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Fernsehen Das Schmidt-Syndrom

16.11.2004 ·  „Wetten, daß . . ?“ sehen heißt, auf dem laufenden bleiben: Vor einem Millionenpublikum kündigte Ottfried Fischer an, als „Bulle von Tölz“ bei Sat.1 zu pausieren. Was Fischer nicht sagte: In der „Pause“ dreht er für die ARD.

Von Michael Hanfeld
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Man sollte doch hin und wieder „Wetten, daß . . ?“ schauen. Nicht, weil 13,27 Millionen Menschen nicht irren können, die sich die Show am Samstag wieder angesehen haben. Auch nicht, um zu kontrollieren, welcher farbenblinde Modemacher sich nun wieder an Thomas Gottschalks Garderobe versucht hat. Und schon gar nicht in der Hoffnung, daß er endlich mal so glänzend moderiert, wie er es seiner Beliebtheit beim Publikum schuldete.

Sondern, um die neuesten Nachrichten aus der Branche nicht zu verpassen. Denn wo anders als hier verkündet Ottfried Fischer, daß er mit dem „Bullen von Tölz“ ein Jahr pausieren will? Flankiert von ein paar Bemerkungen über die vermeintlich miese Behandlung bei Sat.1? „Wetten, daß . . ?“ sehen heißt also, auf dem laufenden bleiben. Und wetten, daß sich Ottfried Fischer genau überlegt hat, was er sagt und wo er es sagt? Bei Thomas Gottschalk hatte er 13,67 Millionen Zuschauer, soviel schafft nicht einmal die Serie, um die es hier geht und von der für Sat.1 soviel abhängt, „Der Bulle von Tölz“.

„Kein Weltuntergang“

Die Boulevardblätter haben die Geschichte gleich aufgegriffen und sie tendenziell so weitergedreht, daß es mit Fischer, der zu den begehrtesten Fernsehschauspielern der Branche zählt und auch einer der bestbezahlten Darsteller überhaupt sein dürfte, und dem „Bullen von Tölz“ zu Ende gehen könnte. „Wenn Sat.1 die Reihe nicht fortsetzen wolle, sei dies für ihn kein Weltuntergang“, wird Ottfried Fischer im „Express“ zitiert. Zugleich tat er kund: „Ich glaube an den Bullen.“ Und: „Das amerikanisch-belgisch-schweizerische Management des Senders muß aber kapieren, daß der ,Bulle von Tölz' ein wertvolles Produkt ist, das man nicht durch zigfache Wiederholungen und Werbeunterbrechungen totsenden darf.“ Die Chemie stimme nicht mehr zwischen Sat.1 und Fischer, der sein Jahr Pause an der Niemandsbucht ankündigt, um sich stärker dem Kabarett und seiner Familie widmen zu können. Soweit die Mediennachrichten des Wochenendes nach „Wetten, daß . . ?“.

Jetzt aber zur Auslegung: Was mag es bedeuten, wenn ein Schauspieler, der genau weiß, was eine Rolle für ihn und für den Sender heißt, drohend mit den Zaunpfahl winkt, sich zugleich aber eine Hintertür offenläßt und darauf verweist, daß es nicht an ihm liege? Bei Sat.1 sind sie jedenfalls einigermaßen gefaßt. „Der ,Bulle von Tölz' ist eine Marke, die mit Sat.1 gewachsen ist“, sagt die Sprecherin Kristina Faßler. „Das soll auch in Zukunft so bleiben.“ Jetzt, im November, wird noch eine Folge gedreht, bis Mitte 2005 folgen vier weitere und dann - würde die von Ottfried Fischer angekündigte Pause beginnen. Normalerweise stünden jetzt Verhandlungen über weitere Drehs im Jahr 2006 an.

Zwölf Minuten Reklame

Doch gehen wir an die Exegese und befassen uns mit den „Wiederholungen und Werbepausen“, die Ottfried Fischer kritisiert. An denen hat sich beim „Bullen von Tölz“ seit Jahren nämlich nichts verändert: Die Werbepausen unterliegen einer gesetzlichen Festlegung, derzufolge pro Sendestunde viermal für insgesamt zwölf Minuten Reklame unterbrochen werden darf, welche die Sender selbstredend an den spannendsten Stellen und gern in kleinen Häppchen vor und nach der Ankündigung der jeweils folgenden Sendung plazieren. Was die öffentlich-rechtlichen Sender übrigens genauso gut beherrschen wie die privaten, da muß man sich nur einmal die bis zum Bersten mit Werbung gefüllte „Sportschau“ der ARD anschauen, vom Dauersponsoring während der eigentlichen Sendung ganz zu schweigen.

Doch es hat sich beim „Bullen von Tölz“ nicht nur an der Werbung, sondern auch an der Zahl der Wiederholungen in den letzten Jahr nicht viel geändert. Es gibt zweiundzwanzig Ausstrahlungen pro Jahr, mit fünfzehn Wiederholungen und sieben neuen Folgen. Daß mit diesem Turnus zumindest für ein Jahr nun Schluß sein soll, wie Ottfried Fischer im ZDF angekündigt hat, hat die übrigen Beteiligten - Sender, Produzent und Mitspieler - kalt erwischt, zumindest die Zuschauer können sich darauf vorbereiten.

Bestseller und Pfarrer

Und dann gibt es ja noch Ottfried Fischer auf anderen Kanälen und in anderen Rollen, die allerdings mit derjenigen des „Bullen von Tölz“ wesensverwandt sind, ihr geradezu entwachsen zu sein scheinen. Zum Beispiel die Rolle als Kriminalromanautor in der ARD-Reihe „Bestseller“, deren dritter Teil an diesem Freitag im Ersten läuft, und diejenige des „Pfarrer Braun“, die Fischer ebenfalls spielt, nicht zu vergessen seine eigene Kabarettbühne „Ottis Schlachthof“ im Bayerischen Fernsehen.

Eine Folge von „Pfarrer Braun“ wird gerade im Rheingau unter anderem im Kloster Eberbach gedreht - unter dem Episodentitel „Bruder Mord“ - eine zweite (“Adel vernichtet“) folgt, Sendetermine sind im März und April 2005. Für das nächste Jahr sind drei weitere „Pfarrer-Braun“-Folgen vorgesehen (eine im Sommer, zwei im Herbst, Ausstrahlung voraussichtlich 2006). Im Januar und Februar 2005 dreht Ottfried für die ARD zudem die nächste „Bestseller“-Folge, die nicht nur „Kuba“ heißt, sondern auch dort spielt. Und das soll, nach Auskunft der ARD-Filmproduktionstochter Degeto, die gerade erst den Vertrag mit Harald Schmidt abgeschlossen hat, auch noch so lange so weiter gehen, wie das Publikum den Schauspieler in dieser Rolle sehen will.

Kreativpause? Mehrarbeit!

Ottfried Fischers Kreativpause bei Sat.1 mündet für diesen - so wie es aussieht - also nahtlos in Mehrarbeit bei der ARD. Im Juni soll der zunächst letzte „Bulle von Tölz abgedreht sein, dann wäre es Zeit für dreimal „Pfarrer Braun“ im Ersten. Mit dem man im Ersten inzwischen sogar höhere Quoten einfahre als Sat.1 mit dem „Bullen von Tölz“, worauf der Degeto-Chef Hans-Wolfgang Jurgan nicht ohne Stolz hinweist. Fischer feiere mit seinen beiden Rollen im Ersten „phänomenale Erfolge“, so Jurgan: „Und solange die Zuschauer es mögen, werden wir es weiterführen.“

Während sich Ottfried Fischer also längst ein zweites Stand- und Spielbein besorgt hat, müssen sie sich bei Sat.1 fragen, ob man es nicht versäumte, rechtzeitig ein Gegengewicht zu diesem zu bilden, mit ähnlich programmprägenden Figuren, die aufzubauen allerdings Jahre dauert. Was unter den obwaltenden Umständen eines Wechsels an der Spitze vor einem Jahr, dem imageträchtigen Verlust von Harald Schmidt und den Maßgaben eines rigide auf den Profit schauenden, börsengetriebenen Mutterkonzernmanagements in München nicht allzu leicht ist. Und was jemand wie die stellvertretende Geschäftsführerin und Fiktionschefin von Sat.1, Alicia Remirez, trotzdem probiert - weshalb gerade diesen Sender der Vorwurf nicht treffen kann, man pflege das Fernsehschaupiel zu wenig. Doch das kann überhaupt nur funktionieren, wenn die Protagonisten, sobald sie auf dem Zenit ihres Wirkens wandeln, nicht gleich auf dem Absprung sind.

Privatsender sind erpreßbar

Man könnte es das „Harald-Schmidt-Syndrom“ nennen und nach Parallelen vor allem in den Vereinigten Staaten suchen - nach „Stars“, die wirklich welche und irgendwann so wichtig sind, daß sie das Kräfteverhältnis umkehren und von den Sendern verlangen können, was sie wollen. Dabei sind die hiesigen Privatsender bei allen Programmsparten, die viel Geld kosten, in einer besonderen Weise erpreßbar, haben sie mit ARD und ZDF doch Konkurrenten, die zwar permanent übers „Sparen“ jammern, im Zweifel aber viel mehr Geld locker machen können als die anderen - sieben Milliarden Euro pro Jahr an Gebühren muß man durch Werbung & Co. erst einmal verdienen.

Es ist weniger dem Hang des Privatfernsehens zum Trash-TV geschuldet, daß man den Eindruck haben kann, daß die Qualitätsunterschiede zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen wieder größer werden - was im übrigen mit Blick auf die Serien (und da Sat.1) nicht stimmt. Es geht schlicht ums Geld und um bessere Verträge, mit denen insbesondere die ARD sich etliche Promis ins Boot geholt hat: ob sie Reinhold Beckmann, Monica Lierhaus, Sandra Maischberger, Harald Schmidt oder Johannes B. Kerner beim ZDF heißen. Die Gebührensender haben sie den Werbeeinnahmensendern weggekauft. RTL kann heilfroh sein, daß Günter Jauch noch nicht im Ersten sendet. Setzte er sich bei Thomas Gottschalk auf die Couch und machte Bemerkungen über RTL wie nun Ottfried Fischer zu Sat.1, hätten die Kölner nicht schlecht zu tun.

Dem Pro-Sieben-Sat.1-Eigner Haim Saban sollten diese Mechanismen nicht fremd sein. Und sie sollten ihm zu denken geben: Wer auf dem deutschen Fernsehmarkt nachhaltig Erfolg haben will, muß mehr, nicht weniger investieren als andernorts, sonst wird er am Ende noch von einem Provinzpolizisten aus Bayern, der sich seiner Rolle sehr bewußt ist, vorgeführt und abgefangen. O'zapft is.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2004, Nr. 268 / Seite 37
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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