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Fernsehduell Ein Hauch von Nordkorea

02.09.2005 ·  Am Sonntag treffen sich Angela Merkel und Gerhard Schröder zum einzigen „TV-Duell“. Anders als 2002 wird es nicht in ein enges Korsett gezwängt. ZDF-Chefredakteur Brender erwartet einen „eigentümlichen Abend“.

Von Stefan Niggemeier
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Und damit zu den wirklich wichtigen Informationen dieses Wahlkampfes: Der Kanzler wird rechts stehen, die Kandidatin links; das Studio ist in hellblau gehalten, mit silbrig-weißen Möbeln und einer Art bordeauxfarbenem Teppichboden; die Moderatoren sitzen paarweise an zwei Tischen, die privaten Herren außen, die öffentlich-rechtlichen Damen in der Mitte.

Auf dem Sendungslogo sind die Signets der Sender alphabetisch sortiert; die Sicherheitsvorkehrungen sind noch strenger als vor drei Jahren, das Gelände noch weiträumiger abgesperrt, es gibt keine Parkplätze in der Nähe, und diesmal hat sich kein Sponsor gefunden, der einen Shuttle-Service für Journalisten organisiert (diese letzte Information wäre dann diejenige, die ein wahrscheinlicher Grund wäre, wenn es am Sonntag am Rande der Veranstaltungen zu Ausschreitungen kommen sollte).

Die Regeln des Ablaufs sind abgerüstet worden

„Am Ende ist es nur Fernsehen“, sagte Maybrit Illner gestern bei der Vorstellung des Studios, in dem am Sonntag abend das „TV-Duell“ zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder stattfindet, und das ist ebenso wahr wie grotesk irreführend. Sechshundert bis siebenhundert Berichterstatter werden auf dem Gelände in Berlin-Adlershof erwartet, mehrere Dutzend Fernsehteams, darunter viele aus dem Ausland. Auf der Straße wird eine eigene Bühne aufgebaut, nur um das Eintreffen der Politiker filmen und fotografieren zu können. Immerhin waren viele der Produktionsleiter und Redakteure schon bei den beiden Duellen vor der letzten Bundestagswahl dabei, was für eine gewisse Gelassenheit sorgt.

Und die Regeln des Ablaufs sind gegenüber damals erheblich abgerüstet worden: Keine komplexen Vorschriften verbieten den Diskutanten mehr, einander zu unterbrechen oder direkt zu antworten. Festgeschrieben ist nur, wer zuerst antworten darf und wer zuletzt, und daß jeder der acht bis zehn Themenbereiche in den neunzig Minuten damit eingeleitet wird, daß Merkel und Schröder dieselbe Frage gestellt bekommen. Danach darf es - und soll es nach dem Willen der Fernsehmacher - munter durcheinander gehen. Die Antworten sollten nicht länger sein als eine bis eineinhalb Minuten, und die berühmten „Redezeitkonten“, die alle fünfzehn Minuten eingeblendet werden, dürfen am Ende nicht mehr als eine Minute Differenz aufweisen.

ZDF-Chefredakteur Brender: ein „eigentümlicher Abend“

Das ist zweifellos ein großer Fortschritt gegenüber der in ein enges Korsett gezwängten Premiere vor drei Jahren. Alles soll dem Ziel eines interessanten Schlagabtauschs untergeordnet werden. „Richtig nett wird's erst, wenn Dinge passieren, die wir nicht geplant haben“, sagt RTL-Moderator Peter Kloeppel. Auch, daß die Politiker von gleich vier Moderatoren befragt werden, weil Angela Merkel dem Wunsch der Sender nach einem zweiten Duell nicht nachgab, soll kein Problem werden - obwohl alle Beteiligten keinen Zweifel daran ließen, daß dies nicht die Ideallösung ist.

„Natürlich war das nicht unsere liebste Variante“, sagte Illner, „aber es ist eine mögliche.“ Die Moderatorenpaare aus Sabine Christiansen (ARD) und Thomas Kausch (Sat.1), Maybrit Illner (ZDF) und Peter Kloeppel (RTL) haben sich die Themenblöcke untereinander aufgeteilt. Alle vier Sender übertragen gleichzeitig. Von einem „historischen Charakter“ der Veranstaltung war deshalb schon die Rede, obwohl es wohl ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender eher trifft, wenn er von einem „eigentümlichen Abend“ spricht: „Das hat einen Hauch von Nordkorea.“

Dann läuft die große Analysemaschine an

Über fünfzehn Millionen Menschen haben im Jahr 2002 jedes der beiden Fernsehduelle gesehen. Diesmal, bei der Konzentration auf eine Sendung, hoffen die Sender auf rund zwanzig Millionen insgesamt - und können hinterher versuchen, aus der Aufteilung auf die einzelnen Programme Schlußfolgerungen für ihre Relevanz beim Zuschauer zu ziehen.

Gerade angesichts der hohen Zahl von Wählern, die angeben, noch unentschlossen zu sein, wird hinterher die Diskussion entbrennen, welchen Einfluß diese Veranstaltung auf die Entscheidung der Menschen hat. Die Forschung suggeriert, daß entscheidender als das Duell selbst die anschließende Bewertung durch die Medien ist - aber nicht einmal das scheint sicher. In allen Programmen werden gleich im Anschluß an das Duell Diskussionsrunden das Gesehene versuchen zu analysieren; auch Blitz-Umfragen in der Bevölkerung sind geplant.

Und nicht alle werden die Veranstaltung so gelassen sehen wie Volker Weicker, der sonst auch Weltmeisterschafts-Endspiele in Szene setzt und schon genau weiß, was passiert: „Die Kandidaten kommen an und werden geschminkt. Um viertel nach acht gibt es einen Fototermin, dann ist live, und neunzig Minuten später ist es vorbei. Und dann reißen wir hier alles wieder ab.“

Quelle: F.A.Z., 03.09.2005, Nr. 205 / Seite 43
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