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Fernsehen Erste Seife: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ wird 3000

23.06.2004 ·  Am Anfang wollte sie kaum jemand sehen. Inzwischen ist eine ganze Fernsehgeneration mit ihrer einfältigen Erzählschule sozialisiert worden: Die RTL-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ wird 3000.

Von Klaudia Brunst
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Der ärgste Feind von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (GZSZ) war lange Maren Gilzer. Die Buchstabenfee der Dauerwerbesendung "Glücksrad" zauberte ihrem Haussender Sat.1 nämlich Anfang der Neunziger die verläßlichsten Vorabendquoten herbei.

Zwischen zehn nach sieben und zehn vor acht verfolgte die Fernsehnation gespannt, wie die "Glücksrad"-Kandidaten erst ein "e" oder ein "a" kauften und dafür schließlich ein stattliches Warensortiment nach Hause trugen. Zwar hatte RTL dem seit Winter 1988 grassierenden "Glücksrad"-Quizfieber mit "Der Preis ist heiß" etwas Kongeniales entgegenzusetzen gewußt. Aber der RTL-Anchorman Harry Wijnvoord spielte seine Dauerwerbeshow bereits um kurz nach fünf aus.

RTL im Nachteil

Das, was die Branche heute "AccessPrimetime" nennt, also die Sendezeit zwischen sieben und acht Uhr abends, war 1992 fest in der Hand von Sat.1. Ein großer strategischer Nachteil für RTL, wie der Senderchef Helmut Thoma wußte. Denn wer es geschafft hat, seine Zuschauer vor der "Tagesschau" ins eigene Programm zu locken, hat den Quotenkampf am Abend schon fast für sich entschieden.

Heute ist Maren Gilzer vergessen, das "Glücksrad" Geschichte. RTL bindet mit "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" werktäglich zwischen 19.40 Uhr und 20.15 Uhr jeden vierten Fernsehzuschauer an sich, in der Kernzielgruppe der Vierzehn- bis Neunzehnjährigen liegt der Marktanteil sogar bei vierzig Prozent. Zwanzig Jahre nach Einführung des Privatfernsehens ist RTL der einzige deutsche Privatsender, der Gewinne macht. Und GZSZ ist das Rückgrat von RTL. An diesem Mittwoch abend läuft es zum dreitausendsten Mal.

Zuerst nur 840.000 Zuschauer

Als die Daily Soap am 11. Mai 1992 mit 840.000 Zuschauern auf Sendung ging, mußte sich Helmut Thoma gegenüber seinen Geldgebern bei Bertelsmann noch rechtfertigen. Etwas zu aggressiv hatte er das neue Format auf dem deutschen Fernsehmarkt eingeführt: Weil Thoma den unerfahrenen deutschen Autoren die komplexe Entwicklung einer täglichen Serie nicht zutraute, ließ er zunächst die australische Soap "Restless Years" übersetzen und den hiesigen Verhältnissen anpassen. Thomas einfältige Vorgabe: "Känguruhs raus, Schäferhund rein."

Aber ganz so schlicht ließ sich der Zuschauergeschmack dann doch nicht ausrechnen. Die Quoten der Serie kamen nicht aus dem Keller, die Kritik fand für die entscheidende Programminnovation der neunziger Jahre nur Hohn und Spott. Erst als der hinzugezogene Erfolgsautor Felix Huby ("Tatort", "O Gott, Herr Pfarrer") Thoma davon überzeugte, eigene deutsche Geschichten zu entwickeln, stiegen von Folge 231 an die Einschaltquoten kontinuierlich.

Anbindung an die Lebenswelten der Zuschauer

Heute ist den Serienmachern der Produktionsfirma "Grundy" klar, daß das Geheimnis ihres Erfolges vor allem in der engen Anbindung an die Lebenswelt ihrer Zuschauer begründet ist. GZSZ ist ein Angebot zur Alltagsbegleitung. Im Fernsehen soll sich für die Zuschauer ihr eigenes Leben widerspiegeln. Deshalb tragen GZSZ-Stars die gleichen H&M-Klamotten und sitzen auf den gleichen Ikea-Möbeln wie ihre Zuschauer.

Sie hören die gleiche Musik, trinken die gleichen Modegetränke (zur Zeit Karamelkaffee) und sind bis auf wenige Ausnahmen nur wenig älter als die Kernzielgruppe der Zwölf- bis Neunzehnjährigen. Ein umfangreiches Merchandisingkonzept, die Hits der hauseigenen Popstars (von Oli P. bis Yvonne Catterfeld) und regelmäßige Aufrufe, sich als Komparse zu verdingen oder um eine der begehrten Hauptrollen zu bewerben, verstärken die identifikatorische Bindung.

Nur sechswöchiger Vorlauf

Um so dicht wie möglich am "Look & Feel" ihrer Zuschauer zu bleiben, produziert die Grundy UFA, unangefochtener Marktführer im Bereich Endlosserien, GZSZ mit einem nur sechswöchigen Vorlauf. Möglich wird dieser enge Zeitplan nur, weil die Fließbandproduktion in fünf Teams organisiert ist und alle Arbeitsschritte zeitversetzt disponiert werden. Es ist die Logik des Kanons: In der ersten Woche denkt sich das Storydepartment die Episoden aus. Danach werden fünf Storylines mit jeweils exakt zwanzig Szenen pro Folge geschrieben.

Die Dialogautoren haben eine weitere Woche für die Drehbücher. Nach der Abnahme durch den Sender geht es in Woche vier in die Produktion, die inklusive Außendreh und technischer Nachbearbeitung zwei Wochen dauert. Gerade mal zwanzig Minuten bleiben am Set für die Inszenierung einer Szene, geschnitten wird beim Aufzeichnen. Damit die Umbaupausen sich in Grenzen halten, werden möglichst alle Szenen einer Woche, die in einer Deko spielen, hintereinander abgedreht.

Kein Freiraum für Kreativität

So werden Jahr für Jahr 250 Serienteile zum Spottpreis von 80.000 Euro pro Folge hergestellt. Für einen Dreißig-Sekunden-Werbespot im GZSZ-Umfeld nimmt RTL später bis zu 61.000 Euro. Für Ausflüge ins Kreative oder gar Poetische ist im GZSZ-Storydepartment kein Freiraum vorgesehen. Auf dem Bildschirm organisiert sich die Geschichte nach dem immer gleichen Zopfmuster dreier ineinander verwobener Handlungsstränge.

Eine Szene dauert im Schnitt zwei Minuten. Sie ist so dialoglastig, daß man sie auch ohne Hinzugucken problemlos versteht. Und sie endet verläßlich mit einem Cliffhanger. Eine ganze Fernsehgeneration ist bereits mit dieser einfältigen Erzählschule sozialisiert worden. Die ARD kopierte früh den Erfolg mit "Marienhof" und "Verbotene Liebe". Und längst hat die Soap-Dramaturgie die Grenzen ihres Genres überwunden und anderen Fernsehformen zum Erfolg verholfen. Sie hat den Bilder-Wirrwarr von "Big Brother" organisiert, dem Castingwettstreit "Deutschland sucht den Superstar" Struktur gegeben und den Boden für die erfundenen Justizfälle der modernen Gerichtsshows bereitet.

Bis heute versucht Sat.1 mit immer neuen Formatideen verlorengegangenes Terrain in der Access-Primetime zurückzuerobern. Bislang ohne Erfolg.

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