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Fernsehen Die längste Talkshow der Welt

03.09.2003 ·  Die Vorfreude von Anne Will in den „Tagesthemen“ („jetzt dauert es nur noch ein paar Minuten“) war das Aufregendste an Sandra Maischbergers neuer Talkshow. In ihrer ersten Sendung für die ARD wirkte sie sehr entzaubert.

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Das Fernsehen hat zwei Rekorde zu melden: Bei Neun Live haben sie die längste Quizshow der Welt moderiert, 53 Stunden lang, die Guinness-Akademie muß es noch bestätigen. Und bei der ARD haben sie die längste Talkshow der Welt gesendet, Dienstag abend mit Sandra Maischberger aus dem Tränenpalast in Berlin. Sagten wir längste? Wir meinten lang-weiligste, -atmigste und -wierigste und also deshalb "lang", weil sie einem nicht dürftiger vorkam als das Dauersprechen bei Neun Live.

Die Vorfreude von Anne Will, die sich in den "Tagesthemen" mit einer Gefälligkeitsschalte ("jetzt dauert es nur noch ein paar Minuten") zu ihrer neuen Kollegin als Werbezeitenvermarkterin profilierte, war das Aufregendste. Spätestens bei Peter Graf, der als zweiter Gast des Abends schon ganz leise sprach, war es ein Kampf gegen den Dämmer, das Kalkül hinter der Einladung einer Frau aus Serbien, welche die Bundesrepublik wegen des von einem Nato-Bombardement verursachten Todes ihrer Tochter verklagt, vermochte einen nicht mehr aufzuregen, ebenso nicht, daß diese persönliche Tragödie von der Moderatorin nicht ansatzweise in irgendeinen Zusammenhang gebracht wurde. Wer will schon wissen, was in den letzten Jahren auf dem Balkan geschehen ist oder ob Verurteilung und Haft des Vaters von Steffi Graf in einem solch seltsamen Licht erscheinen müssen, in dem er selbst es sieht?

Gescheitert an „Florida-Rolf“

Mehr als Augenzusammenkneifen, als nehme sie ihr Gegenüber nun richtig wahr, und indirektes Fragen, als ob es sich um eine dritte Person handele ("ist Peter Graf jemand, der ..."), hat Sandra Maischberger nicht zu bieten. Das reicht nicht mal, um "Florida-Rolf", den berühmtesten Sozialhilfeempfänger Deutschlands, aus der Reserve zu locken. Sandra Maischberger fehlt offenbar ein kleiner Mann im Knopf im Ohr, der ihr Tips gibt, wann sie was fragen soll.

Was sie weiß, gibt sie gleich zu Beginn des Gesprächs preis, dann lauscht sie, nickt und macht "hm". Sie reagiert nicht, hört nicht richtig hin und denkt womöglich nicht mit, kurzum: Sie erkennt die Chancen gar nicht, die in ihren Gesprächen liegen. Sie wirkt, in dem Moment, da sich ihre Stärke erweisen soll, wie ein Kunstprodukt. An der Quote (2,35 Millionen Zuschauer, 20,4 Prozent Marktanteil) mag die ARD sich berauschen. Die Profis in ihren Reihen werden wissen, daß dahinter (noch) nichts als die Neugierde steckt. Ein Fernsehereignis ist "Menschen bei Maischberger" nicht. Ein Rekord (siehe oben) schon.

Quelle: miha. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2003, Nr. 205 / Seite 38
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