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Fernsehen : Ein Links-rechts-Terrorist packt aus: „Der Rebell“ bei Arte

  • -Aktualisiert am

Odfried Hepp als Mitglied der Wehrsportgruppe „Schlageter” Bild: SWR/privat

Er war Neonazi, Stasi-Informant und einer der meistgesuchten Terroristen der Welt. Wer der eigentliche Odfried Hepp ist, läßt der Dokumentarfilm, den Arte an diesem Montag abend ausstrahlt, offen. Und das ist gut so.

          Wer über den Terror spricht, der die Bundesrepublik in den siebziger Jahren in ihre schwerste Krise stürzte, der handelt für gewöhnlich von der RAF. Weitgehend in Vergessenheit geraten ist dagegen der rechte Terrorismus jener Jahre, obgleich allein Anfang der Achtziger mehr Menschen durch rechtsextreme Täter starben als in den Jahren der RAF zusammen.

          So rechnen es der Autor Yury Winterberg und der Regisseur Jan Peter in ihrer verstörenden Dokumentation „Der Rebell“ vor, die Arte an diesem Montag abend - leider viel zu spät - ausstrahlt. Von „einer der unheimlichsten Biographien der bundesrepublikanischen Geschichte“, so das Duo, handele ihr Porträt. Mit gleichem Recht aber könnte man es mit Hannah Arendt einen Bericht von der Banalität des Bösen nennen. Im Fall des Odfried Hepp tritt es als Chamäleon auf.

          Einer der meistgesuchten Terroristen der Welt

          Bis zu seiner Festnahme 1985 war der Neonazi Odfried Hepp einer der meistgesuchten Terroristen der Welt, gleichzeitig im Südlibanon ausgebildeter Offizier der Palästinensischen Befreiungsfront und Stasi-Informant. 1982 verübte seine „Hepp-Kexel-Gruppe“ mehrere durch Banküberfälle finanzierte Attentate auf Angehörige der amerikanischen Armee in Frankfurt, Butzbach, Darmstadt und Gießen. Versehen mit unzähligen Pseudonymen und Masken sowie einem falschen bundesrepublikanischen Paß, den ihm die Stasi besorgte, floh Hepp über Damaskus, Tunis und Barcelona nach Marseille, bevor er in Paris vom französischen Geheimdienst verhaftet wurde.

          Dem „Spiegel“ galt er als „Chefdenker der Neonazi-Szene“, und selbst die „taz“ druckte sein Manifest „Abschied vom Hitlerismus“, in dem er den Schulterschluß mit der RAF suchte, um gemeinsam den „Befreiungskampf“ zu führen, sprich die „amerikanische Besatzungsmacht“ aus Westdeutschland herauszubomben.

          Psychogramm eines politisierten Gewalttäters

          Winterberg und Peter lassen den Aussteiger, der heute unauffällig lebt und nur gelegentlich Besuch vom Verfassungsschutz erhält, seine Lebensgeschichte an den Originalschauplätzen weitgehend unkommentiert, nur unterstützt durch die Schilderungen von Weggefährten, selbst erzählen. Mit den naheliegenden Folgen: Zwar glorifiziert Odfried Hepp, der in der Neonazi-Szene mittlerweile als Verräter gilt, weder seine einstige Gesinnung noch seine Gewalttaten, durchweg aber banalisiert er sie. Vom Tod des braunen Kameraden Kai-Uwe Bergmann, der von der berüchtigten „Wehrsportgruppe Hoffmann“ im PLO-Lager wegen heimlichen Rauchens zu Tode gefoltert wurde, spricht er, als habe es sich um Sandkastenbübereien gehandelt - im übrigen eine der wenigen Stellen des Films, in denen der Kommentar die Darstellung Hepps direkt durch Ergänzungen konterkariert.

          Darüber hinaus jedoch entsteht durch die rückschauend distanzierte Unmittelbarkeit, mit der Hepp über die Anfänge seiner nazistischen Weltsicht im Elternhaus berichtet, wie über die gewollte allgemeine Verunsicherung des Terrors („die Masse unten kann man nicht schützen“) das exemplarische Psychogramm eines politisierten Gewalttäters, wie es aktueller nicht sein kann.

          Ein Film, der sich die einfachen Antworten verkneift

          Erschreckend ist, wie ungerührt Hepp heute wirkt. Nachdem er den Hauptteil seiner insgesamt vierzehnjährigen Freiheitsstrafe verbüßt hatte, ist er wieder ins Elternhaus nach Achern im Schwarzwald gezogen, wo einst das rechtsradikale Liedgut von Hepps „Kampfgruppe Schwarzwald“ wohlwollend geduldet war, solange sie nicht nach 22 Uhr sangen, wie die jüngere Schwester berichtet. Als freundlicher Cicerone führt Hepp durch den Garten, zeigt hier des Großvaters „Hühnerhotel“ und da den Kirschbaum und warnt fürsorglich vor unebenen Kellertreppenstufen. Nach seiner Entlassung hat er das Studium des Französischen und Arabischen mit Diplom abgeschlossen und beim Verfassungsschutz - vergeblich - um eine Festanstellung nachgesucht. Was er treibt, bleibt im dunkeln.

          Ergänzt werden die Selbstauskünfte Hepps durch den ehemaligen Weggefährten Steffen Dupper, der die charismatische Persönlichkeit des Ex-Terroristen hervorhebt, sowie durch seinen ehemaligen Stasi-Führungsoffizier Eberhard Böttcher, den die Qualitäten seines einstigen „Spitzenmannes“ begeistern. Doch wer ist der eigentliche Odfried Hepp? Das will die Dokumentation nicht abschließend beantworten. Seinen Selbstaussagen traut sie nur bedingt, und darin liegt ihre Qualität: Indem Yury Winterberg und Jan Peter eingangs Novalis zitieren, setzen sie den Ton und die folgenden neunzig Minuten in Anführungszeichen: „Das größte Geheimnis ist der Mensch sich selbst.“ Und bleibt es den anderen. Im Guten wie im Bösen. Besonders aber im Bösen.

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