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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Fernsehen Ich sehe was, was du nicht siehst

 ·  Nachdem „Star Trek“ und „Akte X“ Alienwelten, Verschwörungen und ferne Galaxien durchdekliniert haben, ist im amerikanischen Fernsehen nun der Spiritismus im Kommen.

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Alison sieht Tote. Joan läuft zu den unpassendsten Zeiten Gott über den Weg. Daniel plaudert mit Jesus. Und Mickey kennt die Nachrichten von morgen.

Nachdem "Star Trek" und "Akte X" Alienwelten, Verschwörungen und ferne Galaxien durchdekliniert haben, ist im amerikanischen Fernsehen nun der Spiritismus im Kommen. Das zumindest legt ein weiterer Überraschungserfolg aus diesem Bereich nahe: Mehr als sechzehn Millionen Menschen wollten in dieser Woche die Premiere von "Medium" sehen, einer neuen NBC-Serie, die von einer Anwaltsgehilfin mit übersinnlichen Fähigkeiten handelt. Die Schauspielerin Patricia Arquette, die vor allem für ihre Kinorollen bekannt ist, verkörpert in "Medium" die Wahrsagerin Alison Dubois aus Phoenix. Dubois, die den Erfolg der Serie natürlich vorausgesagt hat, kommuniziert nach eigenen Angaben mit Toten, sie stand bereits in Diensten verschiedener Polizeipräfekturen in den Vereinigten Staaten, um bei der kriminalistischen Arbeit behilflich zu sein.

Wenn Tote auf der Couch lümmeln

Patricia Arquette also spielt Alison Dubois: Die dreifache Mutter ist mit einem Wissenschaftler verheiratet und versucht, sich mit einem Praktikum bei der Staatsanwaltschaft eine berufliche Karriere aufzubauen. Doch sieht Alison hin und wieder Tote am Fußende ihres Bettes stehen oder sich entspannt auf der Couch lümmeln, die ihr die Wahrheit über ihr mysteriöses Ableben mitteilen. Und so liefert sie, statt Kaffee zu kochen und Kopien anzufertigen, bald die fehlenden Puzzleteile zu den ungelösten Mord-Rätseln der Staatsanwälte.

Die Idee für "Medium" kam auf ungewöhnlichem Weg zustande. Sie entwickelte sich aus einem Ableger der Unterhaltungsshow "The Apprentice", bei dem Nachwuchs-Hellseher gesucht werden sollten. "The Oracles" hieß das Projekt, das es beim Sender NBC im vergangenen Jahr dann doch nicht bis zur Sendereife brachte. Doch gibt es einige andere Shows aus der spirituellen Welt, die durchaus mit Erfolg gesegnet sind.

Glaubensfragen

So verfolgen im Schnitt knapp zehn Millionen Zuschauer jede Woche die mehrfach preisgekrönte CBS-Serie "Joan of Arcadia", in der einer grüblerischen Oberschülerin andauernd Gott über den Weg läuft, in Gestalt unterschiedlichster Menschen, die ihr leise Ratschläge geben, wie man sich am besten mit dem Leben arrangiert. Auf "Animal Planet", einem Programm des Dokumentarsenders Discovery Channel, unterhält sich Sonya Fitzpatrick als Tierpsychiater ("Pet Psychic") mit Haustieren, zum Beispiel mit der Stute von Marta Kaufmann, der Produzentin der Serie "Friends", oder mit den Hunden (genauer gesagt Möpsen) der Komikerin Carol Kane. Und auf dem Gerichtskanal Court TV kann man jeden Mittwochabend die "Psychic Detectives" verfolgen, die als eine Art übersinnliche Hilfssheriffs mit echten Polizisten auf Verbrecherjagd gehen. Ed Hersh, verantwortlich für die Programmgestaltung bei Court TV, sagt, er wisse zwar nicht, wie Hellseherei funktioniere: "Aber das scheint so etwas wie die nächste Ebene kriminalistischer Ermittlungen zu sein. In verzwickten Fällen hört man oft davon, daß die Polizei einen Hellseher hinzuzieht." Also sollen sie auch im Gerichtsfernsehen auftreten.

Doch was soll uns der Psycho-Trend im Fernsehen bedeuten? Einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Harris Interactive aus dem Jahr 2003 zufolge glauben neunzig Prozent aller Amerikaner an Gott, 89 Prozent glauben an Wunder und fünfzig Prozent an Geister. Dem "Frasier"-Darsteller Kelsey Grammer, der darin selbst einen Psychiater spielte und nun mit seiner Firma "Grammnet" die Serie "Medium" produziert, wurden nach eigenen Worten im Verlauf der Dreharbeiten einige Male "die Augen geöffnet in Sachen Hellseherei". Die Schauspielerin Patricia Arquette hat sich angeblich von der echten Alison Dubois, der Frau, die sie darstellt, schon mehrfach die Karten legen lassen. In einem Interview gab sie sich überzeugt: "Ich glaube schon, daß bestimmte Leute solche Fähigkeiten haben."

Übersinnlich allein genügt nicht

Tatsächlich sind die meisten der Sendungen mit dem Thema Hellseherei keine schrillen Jahrmarktshows. Sie nehmen sich mit einem gerüttelt Maß Selbstverständlichkeit ernst. Zwar sagt im Vorspann zu "Medium" eine dramatische Frauenstimme: "Ich klinke mich in den Kopf der Schuldigen ein, und ich kann durch ihre Augen sehen." Doch ist Patricia Arquette mit ihrer schlaksigen Erscheinung das genaue Gegenteil einer mysteriösen Gestalt. Und es hat eine schöne Unaufgeregtheit, wie sie in ihrer Rolle elfenhafte Seherei mit ungelenkem Auftreten im Alltag verbindet. Sie bildet quasi das weibliche Pendant zu dem hypersensiblen Ermittler "Monk", den RTL ins deutsche Fernsehen gebracht hat. Patricia Arquettes Alison kommt sich blöd dabei vor, ständig zu sehen, was andere nicht sehen. Und es treibt sie an den Rand des Nervenzusammenbruchs, sich dauernd beweisen zu müssen.

Das scheint beim Publikum gut anzukommen. Und es ist keine esoterische Eintagsfliege, sondern festigt einen Trend im Fernsehkrimi, der sich mit Serien wie "Profiler" oder "Pretender" (die im deutschen Fernsehen bei Vox laufen beziehungsweise liefen) bereits angedeutet hat. "Es ist zwar interessant, daß manche dieser Sendungen in letzter Zeit erfolgreich waren. Aber ich glaube kaum, daß die Zuschauer bei Übersinnlichem automatisch einschalten. Es muß schon eine gute Show sein", sagt der Programmplaner Tom Bierbaum von NBC.

Wo Hellseher sonst noch eingesetzt werden könnten

Der Reiz des Überirdischen als Lösungsmittel für ganz und gar irdische Fälle zeigt jedenfalls Wirkung: NBC hat gerade die Produktion einer Serie namens "Book of Daniel" angekündigt. Darin soll ein Priester mit einem "hippen, modernen Jesus" plaudern, wie einst der große Don Camillo. Der Medienanwalt Frank Lunn bietet derzeit bei Kabelsendern und Networks ein Showkonzept namens "Ahead-line News" an: In einer wöchentlichen Sendung sollen vier Hellseherinnen Nachrichten, Sportereignisse und Unterhaltungsgeschichten der nächsten Tage voraussehen - wer falsch liegt, der fliegt.

In echten Hellseher-Kreisen sieht man das Fernsehphänomen erstaunlich prosaisch. Tierza Jacobs, eine Kollegin von Alison Dubois, die im Städtchen Sedona nördlich von Phoenix "Readings" gibt, sieht im Erfolg des Übersinnlichen schlichte Wunscherfüllung: "Die Leute sehnen sich nach Hoffnung und der Existenz einer weiteren Dimension in einer Welt, die so von Tragik erfüllt zu sein scheint und in der es für uns Menschen nicht gut aussieht." Erstaunlich nur, daß Geschäftsführer und Programmchefs die Hellseher nicht generell für ihre Planung einspannen. Soweit scheint das Vertrauen in die Kraft des Übersinnlichen dann doch nicht zu reichen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2005, Nr. 6 / Seite 41
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