10.09.2007 · Die Löwen sind verteilt. Ang Lee hat abermals einen goldenen bekommen, aber diesmal freut sich keiner so recht darüber. Obwohl die Entscheidungen der Jury viel Sinn ergeben, hätte man sich doch etwas mehr Mut erhofft.
Von Michael AlthenVor zwei Jahren begann der Siegeszug von Ang Lees „Brokeback Mountain“ mit einem Goldenen Löwen am Lido und endete mit einem Oscar für die beste Regie, ehe ihm Paul Haggis mit „L.A. Crash“ etwas überraschend den Oscar für den besten Film wegschnappte. Diesmal behielt Ang Lee in dem Duell die Oberhand, weil Haggis mit „In the Valley of Elah“ leer ausging.
Trotzdem wurde die Entscheidung für „Se, Jie“ (Lust, Caution) am Samstagabend von einigen Buhs begleitet, dabei war die amerikanisch-chinesisch-taiwanesische Koproduktion quasi der ideale Sieger für ein Festival, das sich vor allem nach Hollywood und dem asiatischen Kino ausstreckt.
Diabolischen Spiele mit der Wahrnehmung
Der Unmut richtete sich womöglich auch gar nicht so sehr gegen den Film, der sich nahtlos in Lees Werk einfügt, das geprägt ist von Emotionen, die in Zwängen gefangen sind, als gegen den fehlenden Mut der Jury, einen der polarisierenderen Filme wie Brian De Palmas „Redacted“, Abdellatif Kechiches „La Graine et le mulet“ oder „I’m Not There“ von Todd Haynes auszuzeichnen. Aber zum einen liegt genau das in der Natur von Mehrheitsentscheidungen, und zum anderen sind genau diese drei Filme mit den anderen Preisen bedacht worden.
Wobei der Silberne Regielöwe für De Palma als Krönung eines Werkes gelten darf, das sich wie kaum ein anderes durch seine stilistische Handschrift auszeichnet, was umso mehr ins Auge sticht, als er ja überwiegend im Genre des Thrillers gearbeitet hat, dessen Regeln ja vermeintlich wenig Spielraum lassen – aber jeder seiner Filme war der Beweis, dass dies ein Trugschluss ist. Und weil in „Redacted“ seine diabolischen Spiele mit der Wahrnehmung sich so perfekt mit der Informationspolitik im Irak-Krieg verbanden, ist der Regiepreis auch die passende Ehrung.
Lauter Regisseure
Dass sich Kechiche und Haynes den Spezialpreis teilen durften, ergibt insofern Sinn, als dabei größtmögliche Lebensnähe auf vollständig artifizielles Maskenspiel traf, wobei in dem einen wie dem anderen Stil Platz für einen Schauspielpreis war: Die junge Hafsia Herzi aus „La Graine et le mulet“ betrieb listig und wortreich den Spagat zwischen ihrer Mutter und der Exfrau ihres Stiefvaters und musste am Ende schon für ihre aufopferungsvollen Bauchtanzkünste ausgezeichnet werden; und Cate Blanchett wurde aus dem Ensemble von sechs Wiedergängern von Bob Dylan in „I’m Not There“ herausgeeinzelt, schon weil sie als Frau die größtmögliche Distanz zu überwinden hatte und mit tiefer gelegter Stimme und abgeschauter Gestik schaffte, dass sie mit der Travestie dem Mann näher kam als durch bloße Mimikry – eine kuriose Leistung einer Schauspielerin, die bereits Elizabeth I. und Katherine Hepburn verkörpert hat.
Zum fünfundsiebzigsten Jubiläum hatte Festivalchef Marco Müller die Jury ja mit lauter Regisseuren bestückt, und man hätte gern gewusst, wer für welchen Film votiert hat: Dass der Jurypräsident Zhang Yimou sich in Ang Lees dekorverliebter Rekonstruktion des Schanghai unter japanischer Okkupation wiedergefunden hat, kann man sich leicht vorstellen, und womöglich war Paul Verhoeven auf der Seite von „Redacted“, aber was ist mit Jane Campion, Catherine Breillat, Alejandro González Iñárritu, Emanuele Crialese oder Ferzan Ozpetek – gab es da vielleicht schüchterne Sympathien für Altmeister wie Rohmer, Greenaway oder Youssef Chahine?
Interessante Jurysitzungen
Man wäre gern dabei gewesen, denn die Jurysitzungen hätten womöglich ein Lehrstück über das Handwerk des Filmemachens sein können. Und hätte eine Jury nur aus Schauspielern etwa auch an Brad Pitts lebensmüde Jesse-James-Darstellung gegeben oder vielleicht doch seinen Gegenspieler Casey Affleck ausgezeichnet, der nicht ohne Grund im Filmtitel „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ im gleichen Atemzug genannt wird?
Im Grunde gibt es an den diversen Siegern wenig auszusetzen, so wie eigentlich auch am diesjährigen Wettbewerb nicht, der auf deutlich höherem Niveau stattfand als in den letzten Jahren. Dazu zeigte sich mit George Clooney und Richard Gere, Brad Pitt und Johnny Depp, Heath Ledger und Jude Law, Ewan McGregor und Colin Farrell, Keira Knightley und Charlize Theron, Fanny Ardant und Vanessa Redgrave so ungefähr alles, was Rang und Namen hat auf dem roten Teppich am Lido. Und dennoch wollte keine rechte Freude aufkommen, und das lag nicht nur am diesjährigen ungewöhnlich herbstlichen Wetter.
Reizvolle Nachbarschaft zur Melancholie
Immer deutlicher wird, dass Venedig seine Ereignisse in die erste Festivalhälfte packen muss, weil der Star-Tross dann weiterziehen muss nach Toronto, das Jahr für Jahr an Bedeutung gewinnt. Außerdem sorgt die zunehmende lokale Konkurrenz des Festivals in Rom genauso für Unruhe wie der Umstand, dass Marco Müllers Vertrag vermutlich nicht verlängert wird und auch Biennale-Chef Davide Croff vor Kompetenzbeschneidungen steht. Und ob dem verschlafenen Charme der Badeinsel mit einem neuen Festivalpalast beizukommen ist, dessen Zukunft auch in den Sternen steht, ist fraglich.
Andererseits liegt der Reiz des Festivals im Vergleich zum kreuzhässlichen Cannes und dem winterlichen Berlin halt genau in der Nachbarschaft zur Melancholie, im wunderlichen Kontrast zwischen dem Kino auf dem Lido und der Kulisse jenseits der Lagune. Und wenn in Venedig schon alle Künste unter dem Dach der Biennale vereint sind, fragt man sich, warum das Filmfestival nicht mehr aus dem Dialog mit den jeweils gleichzeitig stattfindenden Kunst- und Architektur-Biennalen macht. Darin läge nun wirklich eine Zukunft des Kinos.
Die Preisträger der 64. Filmfestspiele in Venedig:
- Goldener Löwe für den besten Film: „Lust, Caution“ von Ang Lee
- Goldener Ehrenlöwe für das Lebenswerk: Bernardo Bertolucci
- Silberner Löwe für die beste Regie: „Redacted“ von Brian De Palma
- Spezialpreis der Jury: „Le Grain et le Mulet“ von Abdellatif Kechiche und „I'm Not There“ von Todd Haynes
- Speziallöwe für das geschlossenste Werk: „12“ von Nikita Mikhalkov
- „Coppa Volpi“ für den besten Schauspieler: Brad Pitt in „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ von Andrew Dominik
- „Coppa Volpi“ für die beste Schauspielerin: Cate Blanchett in „I'm Not There“ von Todd Haynes
- Marcello-Mastroianni-Preis für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung: Hafsia Herzi, in „La Graine et le mulet“von Abdellatif Kechiche