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„Félicité“ im Kino : Die jenseitige Stimme

  • -Aktualisiert am

Der Film als Produkt zahlreicher Übergänge: Szene aus „Félicité“ von Alain Gomis Bild: Grandfilm

Wenn sie singt, verändert sich alles: „Félicité“ von Alain Gomis erhielt in Berlin den Silbernen Bären. Jetzt kommt das afrikanische Situationendrama ins Kino.

          „Sing, Mama!“ Der Auftritt der Sängerin Félicité in einer Bar in Kinshasa beginnt ganz allmählich, wie bei einer Jamsession. Die Männer setzen sich an ihre Instrumente, sie spielen sich ein wenig warm, nur der Platz am Mikrofon ist verwaist. Félicité hockt noch da, sie brütet vor sich hin, umgeben von Leuten, die in der Hitze der Nacht etwas mit sich anzufangen suchen. Einer, er heißt Tabu, hat definitiv zu viel getrunken. Eine Frau klagt über ihren Mann, einen Boxer, der sich mit seinen Fäusten an ihr vergeht. Aus dem Gemurmel einer großen Stadt tritt Félicité nach vorn und erhebt ihre Stimme. Wenn sie singt, verändert sich alles, nur nicht der Ausdruck in ihrem Gesicht. Der bleibt abweisend, als wäre sie eigentlich ganz woanders. Félicité ist vielleicht nicht ganz von dieser Welt.

          Aber das ist in dem Film von Alain Gomis, der nach der Titelfigur benannt ist, nur ein Effekt ihrer Kunst. Schon am nächsten Morgen ist Félicité sehr wohl von dieser Welt, als sie nämlich feststellen muss, dass ihr Kühlschrank defekt ist. Der Mann, den ein kleiner Junge für die Reparatur herbeiholt, ist ausgerechnet der Säufer vom Vorabend. Tabu macht sich an die Arbeit. Das Elektrogerät ist für ihn eine symbolische Herausforderung. Wenn er es wieder zum Laufen bringen kann, dann ist vielleicht auch dieser Frau beizukommen, die ihn mit kaum verhohlener Verachtung empfängt.

          Soll sie doch das Kind irgendwo verkaufen

          Für die verhinderte Liebesgeschichte ist allerdings bald keine Zeit mehr. Denn Félicité muss ins Krankenhaus. Ihr Sohn wurde dort eingeliefert, schwer verletzt nach einem Motorradunfall. Dem behandelnden Arzt, der ihr die enormen Operationskosten nennt, hält sie stolz ihr Metier entgegen: „Ich bin Sängerin.“ Dass sie einer wildfremden Frau im Krankenhaus ihre Ersparnisse anvertraut, damit sie an ihrer Stelle zur Apotheke geht, ist eine Riesendummheit, denn nun beginnt für Félicité der Spießrutenlauf. Sie muss um Geld bitten, bei Bekannten und Fremden, bei ihrem ehemaligen Mann, den sie verlassen hat, und schließlich bei einem „Boss“, der ihr verspricht, er würde sie töten, wenn sie sich noch einmal unerlaubt Zutritt in seine Residenz verschafft.

          Kinotrailer : „Félicité“

          Das Stationendrama ist traditionell eine Domäne des neorealistischen Kinos. Seit Vittorio De Sica in „Fahrraddiebe“ (1948) einen Vater und seinen Sohn auf eine langwierige Suche nach einem gestohlenen Fahrrad geschickt hat, gab es Erzählungen aus zahlreichen Ländern, die einem vergleichbaren Muster folgen. So können Gesellschaften durchmessen werden, in alle Richtungen. Auch Félicité kommt durch die ganze Stadt, und man spürt etwas von dem Druck, unter dem die Menschen stehen, als ihr eine Frau, die ihr Geld schuldet, stattdessen ihr Kind entgegenhält. Sie soll doch Olivine mitnehmen und irgendwo verkaufen.

          Die entscheidende Dimension ist die Musik

          Die Szene ist von einer Drastik, als wollte Gomis sein Publikum aufrütteln. Aber nichts könnte ihm ferner sein. „Félicité“, für den es im Februar bei der Berlinale den Silbernen Bären gab, steht zwar auch in einer neorealistischen Tradition, unterläuft die Prämissen dieses engagierten Kinos aber mehrfach – schon einmal durch die unzugängliche Hauptfigur, gespielt von Véro Tshanda Beya Muptu. Wenn Félicité nachts ins Wasser geht, dann hat das etwas von einem mythischen Bad, von einer Wiedergeburt aus der Finsternis. Und es ist auch tatsächlich einmal die Rede davon, dass der Tag nicht das Element von Félicité ist. Sie ist eine Kreatur der Nacht, die sich erst an die Helligkeit gewöhnen muss, an das Leben, wie andere Leute es führen.

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          Die entscheidende Dimension, die „Félicité“ auf eine eigene Ebene hebt, ist aber die Musik. Zu Beginn und danach mehrfach in strukturierenden Auftritten überlässt Gomis den Kasai All Stars die Bühne, einem musikalischen Kollektiv aus Kinshasa, von dem nie ganz klar wird, wie groß es wirklich ist. Véro Tshanda Beya Muptu fügt sich so nahtlos in diese Performances ein, dass man eigentlich annehmen würde, sie wäre selbst ein Mitglied der All Stars. Das ist sie aber offensichtlich nicht, jedenfalls, wenn man den Informationen auf den Platten folgt, die in Belgien bei den renommierten Label Crammed Discs erscheinen.

          Dieser genuin afrikanischen Musik setzt Gomis dann noch eine weitere entgegen. Das Kinshasa Symphonie Orchester spielt ausgerechnet „Fratres“ von Arvo Pärt, ein Stück, das im internationalen Kino sehr gern gewählt wird, wenn es um eine Andeutung von Erhabenheit geht. Fast schon könnte man inzwischen von einem musikalischen Versatzstück für Transzendenz sprechen, aber in „Félicité“ weist Pärt eher in eine andere Richtung – das Orchester spielt ihn auch so, dass man meinen könnte, es ginge darum, pure Schönheit in einer Welt der Armut und des Staubs zu erden. Alain Gomis, der in Paris geboren wurde und im Senegal seine Wurzeln hat, lässt mit der Verbindung zweier so weit auseinander liegender musikalischen Traditionen auch etwas von seiner Idee eines afrikanischen Kinos erkennen. Ihm geht es nicht einfach um Autochthonie, um eine lokale Identität, die sich so erhebt, wie Félicité das mit ihrer Stimme tut. Sein Film ist, auch mit seinem globalen Finanzierungsnetzwerk, ein Produkt zahlreicher Übergänge – und Kinshasa ist vielleicht vor allem wegen der Kasai All Stars der Ort der Handlung und nicht weil es Gomis um eine Sozialrecherche in der Hauptstadt Kongos ginge.

          Das kurioseste Detail auf den Wegen von Félicité ist aber doch dokumentarisch. Auf einer Straßenkreuzung wird der Verkehr von einem Roboter gesteuert. Der Automat wurde in Kongo gebaut, heißt es stolz. Es bewegt sich also doch etwas in diesem Land, in dem so wenige Menschen über die bloße Subsistenz hinauskommen. Dabei ist der Roboter ganz offensichtlich ein Zeichen für fehlgeleitete Investition, und es ist in Wahrheit der notdürftig geflickte Kühlschrank, auf den es wirklich ankommt. In der alltäglichen Welt, in die Félicité jeden Morgen erwacht, nur um dann am Abend doch wieder ganz woanders zu sein.

          Quelle: F.A.Z.

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          „Félicité“, 2017. Regie und Buch: Alain Gomis. Darsteller: Roger Ngandu Kangudia, Deschamps Matala Shakembo

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