stunde.
Auf der anderen, privaten Produzentenseite ist zu beobachten, daß die Frage, was echt und was inszeniert ist, inzwischen gar keine Rolle mehr spielt. So berichtete Holger Roost-Macias, Chef der Firma Tresor TV in München, der die "Popstars" in Deutschland groß gemacht und für "Arabella" die "Abschlußklasse" inszeniert hat, daß sich das Publikum mitnichten davon abhalten ließ, die Video-Soap zu gucken, als herauskam, daß es sich hier zwar um wahre Begebenheiten - der Abschlußklasse von Roosts Tochter übrigens - handeln soll, diese aber von Darstellern vorgeführt werden. In dem "kleinen, spezifischen Markt" der hartgesottenen Reality-Fans á la "Big Brother" , den der Sat.1-Mann Alberti heute auf rund zehn Prozent aller Zuschauer schätzt, spielt solche Sophisterei sowieso keine programmentscheidende Rolle. Was zählt, ist die Professionalität der Umsetzung und der Unterhaltsamkeitsfaktor.
Große Vorhaben
Den wiederum möchte Borris Brandt von Endemol, wie er in einem Interview mit dem Branchenblatt "Horizont" sagte, gerne mit jener sozialen Relevanz aufladen, welche Kritiker dem Reality-Spektakel ganz absprechen: "Man muß normale Menschen bei einem großen Vorhaben begleiten können." Die für den MDR produzierte Geschichte über Artern, die "Stadt der Träume" in Thüringen, freilich ließ es dann doch sowohl an sozialer Relevanz wie an durchschlagendem Erfolg beim Publikum noch fehlen.
Daß die "Real People", die zuerst in die "Daily Talks", dann in den Container gesteckt wurden und nun in "echten" Berufen zu sehen sind, anderen Gattungen den Raum ganz streitig machen werden, glauben derweil nicht einmal diejenigen, die dem Genre immer neue Facetten zu entlocken suchen. Es sei eine "zusätzliche Programmfarbe, die wir sehr gezielt einsetzen", sagt Tom Sänger von RTL. "Der Markt für die anderen Formate wird nicht versiegen", meint Matthias Alberti von Sat.1. Die Machart des "Reality TV" aber werde inzwischen allgemein akzeptiert. Darauf, daß dieses von der "echten" Realität irgendwann dergestalt eingeholt werden könnte, daß es damit vorbei sei, daran glaubt im Moment freilich auch keiner. So totgesagt die Sache mit den "Real People" war, so lebendig ist sie heute und sehr, sehr langlebig wohl auch. Und eigentlich war sie ja nie ganz weg.