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Fernsehen Annette, du begehrst den Barhocker!

03.09.2004 ·  Ein bißchen „Montagsmaler“, ein wenig „Friends“: Der Humor der neuen Sat.1-Comedy „Schillerstraße“ mit Cordula Stratmann speist sich nicht aus Häme, sondern aus den Improvisationskünsten der Mitspieler.

Von Gisa Funck
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Man kann sich gut vorstellen, daß Marc Schubert früher einmal "Die Montagsmaler" gemocht hat. Jedenfalls trägt nicht nur die von seiner Produktionsfirma Hurricane mitproduzierte Comedy-Show "Genial Daneben" Züge des alten ARD-Ratespiels.

Auch Schuberts neuester Unterhaltungscoup weist eine deutliche Ähnlichkeit mit der einstigen Sendung von Siggi Harreis und anderen auf. Denn wie bei den "Montagsmalern" und "Genial Daneben" wird in der heute startenden "Schillerstraße" Prominenten vor laufender Kamera kreatives Improvisationstalent abverlangt. Nur, daß diese nicht spontan malen oder formulieren müssen. In der "Schillerstraße" müssen sie aus dem Stegreif schauspielern.

Kneipenrunde im Fernsehen

Die Idee zu dieser angeblich "völlig neu entwickelten Impro-Comedy", wie Sat.1 die Show im Pressetext ankündigt, hatte Schuberts Lebensgefährtin Maike Tatzig. Die Einunddreißigjährige, die sich vor ein paar Jahren zunächst als Moderatorin bei RTL 2 versucht hat, ist nach eigenem Bekunden ein großer Fan der amerikanischen Serie "Friends" und trifft sich auch schon mal gern mit Komikerfreunden in der Kneipe. "Wenn ich mit denen nach Drehschluß zusammensaß", erzählt sie, "war es immer noch so lustig, daß ich mir dachte, so eine Kneipenrunde müßte man mal ins Fernsehen bringen!"

Die von ihr ersonnene "Schillerstraße" könnte man tatsächlich als Mischung aus "Montagsmaler" und "Friends" beschreiben, wenngleich in spezifisch kölscher Verpackung. Schließlich tritt hier Cordula Stratmann als Hausherrin auf, die spätestens seit ihrer Rolle als plappernde WDR-Putzfrau "Annemie Hülchrath" als weiblicher Prototyp des rheinischen Frohsinns gilt. Die Kulisse der "Schillerstraße" bietet Stratmann ein neues Zuhause in bester Sitcom-Manier: von der Kerze auf dem Couchtisch bis hin zum mit Pizzaservice-Adressen gespickten Kühlschrank ist darin alles auf chaotisch-liebenswerten Single-Wohnkosmos getrimmt, in den Stratmann jede Folge aufs neue Kabarettistenfreunde einlädt, vornehmlich aus Köln.

Piesackende Stimme aus dem Off

Damit deren Live-Besuch, der unter einem Generalthema steht, nicht zu beschaulich ausfällt, gibt es in der "Schillerstraße" eine genüßlich piesackende Stimme aus dem Off, die Georg Uecker gehört. Uecker, in der "Lindenstraße" des WDR auf den schwulen Gutmenschen gebucht, gibt in der Sat.1-Show den Fiesling. Als Spielleiter sitzt er im Publikum und ist über Kabel mit den Mitspielern auf der Bühne verbunden, so daß er mit jedem einzelnen sprechen kann, ohne daß ihn die anderen hören. Auf diese Weise schaltet sich Uecker regelmäßig mit sogenannten "Plot-Pushern" in die Handlung ein, indem er den auftretenden Komikern neue Improvisationsanweisungen gibt, die dann etwa lauten: "Cordula - sprich nur noch rückwärts!" Oder: "Annette - du begehrst den Barhocker!"

Seine spontanen Befehle werden auf einem Bildschirm oberhalb der Bühne, allein für die Zuschauer sichtbar, eingeblendet, damit diese überhaupt verstehen, warum Annette Frier in Folge eins der "Schillerstraße" plötzlich merkwürdige Verrenkungen auf einem Barhocker veranstaltet. Oder warum Cordula Stratmann in Folge zwei ohne jede Not "Otto" in die Runde ruft, um ihren verdutzten Kollegen sofort danach zu erklären: "Na, O-t-t-o! Aber ich hab's diesmal falsch rum gesagt!"

Unterhaltsamer als vieles andere

Nicht alle Gagvorlagen Ueckers, das liegt in der Natur der Improvisationskunst, zünden in solchen Pointen. Das aber stört nicht weiter. Und auch wenn die Macher der "Schillerstraße" bislang noch ein wenig zu sehr auf Sicherheit bedacht sind und Uecker seine Schauspielkollegen allzuoft gemäß deren Komikerprofil in Szene setzt: Die Show ist um vieles unterhaltsamer als das meiste, was das deutsche Fernsehen in diesem Genre zur Zeit zu bieten hat. Martin Schneider erscheint hier als hessisch brabbelnder Trampel "Maddin", der gern den Provinz-Casanova gibt. Annette Frier spielt die ungestüme Göre. Und Michael Kessler glänzt als gelernter Stimmenimitator, dem Uecker regelmäßig ganz bewußt die Nachahmung von Prominenten abverlangt, um sein Können öffentlich zu machen.

Anders als in anderen "Spontan"-Shows geht es in der "Schillerstraße" gerade nicht darum, jemanden vor Publikum vorzuführen. Hier wird vielmehr endlich einmal wieder wohltuend daran erinnert, daß "Pannen" im Fernsehen nicht notwendig mit Peinlichkeiten einhergehen müssen - und man darum durchaus respektvoll mit den jeweiligen Darstellern umgehen kann. Bei Ueckers plotpushing dürfen sich sowohl Mitspieler als auch Zuschauer darauf verlassen, daß alle ihre Kleidungsstücke anbehalten und keiner einer erniedrigenden "Dschungel"-Prüfung ausgesetzt wird.

Humor nicht aus Häme

Der Humor speist sich nicht aus Häme, sondern aus der Situationskomik, die Experimenten immer anhaftet und vor allem - aus den Improvisationskünsten der Mitspieler. Um die unvermeidlichen Hänger zwischen den spontanen Gags so gut wie möglich schon vorher auszusieben, läßt der Produzent Schubert pro Folge immer zehn Minuten mehr als nötig drehen, die man hinterher kürzen kann. Vierzehn Folgen sind bei Sat.1 für die Show eingeplant. Der Mut, vor laufender Kamera endlich einmal wieder etwas dem Zufall zu überlassen, das nicht gleich in die Ekel- oder Zoten-Kategorie fällt, wird hoffentlich belohnt und macht ja vielleicht sogar bei anderen Sendern Schule. "Richtig gute Fernsehunterhaltung in Deutschland", sagt die Hauptmieterin der "Schillerstraße", "scheitert doch heute meistens an der Angst vor dem Risiko." Daran soll es in diesem Fall nicht liegen.

Freitag abends um 22.15 Uhr bei Sat.1.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2004, Nr. 205 / Seite 38
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