26.08.2004 · Die Nachrichten waren bislang der Schwachpunkt im Programm von Sat.1. Der neue Anchorman Thomas Kausch hat nicht nur die schwere Aufgabe, das zu ändern - er soll auch zum Gesicht des Senders werden.
Von Michael HanfeldRoger Schawinski kann nicht früh zu Bett gehen. Sonst wäre ihm unmöglich der Mann aufgefallen, von dem der Geschäftsführer von Sat.1 sagt, daß er "der Beste" in seinem Metier, also "der begabteste Anchorman in ganz Deutschland", sei und daß er deswegen auch genau ihn haben wollte.
Schawinski hat den Mann für seinen Sender gewinnen können, als Informationschef und als Moderator der Hauptnachrichtensendung um 18.30 Uhr. Zuvor hat Thomas Kausch die Sendung "heute nacht" im ZDF geleitet, welche zu jener Tageszeit läuft, zu der Schawinski seine Programmbeobachtung noch nicht einstellt - nach Mitternacht. Bei Sat.1 nun soll Kausch den ganzen Tag über das Profil der Nachrichten bilden, und zwar um kurz vor zwölf Uhr mittags, nachmittags um kurz vor fünf und um halb sieben bei den "Sat.1 News", wie sie jetzt heißen.
Alles soll sich ändern
Außer dem Sendeplatz soll sich dort mit ihm alles ändern. Es muß sich auch alles ändern, will Sat.1 mit seinem Informationsprogramm denselben Standard auf den Bildschirm bringen, den der Sender in der Unterhaltung, bei Fernsehfilmen und den selbstproduzierten Serien erreicht hat. Zwischen der Vorreiterrolle dort und dem Nischendasein am Schluß der Nachrichten-Konkurrenz klaffte eine Lücke, in die ein ganzes Programm paßt. Diese zu schließen, hatte sich Schawinski bei seinem Amtsantritt im letzten Dezember vorgenommen. Ein Dreivierteljahr später muß sich zeigen, welche Taten seinen Worten folgen.
Die damit verbundene Last scheint auf den Schultern von Kausch nicht allzu schwer zu lasten. Er gibt locker zu, daß bei seiner "Feindbeobachtung", als er noch beim ZDF war, die Kollegen von Sat.1 nicht auftauchten. Um so angenehmer sei er überrascht gewesen, daß die Mannschaft, auf die er traf, "genauso schnell und so professionell" sei wie andere. Sie konnte das bisher nur nicht in dem gebotenen Maße unter Beweis stellen.
Wettbewerb in Eitelkeit
Das wiederum lag an einem Eitelkeits- und Kompetenzwettbewerb, in dem der Konzern Pro-Sieben-Sat.1 einmal einsame Spitze war. Der ehemalige Chefredakteur Jörg Howe, der inzwischen Kommunikationschef bei Karstadt ist, war am Ende zwar ein Tausendsassa auf allen Gängen, aber ein König ohne Land, der mit den Nachrichten nichts zu tun hatte.
Um sie kümmerte sich der inzwischen ausgeschiedene Informationsvorstand und frühere "Bild"-Chefredakteur Claus Larass. Diesem gelang es jedoch nicht, die Sat.1-Nachrichten aus dem Tal der Bedeutungslosigkeit zu führen. Das hatte auch damit zu tun, daß es niemals zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem konzerneigenen Nachrichtensender N 24 kam, dessen Redaktion im selben Gebäude wie Sat.1 sitzt, aber eine Distanz zu diesem Sender aufwies, die sich in Kilometern gar nicht ausdrücken läßt.
All das jedoch ist Geschichte, weil die handelnden Personen alle ausgetauscht worden sind. Die ehemalige Moderatorin Astrid Frohloff ist gegangen, N 24 hat mit Torsten Rossmann einen neuen Geschäftsführer und mit Jörg Harzem einen neuen Chefredakteur "Aktuelles". Bei Sat.1 kümmert sich der ebenfalls neu hinzugekommene Nik Niethammer um die Magazine, und Thomas Kausch ist der Mann, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Er ist es auch, der das Ergebnis der Zusammenarbeit, die sich organisatorisch bereits in einer gemeinsamen Redaktion ausdrückt, präsentiert. Was dort klappt und was nicht, wird man auch auf dem Bildschirm erkennen können.
Nachrichten für Nachrichtenscheue
Moderieren will Kausch bei Sat.1, wie er sagt, "wie ich bei ,heute nacht' auch moderiert habe". Er will die Nachrichten verständlich präsentieren, strukturieren, Schwerpunkte setzen, einordnen und am liebsten auch jene rund dreißig Prozent der Zuschauer gewinnen, die laut Forschung gar keine Nachrichten im Fernsehen schauen. Das heißt, auch "staubige Themen" so darzubieten, daß sie von den Zuschauern angenommen werden. Es heißt aber nicht, daß die "härteren News" in den hinteren Teil der Sendung verbannt oder die Dinge boulevardisiert werden.
Das wäre mit Kausch auch gar nicht zu machen und nicht, wie er sagt, im Sinne von Schawinski. Die Marktforschung sage, daß die Zuschauer auch von Privatsendern erwarteten, profund informiert zu werden. Daran habe auch der Konkurrent RTL gearbeitet und "vieles richtig gemacht". Nun wolle man bei Sat.1 "mittelfristig noch einiges ein bißchen besser machen" in "Phase eins" der Runderneuerung des Programms. Konkret heißt dies, daß es bei Sat.1 vom 30. August an tatsächlich Nachrichten gibt, mit denen man zu festen Zeiten rechnen kann - wenn es überragend wichtige Nachrichten gibt, auch mitten im Programm. Bei dem Terroranschlag in Madrid hat das bei Sat.1 zum ersten Mal richtig geklappt, zuvor glänzte der Sender bei ähnlichen Gelegenheiten durch ein von der Aktualität ungestörtes Programm.
„Persönlicher und authentischer“
Worauf Schawinski aber vor allem setzt, das sind die richtigen Köpfe. Die Trennung von der bisherigen Moderatorin Astrid Frohloff sei deshalb unumgänglich gewesen, weil er auch personell einen Neuanfang demonstrieren wolle. "Ein Moderator ist nur ein guter Moderator, wenn er authentisch ist", sagt Kausch; "deshalb ist er mir aufgefallen - weil er persönlicher, authentischer ist als alle anderen", ergänzt Schawinski schnell. Wenn die beiden auch im Sender so miteinander Umgang pflegen, wie sie übereinander reden, scheint es in der Tat eine passende Verbindung zu sein.
Kausch war, bevor er zum 1. August zu Sat.1 ging, Moderator besagter "heute nacht"-Sendung des ZDF. Er war von 1997 bis 2000 Korrespondent des Senders in Wien, von wo aus er über den gesamten Balkan berichtete. Davor war er als Reporter in Amerika und Asien. Als Journalist zu arbeiten, damit hatte er während seines Studiums begonnen. Daß er den Beruf ergreifen wollte, der ihn Anfang der neunziger Jahre nach New York führte, wo er Redakteur der deutsch-amerikanischen "New Yorker Staatszeitung" und Reporter von ARD und ZDF war, das wußte der 1963 im westfälischen Werne Geborene schon im Alter von siebzehn Jahren.
Suche nach dem „Imagemaker“
Über die entsprechende persönliche Erfahrung, die Sat.1 für seinen Nachrichtenanlauf braucht, verfügt Kausch also und auch über jene Persönlichkeit, welche die Kollegen der "Tagesschau", wie Sat.1-Chef Schawinski spitz anmerkt, "verstecken sollen und das auch erfolgreich tun". Kausch soll - wenn wir es bei den Namen nennen, die mit dem Image der Sender verbunden sind - der Peter Kloeppel (RTL) oder Ulrich Wickert (ARD) oder Claus Kleber (ZDF) von Sat.1 werden. Das ist keine kleine Aufgabe und nur insofern leicht, als diese Stelle des "Imagemakers" bei Sat.1 seit dem Abgang von Harald Schmidt unbesetzt ist.
Womit wir bei der Frage nach Anke Engelke wären, die zu beantworten Roger Schawinski auch nach der hundertsten Wiederholung nicht müde wird. Die Sendung werde ein Erfolg, sagt er, man habe nach der Sommerpause das Studio verändert, in dem Anke Engelke ein bißchen verloren gewirkt habe. Und ansonsten gelte, was ihm einmal der amerikanische Latenight host Jay Leno gesagt habe, der bei NBC das Erbe Jonny Carsons antrat: "Es hat zwei Jahre gedauert, bis mich die Leute für voll genommen haben." Im Fall von Anke Engelke sei es so, daß das Publikum ihr den Erfolg unbedingt wünsche. "Und es ist doch schon ein Glücksfall, daß wir eine Sendung haben, über die alle diskutieren."
Vitalisierung der Nachrichtenprogramme
Für Diskussion, vielleicht sogar für Unterhaltung werden bei Sat.1 die neuen Comedyshows "Schillerstraße" und "Mein großer, dicker, peinlicher Verlobter" sorgen. Gar nicht peinlich scheint es derweil RTL zu sein, mit seiner "Phase drei", mit welcher der scheidende Informationsdirektor Hans Mahr seine "Info-Offensive" abschließen will, fünf Tage vor dem Nachrichtenneubeginn von Sat.1 aufzusetzen - nämlich schon gestern, am Mittwoch abend. Zeitgleich mit Sat.1 beginnen am Montag dann bei RTL die neuen Nachrichten um sechs. Am Freitag in einer Woche will sich derweil in der ARD der "Bericht aus Berlin" in neuer Aufmachung präsentieren, was zeigt, daß sich die Nachrichtenprogramme insgesamt einer Vitalisierung unterziehen.
Roger Schawinski sah sich übrigens bei der Wahl des Nachrichtenmanns in seinem Nacht-Urteil durch eine Umfrage bestätigt, die ermittelte, daß der ideale Anchorman von Sat.1 Erfahrung als Reporter mitbringen, glaubwürdig, ein Mann, verheiratet mit Kindern und zweiundvierzig Jahre alt sein müsse. "Ich bin einundvierzigeinhalb", protestiert Thomas Kausch. Der Rest stimmt.