10.09.2004 · Wie kann man Geschichte lebendiger erzählen? Indem man ihre Protagonisten virtuell wiederbelebt: Beim „Discovery Channel“ treten Hitler, Stalin, Churchill und Roosevelt auf - animiert durch den Computer.
Von Nils Minkmar, WarschauStolz weht die Flagge des "Discovery Channel" im ostpreußischen Wind über dem kleinen Flugplatz von Wilamowo. Soeben sind vier historisch wertvolle Antonow-Maschinen gelandet, dreißig Journalisten aus der ganzen Welt und ein substantielles Begleitteam entsteigen ihnen, einigermaßen erschüttert. "Forties Style" heißt das Motto des Tages - schon zum Frühstück in Warschau erklang Marlene -, und besonders die jungen Kollegen der polnischen Event-Marketing-Agentur "Idefix" nehmen die Sache ernst und demonstrieren Forties-Fun in der Tracht der polnischen Infanterie des Jahres 1939.
Einige Soldaten der polnischen Streitkräfte des Jahres 2004 wurden auch angeheuert; für sie ist es mal was anderes. Grinsend lenken sie die alten Militärlastwagen auf das Gelände der "Wolfsschanze", wo zur Feier des Tages Stacheldrahtreiter und Minenwarnschilder aufgestellt wurden. Sogar ein sehr zivil aussehender Schnauzer wurde dazu überredet, den Wehrmachtswachhund zu geben.
Auf wackligen Bänken zum Ort des Attentats
"Virtual History" heißt die Sendung, die der "Discovery Channel" der Welt präsentieren möchte. Zuvor soll man sich in physischer Hermeneutik üben: Wenn man Uniformen - egal ob polnische oder deutsche - sieht, Graupen mit Speck ißt und auf wackligen Holzbänken zum Ort des Attentats transportiert wird, ist man womöglich aufgeschlossener für die versprochene Intimität und Authentizität der optischen Effekte. Es geht schließlich um was.
Drei Jahre hat das Team von "Virtual History" an der Sendung über den 20. Juli 1944 gearbeitet. Vorläufer war die erfolgreiche BBC-Serie "Walking among Dinosaurs", in der lebensechte Aufnahmen von allerlei Sauriern simuliert worden waren, bis hin zum Erzittern der Haut im urzeitlichen Wind. Nun wollte man einen Schritt weiter gehen und mit Hilfe des Computers Aufnahmen bekannter historischer Persönlichkeiten produzieren.
Ein prägnantes Datum
Und weil sich bei so einem teuren Vorhaben die Kosten in der ganzen Welt, in allen 155 Sendegebieten des "Discovery Channel" amortisieren müssen, muß das Sujet, an dem die neue Technik ausprobiert wird, auch wirklich weltweit attraktiv sein. Man ahnt, wie es in der Strategiesitzung hin und her gegangen sein könnte: Kennedy in Dallas? Napoleon am 18. Brumaire? Oder doch irgendwas mit der Monroe? Nee nee: lieber Hitler. Mit dem 20. Juli hat man nicht nur ein prägnantes Datum, man kann auch im Stil von "24 Stunden" dramatisieren.
Und es gibt das Jubiläum. Leider hatten die Verschwörer wenig Sinn für die Programmplanung. Auf die Frage, warum die Sendung erst am 28. Oktober und nicht pünktlich zum 20. Juli ausgestrahlt werde, sagt David Abraham, der europäische Chef des Senders, in völliger Ironiefreiheit: "Der Juli ist einfach kein guter Monat für Premieren. Wir senden unsere besten Sendungen lieber im letzten Viertel des Jahres."
Dramaturgische Probleme
Was es dann nach all den Militaria, Tarnnetzen, künstlichen Raucheffekten zu sehen gab, war der Struktur nach ein arg konventioneller Film über den Tagesablauf der "vier Kriegsführer" Roosevelt, Churchill, Stalin und Hitler (nicht nur die Japaner, auch Mussolini und de Gaulle wurden ausgespart), der mit dem Verweis auf den "geheimen Plan, Hitler zu töten", dramatisiert wird. Wenn um die Mittagszeit eine Bombe hochgehen soll, löst das ja schon viele dramaturgische Probleme.
Die Digitaltechnik kommt auf zwei Gebieten zum Einsatz: einmal, um historisch-authentisch wirkende Standfotos in Schwarzweiß herzustellen - Stauffenberg im Flugzeug, vor der Baracke auf die Explosion wartend -, die wirken sollen, als habe der Sender einen Fotografen in die Vergangenheit reisen lassen. Hier ist der Effekt einigermaßen überzeugend: Wer nicht glaubt, das meiste Fotomaterial von damals zu kennen, wird Mühe haben zu sagen, welches Bild gestellt ist und welches nicht.
In Hitlers Wohnzimmer
Etwas problematischer sind die bewegten und farbigen Filmaufnahmen von Churchill, Roosevelt, Stalin und Hitler. Mit reißerischer Uhrzeitangabe und einem aus dem Weltall zur Erde fahrenden Zoom auf die jeweiligen Wohnräume der vier Herren werden Szenen eingeleitet, die allesamt historisch belegt, aber - aus naheliegenden Gründen - nie gefilmt worden sind. Doch das Kalkül der übermäßig medienscheuen Zeitgenossen kann der Computer nun durchkreuzen.
Wir sehen: Roosevelt kippt aus dem Rollstuhl und liegt röchelnd am Boden; Churchill liegt den ganzen Tag im Bett und geht um ein Uhr mittags, nur mit einem Handtuch um die Hüften, ins Bad; Stalin nimmt seine kokett lachende Haushälterin auf den Schoß, und Hitler schließt genüßlich die Augen, während sein Leibarzt Morell ihm eine Spritze setzt. Die Qualität der Szenen ist dabei so verschlechtert worden, als handele es sich um Wochenschaumaterial aus den 1940er Jahren: Kratzer und Kleckse, halbdunkle Räume, wackelnde Kamera, fahle Farbgebung - eben "Forties Style".
Labyrinthe der Unlogik
Wie in allen Zeitreisegeschichten verirrt man sich auch hier schnell in Labyrinthen der Unlogik: Wenn das amerikanische Volk Roosevelt nicht im Rollstuhl sehen durfte, warum moderiert der Sohn des Präsidenten dann munter in die rekonstruierte Kamera ("Lassen Sie mich Ihnen unseren Hund vorstellen"), die dann wie in einer Homestory in den Privatgemächern im Präsidentenzug filmen darf, und hält seine Hand dann doch vors Objektiv, als sein Vater am Boden liegt?
Welcher dramatische Wandel der Nazi-Propaganda des Sommers 44 hätte plötzlich einen Kameramann bei einer Lagebesprechung in der Wolfsschanze zugelassen? Dann hätten die Verschwörer sich ja nur als Kameraleute zu tarnen brauchen, und die ganze Aktentaschensache wäre anders gekommen. Und warum um alles in der Welt hätte sich Churchill halb nackt filmen lassen sollen? Seine Probleme waren schließlich auch so groß genug.
Zu glatt geraten
"To bring back Hitler to life" war eine der Absichten des Senders, es kam aber nicht soweit. Das hätte ja gerade noch gefehlt. Unter den anwesenden Journalisten machte sich eine gewisse Verlegenheit breit: Die computergenerierten Großaufnahmen, in denen die historischen Akteure direkt in die Kamera blicken, sind nur mittelmäßig überzeugend. "Money Shots" nennt David Abraham solche Aufnahmen, ein Begriff aus der Pornoindustrie - leider oder zum Glück ist "Virtual Hitler" das Geld nicht wirklich wert. Er ist etwas glatt geraten und wirkt synthetisch. Auch nach der Bombenexplosion sitzt die Führer-Frisur, keine Spur von Streß. Der Kontrast zu echtem Wochenschaumaterial ist trotz aller Bemühungen frappierend. Mit normalen Schauspielern wurden weit beeindruckendere Effekte erzielt.
Dann stellt sich die Frage: wozu das Ganze? Über den 20. Juli erfährt man, trotz einiger tapferer Aufsager von Joachim Fest und Lothar Kettenacker, nur das Allerminimalste. Über Stalin lernen wir, daß er Polen erobern wollte und "sogar mehr Menschen umbrachte als Hitler". Churchill mißtraut Stalin, und Roosevelt will Japan besiegen. Speziellere Fragen - etwa jene, die den Kollegen aus Bombay interessiert hätte, nämlich nach der spezifischen Rolle von Luftwaffe und Marine bei der Vorbereitung des Putschs - bleiben unbeantwortet. Inhaltlich ist der Film eine reißerische, aufwendige Animation des dtv-Atlas zur Weltgeschichte.
Flott formatierte Geschichte
Es könnte sich also um den seltenen Fall handeln, daß tatsächlich das Medium die Botschaft ist. Eines soll bewiesen werden: daß auch die Geschichte vor dem Medienzeitalter nicht mehr davor sicher ist, flott formatiert zu werden: Fehlende O-Töne, Bilder, Filme werden vom Veranstalter gestellt.
Die Technik wird besser werden. In einigen Jahren werde man mit den historischen Akteuren "Interviews im CNN-Stil" führen können, hieß es. Man sieht es schon vor sich: Hermann Göring und Charles Lindbergh bei Larry King. Das allerdings wäre eine Verbesserung gegenüber dem nun präsentierten Zwischenstadium: Wenn man schon mit historischen Figuren und synthetischen Bildern arbeitet, dann wenigstens mit dem Mut zur kreativen Dekontextualisierung statt mit dem verklemmten Eifer des Voyeurs. Es hätte noch einen Vorteil: Man könnte die "Wolfsschanze" den Fröschen und dem Moos überlassen.