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Fernsehen : Ein unerklärliches Phänomen

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Wolfgang Rademann, Produzent und Erfinder der ZDF-Serie „Das Traumschiff” Bild:

Der Fernsehproduzent Wolfgang Rademann feiert am Sonntag seinen siebzigsten Geburtstag. Im Interview erklärt er, wieso Millionen die „Schwarzwaldklinik“ und das „Traumschiff“ sehen, gleich, was da kommt?

          Zum siebzigsten Geburtstag des Produzenten der Erfolgsserien „Das Traumschiff“ oder „Die Schwarzwaldklinik“ Wolfgang Rademann sendet das ZDF am Sonntag die „Traumschiffgala“. Mit dem Produzenten sprachen wir während seiner Motivsuche für eine neue „Traumschiff“-Folge in Brasilien. Wir wollten wissen, ob oder was sich für seine Weltreiseserie durch die Flut im Indischen Ozean verändert hat.

          Sie sagten mal, daß die paar Millionen Traumschiff-Seher ein gedämpfter Spaß für Sie seien. Wichtiger sind Ihnen die 27 Millionen Menschen, welche die Schwarzwaldklinik angesehen haben. Haben Sie Ihren Zenit überschritten?

          Die sieben Millionen Zuschauer, die heute bei Fernsehmachern Freudentränen hervorrufen, können einen Fernsehmacher, der 27 Millionen hatte, nicht mehr so glücklich machen. Doch sind die goldenen Zeiten, in denen es nur zwei Fernsehkanäle in Deutschland gab, leider vorbei. Den Zenit hat die Technik uns versaut, weil man heute dreißig Kanäle sehen kann. Damals gingen die Schauspieler über die Straße und wurden erkannt, bei den sieben Millionen heute muß man schon lange auf und ab laufen.

          Sie bannen Urlaubsträume auf Zelluloid, machen aber selbst nie Urlaub. Erkunden Sie die Welt lieber von der Couch aus?

          Ich kann Urlaub nicht leiden. Urlaub ist völlig langweilig. Ich brauche immer Stress und Aufregung. Faul bin ich nicht und lasse mich auch nur ungern treiben.

          Von den Urlaubsländern in der Dritten Welt zeigen Sie stets die Sonnenseiten. Ist das Bild dieser Länder nicht völlig verklärt, weil Sie die Probleme ausblenden?

          Jetzt kann man natürlich nicht in Phuket oder auf den Malediven drehen. Ich bin gerade unterwegs und suche einen Ersatzort für die Gegend der Flutkatastrophe. Da können wir jetzt keinen „Heile Welt“-Film drehen. Die Malediven sind aber traurig darüber, daß wir abgesagt haben. Gerade jetzt hätten die uns gebraucht.

          Warum nicht gerade jetzt dort drehen?

          Das geht nicht. Man muß Nachrichten und Fiktion trennen. Die Leute wollen nicht das „Traumschiff“ mit integrierter Flutkatastrophe sehen.

          Profitieren die Menschen in den Ländern, in denen das Traumschiff anlegt von der Serie, oder sind sie nur Statisten?

          Wir lassen eine Menge Geld dort. Das „Traumschiff“ ist unbezahlbare Werbung, und wir bringen den Tourismus auf Tour.

          Von wann an kann das Traumschiff wieder in den Indischen Ozean fahren?

          Vorerst nicht. Wir waren ja schon überall. Nur noch nicht auf den Malediven. Das geht in den nächsten Jahren einfach nicht.

          Die Schwarzwaldklinik war Ihr größter Erfolg. Jetzt kommt sie im Februar wieder. Kopieren Sie am liebsten sich selbst?

          Das ist eine Fortsetzung und keine Kopie! Nach zwanzig Jahren kommen alle Beteiligten wieder vor die Kamera. Ein Glücksumstand, daß die alle noch leben. In Amerika passiert dasselbe mit „Dallas“.

          Sie arbeiten seit dreißig Jahren ausschließlich für das ZDF. Sieht man mit dem Zweiten wirklich besser, oder was können Ihnen andere Sender nicht bieten?

          Die Privaten haben versucht, mich abzuwerben. Und haben sogar erhebliche Summen geboten. Ich habe kurz nachgedacht und gesagt: „Kinder, das Mehr an Geld muß ich gleich zum Arzt bringen, weil ich mich dann über die jungen Redakteure so aufrege, die mir erklären wollen, wie man Fernsehen macht.“ Ich verdiene lieber weniger beim ZDF, bin aber gesund.

          Bleiben in Zeiten sozialer Unsicherheit und internationalen Terrorismus die Menschen eher zu Hause und erkunden ferne Länder im Fernsehen? Ist das Traumschiff mehr denn je Urlaubsersatz?

          Die Verunsicherung in der Welt durch Attentate und auch der Geldmangel führen dazu, daß viele Menschen sich sagen, ich schaue Fernsehen und rege mich nicht auf. Die riskieren nicht ihre Gesundheit und ihr Leben und bleiben zu Hause.

          Die Schwarzwaldklinik war ein Exportschlager, das Traumschiff mußte sich mit Österreich und der Schweiz begnügen. Was interessiert die ganze Welt denn so an der Klinik unter Tannen?

          Das ist ein unerklärliches Phänomen. Offenbar müssen wir bei den Zuschauern weltweit einen Nerv getroffen haben. Ich habe keine Ahnung.

          Sie halten alle Fäden selbst und allein in der Hand. Macht man sich mit siebzig nicht Gedanken über einen Nachfolger?

          Den gibt es nicht. Ist ja unmöglich. Ich bin ein Einmannbetrieb. Wenn ich nicht mehr da bin, ist der Fall erledigt.

          Sie hängen an Berlin, warum produzieren Sie keine Serie aus der Hauptstadt?

          Ich mache keine Serien mehr. Ich bin serienmüde und habe keine Lust mehr. Wenn ich eine gute Idee hätte, würde ich auch etwas in Berlin machen. Aber keine Serie.

          Ihre Ideen, sagen Sie, sind inzwischen von anderen übernommen, in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt worden. Wo sitzen die Kopisten?

          Die ARD kopiert das „Traumschiff“ mit der Serie „Unter weißen Segeln“, und sie dreht das „Traumhotel“. Das sind alles Kopien von mir. Ich staune, daß die so lange dafür gebraucht haben. Das hätte man früher machen können. Der Bessere siegt. Mal sehen, wer beständiger ist.

          Ihre Stücke haben Traumquoten, werden aber von Kritikern als trivial abgestempelt. Stört Sie das eigentlich?

          Ich werde nicht von Kritikern bezahlt, sondern von den Zuschauern. Die „Schwarzwaldklinik“ wurde als „Romanze in Mull“ vom „Spiegel“ verrissen und ist heute eine Legende. Das „Traumschiff“ existiert seit vierundzwanzig Jahren in fünfzig Folgen. So alt werden die Kritiker in ihrem Job nicht. Mich berührt das nicht. Wenn jemand meint, wir seien trivial, liegt er ja gar nicht so schlecht damit. Doch unter dem vielen Trivialen sind wir die Könige. Ich spreche nicht die ausgewählte Klientel, sondern die breite Masse an.

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