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Fernsehen Eine Spur ist eine Spur ist eine Spur

29.08.2005 ·  „CSI: NY“ mit Gary Sinise ist der zweite Ableger der erfolgreichen Krimi-Serie „CSI - Den Tätern auf der Spur“. Wie immer bei Produzent Jerry Bruckheimer spielt die Serie auf der Klaviatur der Emotionen.

Von Heike Hupertz
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Aus der Vogelperspektive wirkt New York wie ein aufgebrochener Torso, dessen Eingeweide von den Avenues wie von Arterien durchzogen werden. In der Stadt, die wie das Böse niemals schläft, vereinen sich die blutroten Rücklichter der Autos besonders nachts zum pulsierenden Strom, der sich seinen Weg durch geborstene Rippen und beschädigte Organe bahnt und sie trotz aller Verletzungen am Leben hält.

Wer hier gegen das Verbrechen kämpft, muß selbst schlaflos werden oder korrupt. Detective „Mac“ Taylor, gespielt von Gary Sinise, schläft nie. Der ehemalige hochdekorierte Elitesoldat leitet das Spurenanalytikerlabor der New Yorker Polizei. Frei nach Venezianos Theorie der Quantenphysik hängt für ihn alles miteinander zusammen. Vor ihm lügen die Täter vergeblich, bis sie mit der Evidenz der Spuren konfrontiert werden.

Wie ist Gewißheit möglich?

„CSI: NY“, dem zweiten sogenannten „Spin off“ der populären Kriminalserie „CSI - Den Tätern auf der Spur“, ist exakt das Muster eingeschrieben, welches dem Detektivgenre gemeinhin seinen philosophischen Subtext verleiht. Was ist und bedeutet ein Indiz? Wie ist Gewißheit möglich? Wie läßt sich Moral in einer Gesellschaft leben, die sie nicht würdigt; die verbindliche Letztbegründungen gründlich fahrlässig abgestreift hat? Wo es gelingt, diese Fragen jenseits des Klischees von der Wahrheit sicherer naturwissenschaftlicher Erkenntnis zu stellen, ist große Krimikunst möglich, wie beispielsweise im Film „Insomnia“, dessen zerrissener Protagonist, verkörpert von Al Pacino, aus innerer Not in Alaska ebensowenig schläft wie „Mac“ Taylor in New York.

Hier enden die Gemeinsamkeiten, denn in der Serienproduktion von „CSI“, das ebenso wie „CSI: NY“ bei Vox läuft, während „CSI: Miami“ von RTL gesendet wird, sind die fundamentalen Fragen zwar stets prachtvoll inszeniert, aber immer schon einschläfernd eindeutig entschieden: Eine Spur ist eine Spur ist eine Spur, die je ein detailversessenes Fähnlein Fieselschweif aufrechter Analytiker in jedem Fall erfolgreich zurückverfolgt. Mal vor dem Hintergrund der Welthauptstadt glitzernder Amoralität - Las Vegas -, mal in den dumpfen Sümpfen und der schwülen Erotik rund um Miami. Oder eben in der verbrechensnotorischen Achtmillionenmetropole am Hudson. Während über allem unterhaltsam beruhigend das manichäische Weltbild und das Produktdesign ihres Schöpfers Jerry Bruckheimer schwebt.

Mindestens ein Weltenbrand

Jerry Bruckheimer, vielbeschäftigter Blockbusterproduzent aus Hollywood, der seit geraumer Zeit auch das Seriengeschäft des Fernsehens für sich entdeckt hat, macht genaugenommen keine Filme. In den meisten Fällen, „Fluch der Karibik“ ehrenvoll ausgenommen, schafft er statt dessen auf immergleiche Weise Premiumausgaben der makellos klotzigen Luxusmarke „Jerry Bruckheimer“. Ob „Armageddon“ oder „Pearl Harbor“: In seiner Haute Couture des Kinos muß es immer ums Ganze gehen, mindestens aber um den Weltenbrand. Opulenteste Ausstattung - gerne mit Unterstützung des amerikanischen Verteidigungsministeriums, das dann und wann einen Flugzeugträger bereitstellt -, heroische Bewährung und größte Gefühle sind conditio sine qua non, mithin Garant des finanziellen Erfolgs.

Auch in der Pret-a-porter-Linie des Fernsehens ist da, wo Bruckheimer draufsteht, vor allem Bruckheimer drin: Die schlauen, oft ein wenig aufgewühlten Guten werkeln unermüdlich im Töpfchen des Kriminallabors, die weniger schlauen - und weniger hartnäckigen - Bösen kommen flugs hinter Schloß und Riegel. So funktioniert das Genre, und es funktioniert in diesem glanzvoll abgefilmten Serienfall besonders gut.

Ihr Atem ist noch da drin

In der ersten Folge von „CSI: NY“, die im Original „Blink“ („Blinzeln“) heißt, genauso wie eine frühere Folge von „Law & Order: New York“, paralysiert ein offensichtlich medizinisch gebildeter Täter seine weibliche Beute so, daß sie bei vollem Bewußtsein außer ihren Augenlidern nichts mehr bewegen kann. Moderne Kriminaltechnik entlarvt den Täter wie erwartbar. Und auch das Rätsel um „Mac“ Taylors Schlaflosigkeit wird gelöst. Am Krankenhausbett des letzten, mittlerweile hirntoten Opfers erzählt er von dem gelben Wasserball seiner toten Frau, den er beim Aufräumen nicht weggeben konnte, denn „ihr Atem ist noch da drin“. An ihrem Totenbett habe er an jenem Tag gesessen so wie jetzt. Dann fährt er mit dem Taxi zum schwarzen Loch von Ground Zero, dem Sterbeort seiner Frau. Vermutlich weiß er nichts davon, daß die New Yorker Krankenhäuser am 11. September 2001 vergeblich auf schwerverletzte und tote Körper warteten.

Bedeutungsvoll schwenkt die Kamera über den Hudson zu den nächtlich hell erleuchteten Hochhäusern von Jersey City und weiter hinauf in den glitzernden Sternenhimmel, den man über New York nur bei Gelegenheiten wie dem großen Stromausfall vom 14. August 2003 überhaupt sehen kann. So spielt man auf billige Weise auf der Klaviatur der Emotionen. Eben auf Bruckheimer-Weise.

Heute abend um 20.15 Uhr bei Vox.

Quelle: F.A.Z., 29.08.2005, Nr. 200 / Seite 36
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