02.01.2006 · Häppchenjournalismus oder die zeitgemäße Kunst der Kürze? Weil die „Tagesthemen“ auf 22.15 Uhr vorverlegt werden, müssen die politischen Magazine der ARD künftig mit einem Drittel weniger Sendezeit auskommen.
Von Thomas ThielFalls die Verantwortlichen der ARD-Politikmagazine noch keine guten Vorsätze für das neue Jahr haben, können sie sich um jene Quadratur des Kreises bemühen, die ARD-Programmdirektor Günter Struve ihnen in die schönsten Worte gekleidet zur Jahresvorgabe gemacht hat: „In komprimierter Form noch besser zu informieren.“
In komprimierter Form heißt in dreißig statt in 45 Minuten, denn diese reduzierte Sendelänge wird dem „Report“ aus Mainz (SWR) und München (BR), „Panorama“ (NDR), „Fakt“ (MDR), „Kontraste“ (RBB) und „Monitor“ (WDR) künftig nur noch zur Verfügung stehen. Das ist ihr Solidaritätszuschlag für die Vorverlegung der „Tagesthemen“.
Verknappung ist die Devise
Die Tagesthemen werden, um im Konkurrenzkampf mit dem „heute journal“ des ZDF neue Fahrt aufzunehmen, bekanntlich auf 22.15 Uhr vorverlegt, die Zeit zwischen „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ somit knapper, weshalb Verknappung auch die Devise der ihnen vorausgehenden Sendungen sein muß. Kompakter und moderner werden sich daher die Politmagazine, die auf diesen Sendeplätzen zu Hause sind, präsentieren müssen. Die PR-Sprache ist ja reich an Möglichkeiten, Verluste als Gewinne auszugeben.
Von den Wogen geschüttelt, werde man doch nicht untergehen, lautet die Devise der Magazinmacher. Es lohne sich nicht, längst entschiedene Schlachten weiterzuschlagen. Nachdem sich die geballten Metaphernarsenale ihres Protestes („Verscherbelung des journalistischen Tafelsilbers“, „Häppchen-Journalismus“) an der Empörungsresistenz der ARD-Programmdirektion totgelaufen haben, wolle und müsse man jetzt zur Tat übergehen.
Pünktlichkeit und keine weiteren Kürzungen
Entsprechend vorsichtig haben die Redaktionschefs den für sie zuständigen Chefredakteur und Politik-Koordinator Hartmann von der Tann gebeten, daß ihre Magazine künftig doch montags auf dem verschobenen Sendeplatz um 21.45 Uhr bitte zumindest regelmäßig pünktlich um 21.45 Uhr beginnen möchten, er die Umstellung im ersten Programm kräftig bewerbe und die Magazine im Falle vorgeschalteter „Brennpunkte“ doch nicht noch unter dreißig Minuten kürze.
Konsens herrscht in den meisten Redaktionen darüber, die Kürzung nicht mit einem Schritt Richtung vordergründiger Infotainment-Journalismus zu beantworten. „Hintergrundjournalismus braucht die Verästelung ins Detail, um glaubhaft zu bleiben“, sagt etwa „Panorama“-Redaktionschef Stephan Wels und lehnt, wie die meisten seiner Kollegen, eine Atomisierung des Sendeformats ab. Die Länge und Variabilität der Beiträge soll im wesentlichen unverändert bleiben, nur eben ihre Zahl wird sich um ein knappes Drittel vermindern.
Von drei auf eine Expertenmeinung reduziert
Die größten Veränderungen plant „Report“ aus Mainz, wo man der Kürzung mit einer konsequenten Straffung der Beiträge um jeweils rund zwei Minuten begegnen will. Was unter anderem dadurch gelingen soll, daß man statt bisher zwei bis drei Experten künftig nur noch einen einzigen in die Beiträge integrieren will. Weitere Zeiteinsparung verspricht man sich von der Maßnahme, eines der Hintergrundthemen in eine knapp zweiminütige Glosse („Lisas Welt“) zu packen, in der sich die Welt in den Augen eines Kindes spiegelt, wobei sich scheinbare kindliche Naivität als analytischer Tiefblick erweisen soll.
„Wir glauben, daß eine Glosse dieselbe Hintergrundrecherche voraussetzt wie jeder andere Beitrag“, sagt der SWR-Chefredakteur Fritz Frey. Wer die letzte Ausgabe von „Lisas Welt“ gesehen hat, die sich mit dem Wohlbefinden der deutschen Politprominenz auf unterhaltsame, aber wenig tiefgründige Weise befaßte, wird diesen Glauben nicht unbedingt teilen.
Politmagazine schnitten in Umfragen schlecht ab
Bei aller Kritik - wie das „Netzwerk Recherche“ errechnete, werden der Kürzung jährlich zwanzig Sendestunden und mindestens 200 gründlich recherchierte Hintergrund-Beiträge zum Opfer fallen - sehen die Leiter der Magazine in der Kürzung jedoch auch eine Chance: „Eine von der ARD in Auftrag gegebene Studie hat doch zu einem sehr deprimierenden Fazit geführt, was die Bewertung der Politmagazine durch die Zuschauer betrifft“, erklärt die „Report Mainz“- Redaktionsleiterin Birgitta Weber. Der Zuschauerzuspruch bei den vierzehn bis 29 Jahre alten Zuschauern hat sich einer Erhebung der ARD zufolge in den letzten Jahren halbiert.
Allgemein als zu graumäusig im Erscheinungsbild bewertet, biete die Verkürzung, obgleich man sie natürlich weiterhin ablehne, auch einen willkommenen Denkanstoß, sich um das Outfit der Sendung zu kümmern und sie den veränderten, sprich: zunehmend atomisierten Wahrnehmungsverhältnissen des Fernsehpublikums anzupassen, glaubt man in Mainz und anderswo: Ein neues Studiodesign, dabei meist hellere Farben, mehr Tiefe und Räumlichkeit, werden sich die meisten Magazine leisten, ohne dies in direkten Bezug zu der zeitlichen Kürzung setzen zu wollen. In der Frage kürzerer, kompakterer Anmoderationen scheiden sich hingegen schon die Geister. „Fakt“ und „Report München“ lehnen dies ab, „Report Mainz“ zeigt sich der Beschleunigung gegenüber offen.
Angeblich kaum Einschnitte für freie Mitarbeiter
Bei aller Sturheit im Prinzip zeigte sich die ARD bei der Umsetzung der Beschlüsse entgegenkommend und ließ der Sendezeitverkürzung eine prozentual deutlich geringere Kürzung der Etats entsprechen. Mit durchschnittlich zehn bis fünfzehnprozentiger Budgetkürzung müssen die Magazine künftig auskommen, was sie zumeist durch eine Verlagerung ihrer Potentiale auf andere Sendebereiche zu kompensieren versuchen. „Fakt“ etwa ist Teil der sehr viel größeren „Redaktion Zeitgeschehen“, die durch ihre verschiedenen Sendeformate in der Lage ist, Kollegen flexibel einzusetzen. „Report Mainz“ wird verstärkt der „Doku am Montag“ zuliefern, auch das „Monitor“-Team will sich künftig um andere Sendungen im WDR kümmern und damit personelle Reibungsverluste vermeiden.
Daß die finanziellen Kürzungen vor allem die freien Mitarbeiter treffen werden, räumt einzig Stephan Wels von „Panorama“ explizit ein. „Kontraste“ spricht von leichten Kürzungen. Ansonsten dominiert die vorläufige Ansicht, Honorarkürzungen und Entlassungen auch bei den freien Mitarbeitern abwenden zu können. Die Bitte, sich doch einmal mit einem ihrer freien Mitarbeiter über die neue Situation unterhalten zu dürfen, wird jedoch höflich abgewiesen. Solche Fragen sind selbst Investigativjournalisten zu investigativ.