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Fernsehen Eine Frage der Einstellung

16.01.2004 ·  Daß es eine zweite Staffel der RTL-Dschungelshow geben wird, bleibt zu befürchten. Schließlich wollen sechs bis acht Millionen Menschen täglich sehen, wie sich vermeintlich Prominente zum Gespött machen.

Von Michael Hanfeld
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Die Stellungnahme, die ein RTL-Sprecher zu der umstrittenen Dschungelshow "Ich bin ein Star" abgegeben hat, klingt zynisch, ist aber nur konsequent: "Wir lassen uns auf eine Debatte über Würde nicht ein", sagte der Mann, und das mit Recht. Über ihre verlorene Würde nämlich hätten sich die zehn Kandidaten, die wir nun leichtbekleidet auf einer Waldlichtung, die wohl eher in einem Erlebnispark am Rande der Autobahn als im echten Dschungel liegt, hungern, sich langweilen, heimlich Häufchen machen und ekelerregende Prüfungen durchstehen sehen, vorher Gedanken machen müssen. Wer in eine solche Show geht, der kommt darin um, der ist kein Star und wird kein Star. Sondern er wird zum Gespött der Leute.

Warum also über Würde reden? Jedes Wort, das in diesem Zusammenhang fällt, ist eines zuviel, weil darauf nun wirklich nicht zum ersten Mal die ganze Inszenierung zielt. Das Schlimmste für RTL wäre, wenn sich niemand aufregte, doch das ist in unserer Medienlandschaft nun einmal ausgeschlossen, und es hat trotz allen Kalküls selbstverständlich seine Berechtigung, wenn der Medienforscher Jo Groebel angesichts dieser Darbietung von "Foltermethoden" spricht. Es ist wie im alten Rom, nur daß die Gladiatoren nicht gegen Löwen oder einander kämpfen, sondern gegen Kakerlaken, Schlangen und Strauße und nur verbal übereinander herfallen. Sechs bis acht Millionen Menschen wollen das inzwischen sehen, womit eine zweite Staffel der Show immer wahrscheinlicher wird: In England läuft bereits die dritte, für die vierte wurde als prominente Mitstreiterin das Busenwunder Katie Price angeworben, gewisse Schauwerte dürften damit garantiert sein. Wie gesagt, von Würde brauchen wir nicht zu reden.

Bitte umschalten

Das tun die Verantwortlichen bei den Landesmedienanstalten zwar noch, die den gesetzlichen Auftrag haben, über das Programm der Privatsender zu wachen, doch wissen auch sie, daß dies fruchtlos ist, solange gesetzliche Grenzen nicht überschritten werden und es Millionen Menschen gibt, welche die Frage des guten Geschmacks für zwei Stunden pro Abend suspendieren. Wer aktiv etwas gegen ein solches Programm tun will, der sollte bitte (zum Beispiel) am Mittwoch um Viertel vor zehn die Reportage der ARD über den ersten deutschen Selbstmordattentäter einschalten, beim ZDF bleiben oder den "Bullen von Tölz" auf Sat.1 ansehen und sich nicht beirren lassen, daß die Deutsche Presse-Agentur die drei Millionen Zuschauer für den Film von Margarethe von Trotta "Die andere Frau" mit dem Hinweis "nur" meldet, während es bei RTL 7,87 Millionen Zuseher waren.

Die Forderung, die RTL-Show abzusetzen, wie sie der Direktor der Landesmedienanstalt Saarland, Gerd Bauer, erhoben hat, ist beachtlich, wird aber nichts bewirken. Was aus solchen Fällen wird, darüber könnte Bauer sich bei seinem Kollegen aus Hessen, Wolfgang Thaenert, am besten informieren. Der stand einst, als bei RTL 2 der "Big Brother"-Rummel losging, mutig auf, um mögliche Verstöße gegen die Menschenrechte anzuprangern, bekam Zuspruch auch von allen politischen Seiten und war dann, als er sich wieder setzte, ganz allein mit seiner Klage, hatte sich der eine oder andere Politiker doch inzwischen überlegt, daß es vielleicht besser wäre, selbst in den Container zu klettern, als ihn schließen lassen zu wollen.

Buchungen für Werbezeit

Einen Weg aus der Misere allerdings gibt es: Die werbetreibende Industrie könnte es richten. Die wartet nämlich im Augenblick noch ab, ob sie im Umfeld von derlei Ekeltests für Schokoriegel oder Body-Lotion werben soll. Noch gibt es weniger - dringend erforderliche - Buchungen für Werbezeit, als man erwarten durfte. In den ersten Tagen der Ausstrahlung gab es fast nur Reklame von RTL in eigener Sache. Das aber hat sich, folgt man den Angaben der Sprecherin Petra Keller vom zu RTL gehörenden Werbezeitenvermarkter IP Deutschland, seit Montag geändert und sei seit Mittwoch ersichtlich. "Die Anbuchungen waren eher verhalten", sagt Petra Keller, doch habe dies auch damit zu tun, daß die Werbekunden zu Beginn noch nicht gewußt hätten, wie sich die Sendung und in ihr die einzelnen Protagonisten entwickelten.

Carolin Zapf, die Geschäftsführerin des Verbandes OWM (Organisation Werbungtreibende im Markenverband) gibt sich denn auch eher zurückhaltend bei der Einschätzung, was für oder gegen ein Engagement im Umfeld einer solchen Show spricht. "Das muß jedes Unternehmen individuell für sich entscheiden", sagt sie. Solange die Sendung selbst rechtlich einwandfrei sei, liege es an jedem einzelnen, sich die Frage zu stellen, wie in diesem Fall die unbestrittene Quantität der Zuschauer und die umstrittene Qualität der Show sich für ihn und sein Produkt auswirkt. Eine Körperlotion zu bewerben, nachdem Caroline Beil gerade ein Bad im Fäkalmorast genommen hat, dürfte sich eher nicht empfehlen, und besagte Süßigkeiten anzupreisen, wo Costa Cordalis todesmutig hartschaligen Käfern den Kopf abbeißt und Daniel Küblböck sich unter Kakerlaken windet, wohl auch nicht. Im Falle des neuen urbanen Off-Roader für den Dschungelkampf auf deutschen Autobahnen sieht das vielleicht schon wieder ganz anders aus.

Käfer für die Moderatoren

Daß es eine zweite Staffel von "Ich bin ein Star" gibt, darauf dürfen wir aber schon wetten, auch wenn sämtliche RTL-Sprecher sagen, die Sache werde erst nach Ablauf der ersten Folgen entschieden. Dann wird nicht nur klar sein, wer der "König des Dschungels" ist, sondern auch für welche gemeinnützigen Zwecke sich die einzelnen "Prominenten" haben quälen lassen. Ein jeder von ihnen spielt nämlich entsprechend seiner Verweildauer im Camp, von dem Susan Stahnke vorgestern abend bemerkte, daß es offenbar gar nicht mitten in der Wildnis liegt, eine bestimmte Summe ein. Daß dies dreckige Dutzend selbst auch eine Gage einstreicht, die nach Schätzungen jeweils zwischen 30.000 und 50.000 Euro liegen soll, darf derweil niemanden verwundern. Wer zwanzig Tagessätze plus Vorbereitung ansetzt, wird dies unter "Prominenten" für eine eher bescheidene Summe halten. Die meisten der nichtprominenten Kandidaten der bisherigen Containershows sind allerdings mit viel weniger nach Hause gegangen.

Der Erfolg von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus", wo alles, was wir bislang in diesem Genre gesehen haben, zusammengezwungen und auf die Spitze getrieben wird, entscheidet auch darüber, wie es mit der Gattung Container-Casting-Concours weitergeht. Der in solchen Formaten bewanderte "Vater" von "Big Brother", Borris Brandt von der Produktionsfirma Endemol, war sich auf der letzten Cologne Conference mit Kollegen darin einig, daß diese Art Fernsehen vielleicht nicht ewig währt, aber so schnell auch nicht verschwindet. RTL tut manches dafür, koste es zunächst auch einiges an Renommee in Kreisen, auf die man es angeblich ohnehin nicht abgesehen hat, welche, wie uns irgendein Medienforscher nächste Woche bestimmt beweisen wird, die Show dann doch gerne gesehen haben, nach dem Motto: Achtzig Prozent der Zuschauer waren Akademiker mit einem monatlichen Nettoeinkommen von zehntausend Euro. Damit auch der letzte Werbekunde mitmacht. Sieben Millionen Zuschauer können schließlich nicht irren.

Eine persönliche Bitte noch, wo wir ja über Würde in diesem Zusammenhang nicht reden wollen: Könnte man nicht dem Moderator Dirk Bach statt Plätzchen auch ein paar Käferchen zur Pflege seiner guten Laune kredenzen, mit welcher er seine zunehmend traurigen Witze über die "Promis" im Camp reißt, die allein deshalb keine sind, weil ihr Terminkalender ihnen zweieinhalb Woche Zeit für diesen Unsinn ließ? Und statt Caroline Beil, die einem in ihrer Biestigkeit langsam sympathisch wird, wenn wir einmal den Ausfall über Susan Stahnkes Gesichtszüge vergessen und sie daran messen, wie hart gegen sich selbst sie sich hat von den Großvögeln zausen und in dem Morast hat schicken lassen, schlagen wir vor, die böse Sonja Zietlow zu tunken, und zwar kopfüber. Über Würde, wie gesagt, reden wir heute ja einmal nicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2004, Nr. 13 / Seite 35
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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