20.05.2005 · Fünfundzwanzig Jahre hat Peter Lustig mit „Löwenzahn“ Kindern die Welt gezeigt. Nun hört er auf. Ein Gespräch mit dem Moderator über Kinder, Krankheit und Peter Lustigs eigene Kindheit, die schrecklich gewesen ist.
Er würde gerne weitermachen, doch er kann nicht. Er würde gerne weiter die Welt erklären, doch es geht nicht. Er würde gerne in den Weltraum fliegen, doch daraus wird nichts: Peter Lustig, der uns und sich selbst noch so viele Fragen stellen könnte, hört auf.
Einmal wird er noch drehen, einen richtigen Spielfilm wird es noch geben, und dann, im Oktober, wird - für ihn - das Kapitel „Löwenzahn“ nach fünfundzwanzig Jahren geschlossen. Sogar der Sender würde gern mit Peter Lustig weitermachen, allein, es geht nicht, die fünfundzwanzig Jahre haben ihre Spuren hinterlassen.
Ein anderer Moderator
Er spüre schon jetzt, wie er das Drehteam vermissen werde, sagt Peter Lustig. Das letzte Jahr aber habe ihm gezeigt, daß es für ihn nun an der Zeit sei aufzuhören. Das ZDF und sein Produzent Albert Schäfer wollen Peter Lustigs Vermächtnis hegen, pflegen und „Löwenzahn“ mit einem anderen Moderator weitermachen. Peter Lustig hat nichts dagegen. Vielleicht kehrt er ja mal für einen Gastauftritt zurück.
Man darf sich diesen Peter Lustig als einen glücklichen Menschen vorstellen. „Ich mußte mich nie verbiegen, ich durfte reden, wie ich will. Ich habe oft gedacht: Was bist du für ein Glückspilz, was du auf dem Herzen hast, das kannst du sagen.“ Sich zu verstellen, zu verkleiden, zu spielen, das ist für Peter Lustig undenkbar. „Ich kann doch nur den Lustig“, ist sein Motto, das Geheimnis seiner Sendung und seines Erfolgs, der auf dem kostbaren Gut einer Authentizität beruht, die sich künstlich nicht herstellen läßt.
Kinder merken, was echt ist
Und was echt ist und was nicht, das, weiß Peter Lustig, bemerken gerade Kinder ziemlich schnell. Weshalb er Kinder ernst nimmt, was immer wieder zu dem Mißverständnis führte, daß er Kinder ja vielleicht gar nicht besonders mag. Weil er nicht den netten Opa von nebenan spielt. Und Sätze sagt wie: „Kinder sind wunderbar, wenn sie nicht gerade laut und klebrig sind. Sie sollten möglichst lange so bleiben, wie sie geboren sind: neugierig und offen. Doch bald kommen die Erwachsenen und kleistern ihre Gehirne zu.“
Er lernt von Kindern, und sie - und die Erwachsenen - lernen von ihm. Dabei geht es Lustig weniger um die Vermittlung von Wissen in der Summe, sondern um das Streben nach Erkenntnis, um das Fragen an sich. Peter Lustig, der Naturwissenschaftler, will es einfach wissen. Dabei stellt er im Umgang mit den stofflichen faßbaren Dingen, an die er sich qua Definition seiner Sendung hält, die großen Menschheitsfragen nach dem „Woher, Wohin, Weshalb“ immer mit. Pathos aber ist ihm fremd.
Im Dialog mit Goethe
Er will herausfinden, seinen Geist erproben, Lösungen finden - am besten selbstgebastelte. Warum hat der Hund vier Beine und nicht drei oder fünf? Wieso wachsen die Bäume nicht in den Himmel? Solche Fragen stellt sich Peter Lustig unablässig, auch wenn er allein ist. Hat er die Antwort gefunden, muß er anderen davon erzählen. Und wenn er gerade niemanden zum Erzählen hat, dann stellt er sich einen Dialog mit dem alten Geheimrat Goethe vor. Worüber würde der sich heute nicht alles wundern?
Peter Lustig ist Handwerker, Erfinder und Naturwissenschaftler. Nur eines ist er, obwohl er in „Löwenzahn“ in einem Bauwagen auf der Wiese lebt und tatsächlich am liebsten in einer Latzhose herumläuft, ganz und gar nicht: ein Grüner. Er ist kein Maschinenstürmer und kein Genußverächter. Er haßt Müsli, er ißt gerne, und zwar nicht vegetarisch, und er trinkt gerne Rotwein. Daß er den und nicht Gesundheitslimonade zu sich nimmt, das hat er ins Drehbuch geschrieben, sogar die Flasche hat er festgelegt, und sein Produzent hat sich daran gehalten.
Die zölibatäre Existenz
„Der Peter Lustig im Fernsehen ist der echte Peter Lustig - ohne Privatleben“, sagt Albert Schäfer und erklärt, warum „das Zölibatäre“ von Lustigs Existenz für „Löwenzahn“ so wichtig ist: weil er sich so beim allmählichen Verfertigen seiner Gedanken ganz auf die Zuschauer konzentriert. „Mich kann es nur als Solitär geben“, sagt Lustig. In diesem Punkt gibt es eine existentielle Differenz zwischen dem alten Herrn im Bauwagen und dem wahren Peter Lustig. Der ist nämlich zum dritten Mal verheiratet, hat drei Kinder, zwei angeheiratete und einen leiblichen Sohn und eine offenbar ebenso kluge wie freche Enkelin.
Es gibt noch etwas, das Peter Lustig von Peter Lustig unterscheidet. Er wurde Mitte der Achtziger schwer krank. Er hat seit einer Krebsoperation nur noch eine Lunge und muß mit seinem Atem haushalten. Er ist trotzdem auf Lokomotiven herumgeturnt und hat sich auf Geysirfeldern herumgetrieben, Arzt und Krankenschwester („Sie hieß Rita“) hinterdrein. Damals wurden die Folgen von „Löwenzahn“ gedreht, in denen Peter Lustig, der heute 67 ist, zwar jünger, aber auch, wie man jetzt weiß, wenn man sich die Wiederholungen ansieht, nicht gesünder aussieht als heute. Das als einziges hat Peter Lustig überspielt.
Ein paar Jahre ausgeblendet
Und er hat ein paar Jahre seines Lebens, wie er sagt, ausgeblendet. Ausgerechnet er, der seit Jahrzehnten für Kinder da ist, erinnert sich an seine Kindheit kaum, weil - es zu schrecklich wäre. „Ich war immer da, wo die Bomben fielen“, sagt der 1937 in Breslau Geborene, der mit seiner Mutter als Vertriebener von einem Ort zum anderen floh, zu Fuß von Sachsen bis nach Hamburg marschierte, wo seine Erinnerung an gute Jahre bei den Großeltern wieder einsetzt.
Die Schule hat er mit der mittleren Reife verlassen, Dreher, Fräser und Elektromechaniker gelernt. „Ich kann Fernseher reparieren, solange sie etwas mit Röhren zu tun haben“, sagt Lustig mit amüsiertem Handwerkerstolz. Später studierte er Elektrotechnik in Berlin und fand Ende der fünfziger Jahre als Tonmeister eine Anstellung bei dem amerikanischen Sender AFN. Hier bekam er irgendwann eine eigene Sendung, legte Musik auf, mußte aber auch auf den 130 Meter hohen Sendemast klettern, um an der Spitze die Warnbeleuchtung zu reparieren. Und weil der Sender nicht für eine Minute den Betrieb einstellte und der Mast unter 10.000 Volt stand, mußte Lustig sich etwas einfallen lassen, um keinen tödlichen Stromstoß abzubekommen. Er baute ein Holzgerüst, stellte es neben den Mast und - sprang.
Kennedys Tonmeister
Als Tonmeister hat er den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy bei dessen legendärem Deutschland-Besuch begleitet. Sein „Ich bin ein Berliner“ sagte Kennedy auch in Lustigs Mikrofon, der über sein Metier eine Fibel verfaßte, die als Leitfaden Kollegen zur Handreichung diente: „Der gute Ton“ nannte Lustig sein Werk. In seiner Zeit als Werkstudent bei Philips steuerte er ein Patent zur Fernsehtechnik bei. Er betätigte sich als Künstler und erfand eine „Entscheidungsmaschine“, die auf Knopfdruck Ja oder Nein angibt.
Von AFN kam Lustig zum Sender Freies Berlin und dort zum Kinderprogramm, wo er sich über die Texte mokierte, die man den jungen Hörern zumutete. Die Anregung, es selber besser zu machen, nahm er dankbar auf, schrieb Hörspiele und kam schließlich mit einem befreundeten Regisseur auf die Idee, aus Jux eine Filmaufnahme zur Probe zu machen, bei der Schwarzwälder Kirschtorte und etliche Eier auf seinem Kopf landeten. „Peter Lustig findet Fernsehen scheiße“, lautete der nicht jugendfreie Titel damals, der auf Umwegen immerhin zu einer kleinen Serie in der „Sendung mit der Maus“ beim WDR führte. 1978 nahm das ZDF mit Peter Lustig „Pusteblume“ auf, zwei Jahre später schlug die Geburtsstunde von „Löwenzahn“.
Peter Lustig ist Erfinder und Entdecker und ein spitzbübischer Erzähler mit sonorer Stimme und Humor, als den wir ihn vom Bildschirm her kennen. „Ich kann ja nur den Lustig, den kenne ich ein bißchen, aber den kann ich auch in verschiedenen Situationen“, sagt Peter Lustig und hätte noch viel mehr zu erzählen. Im Zweifel müßte es für eine Doppelbiographie reichen: „Peter Lustig und ich“. Ein Buch hat er schon geschrieben; als er lange im Krankenhaus lag, hat er an seinen Sohn die „Briefe an Momme“ verfaßt. Sein eigenes Lieblingsbuch handelt von einem Bären namens Pu.