18.07.2005 · Kleine Partei ganz groß: Dank des Promi-Bonus von Lafontaine und Gysi ist die „Linkspartei“ bei ARD und ZDF obenauf. So hilft das Fernsehen, ein Phänomen mitzuerschaffen, das es kritisch zu begleiten vorgibt.
Von Michael HanfeldWarum? Warum durfte Oskar Lafontaine am Donnerstag der vergangenen Woche zur besten Sendezeit, direkt nach der „Tagesschau“, im ersten Programm „Farbe bekennen“? Und warum hat der Parlamentskanal Phoenix zwei Wochen zuvor den Wahlparteitag der WASG stundenlang übertragen?
Das war schon ein denkwürdiger Tag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, mit Schleichwerbung der anderen Art, ohne „Placement“-Agentur, dafür mit garantierter politischer Wirkung: Während im Ersten, im „Bericht aus Berlin“, Thomas Roth heftig vor den rechtspopulistischen Tönen der WASG warnte, die nun, im Verein mit der PDS, als „Die Linkspartei“ zur Bundestagswahl antritt, waren deren Präzeptoren im Original zur selben Zeit auf dem Parlamentskanal Phoenix zu begutachten.
Stundenlang übertrug der Sender den Wahlparteitag der Lafontaine-Truppe. In der vorgeschalteten Diskussion wurde sie zwar eingeordnet, doch dann warteten alle Kameras und Mikrophone auf die neue Zwei-Prozent-Partei, der es - aufgepumpt durch die PDS - offenbar leichtfällt, mit dem Ruf nach massiver Umverteilung die Unzufriedenen des Landes vor allem in den neuen Ländern für sich zu gewinnen.
Leichtes Spiel für die Linken
Doch warum hat „Die Linkspartei“ auch derart leichtes Spiel mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Wieso gibt es nicht das leiseste Innehalten, bevor im Programm Platz gemacht wird, wie ihn die NPD zum Beispiel, selbst oder gerade wenn sie Umfrageergebnisse wie die Linkspartei hätte, nie und nimmer eingeräumt bekäme? Auch nicht bekommt. Fragt sich das niemand, beklagt das niemand? Reicht es zu sagen, man sei links, um dem Extremismusverdacht zu entgehen? Ist es der Altherrenbonus der Macht, der Oskar Lafontaine und Gregor Gysi in die Hände spielt, die einfach schon so oft in den Fernsehtalkrunden waren, daß man sich dort gar nicht mehr vorstellen kann, sie auf einmal nicht mehr einzuladen?
Wem es scheinen will, daß das öffentlich-rechtliche Fernsehen, von dem wir in dieser Frage auch qua eigenem Anspruch besonders viel erwarten dürfen, auf die Linkspartei nicht vorbereitet ist, der fand seine Bestätigung spätestens vergangene Woche bei „Farbe bekennen“. Bekennen mußte Oskar Lafontaine dort nämlich gar nichts, was ihm schon nach der gefühligen Eröffnungsfrage von Gabi Bauer klar gewesen sein dürfte: „Wie fühlt sich das für Sie persönlich an, wieder da zu sein?“ Großartig natürlich, sagte Lafontaine dem Sinn nach und gab sogleich zu erkennen, daß nicht die SPD Grund habe, sich als Opfer ihres ehemaligen Vorsitzenden zu fühlen, sondern dieser sich umgekehrt als von ihr verraten. Den gestandenen ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann hatte Lafontaine sogar bald so weit, daß er halb im Spaß, dem Ernst der Sache jedenfalls ganz und gar unangemessen, den Eindruck von sich wies, die Linkspartei werde von der ARD wie ein Schmuddelkind behandelt: „Nein, um Gottes willen, nicht.“
Die Demokratie verändern
Wohlgemerkt, es ging um jene Partei, zu welcher der Chef des Berliner Hauptstadtstudios der ARD, Thomas Roth, auf Anfrage dieser Zeitung sagt: „Derzeit bietet Herrn Lafontaines spezieller Werdegang und sein Umgang mit Sprache in der Politik besonderen Anlaß zur kritischen Beobachtung.“ Die war in der Sendung „Farbe bekennen“ mit Blick auf Lafontaines „Fremdarbeiter“-Ausführungen zwar vorhanden, zwischendurch sagte er aber - unhinterfragt - so bemerkenswerte Sätze wie: „Wir werden die Demokratie verändern.“ Die Politik der Regierung in Berlin sei nämlich „nicht demokratisch“. So einfach ist das, abends um halb neun, im ersten Programm.
Nun ist es nicht so, daß die Programmverantwortlichen von ARD und ZDF sich die Frage nicht stellen, wie sie es mit der Linkspartei halten sollen. Doch scheint die schiere Wählermasse, mit der diese in Umfragen derzeit aufwartet, die grundsätzliche Erwägung, ob man ihr nicht erst die Plattform bietet, die sie - zumindest im Westen des Landes - erst so groß erscheinen läßt, wie sie in Wahrheit gar nicht ist, obsolet zu machen.
Gebot der Chancengleichheit
So jedenfalls ist der Chefredakteur und Politikkoordinator der ARD, Hartmann von der Tann, auf Nachfrage zu verstehen: Die Linkspartei werde nach denselben journalistischen Kriterien behandelt wie andere auch, der Blick auf das andere politische Extrem wie Republikaner und NPD sei zudem mit Blick auf deren politische Ziele wohl etwas übertrieben. Der ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sagt, daß sich sein Sender beim Umgang mit der neuen Linken von zwei Gedanken leiten lasse: Was verlangt das Parteiengesetz von uns? Was folgt aus dem Gebot der Chancengleichheit?
„Lafontaine bekommt bei uns kein Prä“, sagt Brender. Er werde als Politiker an seiner eigenen Geschichte gemessen, berichtet werde über die Linkspartei „systematisch und dabei ebenso kritisch wie über andere Parteien auch“. „Ein paar Köpfe“, meint Brender mit Blick auf die Aufmerksamkeitswerte der Linkspartei, könnten „den Menschen den Kopf verdrehen“, doch werde das nicht die Berichterstattung des ZDF tangieren.
Intelligenter Widerspruch
Der Geschäftsführer des Parlamentskanals Phoenix, Klaus Radke, sagt, daß man bei der Übertragung von Parteitagen einem seit Jahren eingeübten Verfahren folge. Es gelte der „Grundsatz der abgestuften Chancengleichheit“, diesem zufolge werde die Linkspartei behandelt wie jede andere Sieben-Prozent-Partei. Entscheidend sei die Frage der „journalistischen Relevanz“. Und wenn man nicht von vornherein Ansatzpunkte dafür habe, daß eine Partei Verfassungswidriges aufs Tapet bringe, dann sei auch nicht ausgeschlossen, daß übertragen werde. Doch wolle man auch nur senden, „wenn intelligenter Widerspruch möglich ist“.
Das war an besagtem Übertragungstag bei Phoenix auch zu sehen, mit der vorangestellten Debatte über Ziele, Parolen und den bisherigen politischen Lebenswandel von Lafontaine und Gysi. Bei Gelegenheit würde man sich jedoch wünschen, daß auch bei einer Sendung wie „Farbe bekennen“ von den genannten Grundsätzen etwas zu spüren wäre. Sonst könnte man denken, die Linkspartei gelte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als schon gewählt.
Überlebensgroß übertragen
Doch ist das auch gar nicht die Frage. Daß ARD und ZDF über die Linkspartei kritisch berichten, ist selbstverständlich. Nicht selbstverständlich aber ist, daß die WASG, zu einem Zeitpunkt, da sie erst in Spurenelementen in den Umfragen auftauchte, überlebensgroß übertragen wird. Es weiß doch jeder, daß es im Fernsehen um schiere Präsenz geht: Wer drin ist, kommt draußen im Lande groß an. Doch kommen die kleinen zumeist erst gar nicht rein, zumindest nicht so schnell und so leicht wie Lafontaine & Co. In der Verkennung dieses Mechanismus liegt das Versagen, das dem Fernsehen vorzuwerfen ist.
Die politischen Parteien, die sich dadurch herausgefordert fühlen müssen, halten sich übrigens auffallend bedeckt. Der Generalsekretär der SPD will sich zu der Frage, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit der Linkspartei umgehen sollte, gar nicht äußern. Für die Union äußert sich immerhin auf Anfrage der hessische Ministerpräsident Roland Koch: Falls der Bundespräsident Horst Köhler den Bundestag auflöse, sagt Koch, „wird eine ,normale' Bundestagswahl und kein Wettbewerb ,Deutschland sucht den größten Paradiesvogel unter den Politikern' stattfinden“. Also müßten sich die Medien, auch wenn dies beim Unterhaltungswert der Paradiesvögel Gysi und Lafontaine schwerfalle, mit deren bisherigem politischen Tun und ihren Zielen auseinandersetzen. Als Märtyrer taugten die beiden nicht.
Das muß sich jetzt nur noch bis ins Erste herumsprechen.