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Fernsehen Hoppla, hier kommt Yok vom Moklops

29.07.2005 ·  Außerhalb des Senders ist derzeit schwer, Menschen zu finden, die die Programmierungen von RTL verstehen. Versendet wird eine Altlast nach der nächsten. Auch die neue Sitcom um Jochen Busse als Alien ist unterirdisch.

Von Stefan Niggemeier
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Es gibt einen einfachen Trick, der beim Ansehen der neuen RTL-Sitcom „Nicht von dieser Welt“ hilft. Man muß sich vorstellen, sie würde samstags ganz früh laufen. Oder sonntags nachmittags. Im Kinderprogramm. Dann ergeben einige Dinge plötzlich Sinn.

Die lustige Idee zum Beispiel, Jochen Busse als Außerirdischen bei einer Kölner Familie stranden zu lassen. Der verrückte running gag, ihn immer wieder einen Kopfstand machen zu lassen, wenn er versucht, über das Gammastrahlen-Telefon in seinem Fuß mit seinem Heimatplaneten Kontakt aufzunehmen. Oder die originellen Wortspiele, wenn er in seiner theoretisch den Menschen weit überlegenen, aber praktisch eher begriffsstutzigen Art über Formulierungen stolpert: Ruft ihm einer zu: „Zieh Leine!“, schaut der Außerirdische ganz verwirrt und fragt: „Welche Leine?“ Es gibt viele solche Stellen, an denen man sich leicht vorstellen kann, wie Sechsjährige sich kichernd vor dem Fernseher kringeln: „Welche Leine?!“

Es gibt allerdings einzelne Hinweise, daß RTL seine neue Comedyserie nicht ausschließlich für Sechsjährige entwickelt hat. Die Sendezeit freitags um 21.15 Uhr ist einer. So ganz kommen wir also um die Frage nicht herum, was man sich beim helööSender mit dieser Serie gedacht haben mag.

Nur ein einziges Geschlecht

Yok braucht man nicht zu fragen, denn Yok kommt von Moklops, einem Planeten, auf dem es keine Eifersucht gibt, weil man sich nie auf den irdischen Irrweg begeben hat, neben Männern noch ein zweites Geschlecht einzuführen. Die Moklöpse verbringen auch nicht wie wir ein Drittel des Tages bewußtlos im Bett. Sie glauben einander, sie teilen alles miteinander, sie haben jedoch eine Art, sich anzuziehen, die verheerend an die grauen Seiten der siebziger Jahre erinnert. Wie jeder Außerirdische, der etwas auf sich hält, fragen sie sich, warum die Menschen die einzigen Wesen im ganzen Universum sind, die ihren eigenen Planeten zerstören. Yok aber, der unfreiwillig von einem Erkundungstrupp in Köln zurückgelassen wurde, fragt sich vor allem, warum Männer und Frauen nachts ein Bett miteinander teilen und warum sie ungehalten reagieren, wenn sich darin plötzlich ein kopfstehender Außerirdischer befindet.

Wenn Yok etwas nicht versteht, starrt er und stellt so lange nervige Fragen, die mit „aber“ beginnen, bis er glaubt, es verstanden zu haben. Nach vielen, vielen Fragen über die Beziehung zwischen Mann und Frau formuliert er folgende Definition: „Eine Ehe ist die Verbindung von Menschen, die immer zusammenbleiben wollen, sich aber meistens wieder trennen“, und Erdenfrau Martina (Esther Esche) gratuliert ihm dazu so überschwenglich, als hielte der Drehbuchautor das wirklich für eine unfaßbar originelle Beschreibung. Martina ist mit ihrem Mann Michael (Bernd Michael Lade) und dem gemeinsamen Sohn Sven (Lucien Le Rest) in ein Einfamilienhausgetto in die Vorstadt gezogen, und wenn sie nicht gerade ein Außerirdischer nervt, tut es Manfred Muckenbach (Andreas Windhuis), der spießige Nachbar, den schon sein Nachname als Witzfigur ausweist.

Wie löscht man so was?

Der Witz (wenn man es so nennen will) entsteht dabei fast ausschließlich aus der Begriffsstutzigkeit Yoks, der etwa auf die glorreiche Idee kommt, ein Wiedersehen mit der Jugendliebe von Martina zu organisieren, von der ihr Mann nichts weiß, und danach, zum Ausgleich, ihm eine Prostituierte mitzubringen. Wenn Michael im Streit das eheliche Schlafzimmer verläßt, steht Yok daneben und fragt treuherzig mit dem üblichen Jürgen-Busse-Blick: „Gehst du mit der Bettdecke spazieren?“ Und wenn Yok einen alten Liebesbrief findet, in dem der Satz steht: „Martina, ich brenne vor Sehnsucht“, fragt er sich: „Der arme Kerl, wie löscht man so was?“ So sind die Wortspiele in „Nicht von dieser Welt“, und da auch die Plots nicht aus cleveren Verwicklungen und Verwechslungen bestehen, sondern als Boulevardtheater der schlichtesten Art daherkommen, sind wir wieder bei der Frage, was da schiefgelaufen ist in der Evolution der Sitcom bei RTL.

Immerhin scheint man beim Sender selbst nicht mehr glücklich zu sein mit der Serie. RTL versendet sie in der zuschauerärmsten Zeit des Jahres in schnellstmöglicher Zeit: immer zwei Folgen hintereinander. Und da das nicht aufgeht, weil es insgesamt neun sind, gibt es am Ende noch einen freien Sendeplatz, auf dem eine Folge von „Hella & Dirk“ mit Frau von Sinnen und Herrn Bach ausgestrahlt wird, die RTL als Neuproduktion des Jahres 2005 ankündigt, bei der es sich aber glücklicherweise nur um eine übriggebliebene aus dem vergangenen Jahr handelte, als der Sender die Ausstrahlung mangels Zuschauererfolg vorzeitig abbrach.

Viele letzte Folgen

RTL könnte problemlos noch weitere plötzlich auftretende Sendelöcher stopfen, denn irgendwie gab es in der Vergangenheit einen erstaunlichen Hang, bei Flops die Reißleine ausgerechnet vor der Ausstrahlung der letzten Folge zu ziehen. Auch von „Krista“, der RTL-Serienhoffnung des Jahres 2003, und „Kalle kocht“, einer Sitcom mit Kalle Pohl aus dem gleichen Jahr, müßte noch jeweils eine Episode ungesendet im Keller herumliegen.

Solche Altlasten sind nichts Ungewöhnliches; die Art, wie der Sender seinen Keller gerade leert, ist es schon. Außer „Nicht von dieser Welt“ wird von heute an die zweite Staffel der frivolen Comedyserie „Schulmädchen“ versendet, ebenfalls im Doppelpack und in den Schulferien, was eigentlich erstaunlich ist: Die erste Staffel hatte beim jungen Publikum sehr ansehnliche Quoten. Es wird gemutmaßt, daß man bei RTL nicht mehr an die derben, comichaften Geschichten aus dem Leben von vier aufgetakelten Zicken glaubt, deren Erlebnissen in der neuen Staffel gelegentlich eine seltsam unpassende Moral aufgepfropft wird. Die „Schulmädchen“ laufen auf dem Sendeplatz von „Sieben Tage, sieben Köpfe“, das gerade in seiner letzten Sommerpause ist. In den vergangenen Jahren wurde die Stammtisch-Runde in den Ferien von „Life! - Die Lust zu leben“ vertreten, doch dieses Format macht in diesem Jahr eine „kreative Pause“, wie eine RTL-Sprecherin formuliert. Vielleicht sollte man nicht darauf warten, daß es zurückkehrt.

Kampflose Preisgabe

Offiziell wird das hektische Versenden der Serien im Sommerloch bei RTL damit begründet, daß man sich beeilen wolle, den alten Comedy-Sendeplatz am Freitag abend zurückzuerobern. Noch vor wenigen Jahren bildeten Sitcom-Highlights wie „Nikola“ oder „Ritas Welt“ eine Bank. In den vergangenen Wochen hat RTL den Platz kampflos preisgegeben und mit Ausdauer zwölf Ausgaben der Reality-Reiseshow „Peking-Express“ gezeigt, gefolgt vom ebenfalls unterdurchschnittlich laufenden Improvisationsformat „Frei Schnauze“.

Außerhalb des Senders ist es in diesen Tagen schwer, Menschen zu finden, die die Programmierungen von RTL verstehen. Ende August zeigt der Sender auch die vierteilige Serie „Arme Millionäre“ mit Mavie Hörbiger, Andrea Sawatzki und Sky DuMont so, als wolle man möglichst wenig Aufhebens um die einst als Glanzstück angekündigte Comedy machen: an zwei Abenden mit je zwei Folgen. Die Geschichte um eine superreiche Familie, die von einem Tag auf den nächsten verarmt in der Plattenbausiedlung landet, hat einige schöne Momente. Aber das ohnehin ungewöhnliche Einstundenformat wird durch die Doppelfolgen noch weniger zuschauerverträglich.

Alles sieht danach aus, als wolle RTL schnell noch unauffällig möglichst viele Altlasten entsorgen, um mit dem Start der neuen Fernsehsaison im September sich ganz auf frische Highlights verlassen zu können. Das Problem ist nur, daß zur Zeit nichts darauf hindeutet, daß RTL solche Stücke bereitliegen hätte.

Quelle: F.A.Z., 29.07.2005, Nr. 174 / Seite 42
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