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FAZ.NET-Spezial: Cannes 2008 Nicht für die Schule, für das Kino lernen wir

26.05.2008 ·  Das Kino geht zurück in die Wirklichkeit und fördert aus Schulen, der Mafia und den Zentralen der Macht erstaunliche Geschichten zutage. Zum Abschluss der Filmfestspiele von Cannes.

Von Verena Lueken, Cannes
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Fünfundzwanzig Schüler in allen Hautfarben und ein aufgeregter Regisseur auf dem roten Teppich des Festivalpalasts, das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Anblick in Cannes. Ganz zum Schluss des Festivals lief am frühen Samstag Morgen im Wettbewerb Laurent Cantets „Entre les murs“, und der Regisseur hatte alle seine Darsteller mitgebracht. Es sind, außer dem Lehrer François, der vom Autor der Romanvorlage und Ko-Autor des Drehbuchs, François Bégaudeau gespielt wird, Laiendarsteller, und ihrem Film galt später dann ein Applaus, wie man ihn selbst in diesem Jahr mit seinen zahlreichen begeistert aufgenommenen Beiträgen noch nicht gehört hatte. Aber dass der Film dann die Goldenen Palme gewann, war doch eine Überraschung.

„Entre les murs“ sieht aus wie ein Dokumentarfilm (siehe auch: Video: Goldene Palme für gefilmtes Klassenzimmer), zeigt sicherlich eines der wahrhaftigsten Porträts der Wirklichkeit an Schulen mit Kindern und Jugendlichen aus aller Herren Länder, und ist doch vollständig fiktional. Die Schüler sind zwar tatsächlich Schüler der Schule, in welcher das Filmgeschehen stattfindet, aber sie spielen nicht sich selbst, sondern in langen Improvisationen entwickelte Figuren, die oft gar keine Ähnlichkeit mit ihrer eigenen Persönlichkeit haben. Dasselbe gilt für die Lehrer. Die Jugendlichen erarbeiteten ihre Rollen ohne Drehbuch, ohne vorgegebenen Dialog, und dass dabei dieser Film herausgekommen ist, in dem es vor allem um Sprache geht, ist schon ein kleines Wunder.

Verständigung und gegenseitiger Respekt sind nicht völlig utopisch

Über ein Schuljahr erstreckt sich die Handlung, die das Schulgelände nie verlässt, nachdem François es einmal betreten hat. Er unterrichtet Französisch, indikatives Imperfekt, konditionalen Konjunktiv und solche Sachen, er schreibt schwierige Wörter aus Texten, die die Klasse liest, an die Tafel, um ihre Bedeutung zu klären. Er sucht den Dialog mit den Schülern und findet zunehmend den Ton, auf den sie reagieren – nicht im Sinne einer allumfassenden Harmonie etwa, sondern durchaus konfrontativ, herausfordernd von beiden Seiten, mit Missverständnissen behaftet, von Vorurteilen geprägt. Wir sind dabei, wenn das Lehrerkollegium über die Schüler spricht und in Disziplinarverfahren über sie entscheidet.

Nie entsteht der Eindruck, in dieser Schule, in der wir in einigen Situationen und Momenten einen Vorschein von Gelingen sehen, gäbe es keine Ungleichheit, keine Ungerechtigkeit und stünde die Zukunft tatsächlich allen gleichermaßen offen. Aber etwa wenn François seine Schüler auffordert, ihr Selbstporträt zu entwerfen, und einer der schwierigsten, Soulemymane aus Mali, mit einer Fotostrecke anrückt (was aber nicht verhindert, dass er am Ende der Schule verwiesen wird), oder ein anderer einfach nur aufzählt, was er mag und was nicht, gibt uns der Film auf ganz unspektakuläre Weise das Gefühl, dass Verständigung, Lernen und gegenseitiger Respekt in den Schulen unserer Tage nicht völlig utopisch sind. Der Film endet, wenn das Schuljahr vorbei ist. Es ist übrigens die erste Goldene Palme für einen durch und durch französischen Film seit 1987, als Maurice Pialat mit „Die Sonne Satans“ gewann. Grund zur Freude hatten auch die Italiener. Die nächstwichtigen Preise gingen an sie: der „Grand Prix“ an „Gomorrah“ von Matteo Garrone, der Preis der Jury an „Il Divo“ von Paolo Sorrentino.

Nur in einem Film geht es nicht um viel außer um die Kunst

Jurypräsident Sean Penn hatte am Anfang des Festivals gesagt, er halte Ausschau nach politischen Filmen, solchen, die ein Stück Gesellschaft reflektierten. Eigentlich ist ja die Berlinale traditionellerweise das Festival mit den politischen Filmen, aber in diesem Jahr waren es auch in Cannes erstaunlich viele. Introspektion ist out, so schien es, dem Zustand der Welt gilt das Interesse der meisten Filmemacher. Garrone etwa gibt „Gomorrah“ ebenfalls einen dokumentarischen Gestus, verwendet keine Musik, keine filmischen Dramatisierungen in seinen Episoden aus dem Leben in Casale di Principe bei Neapel, einem vollständig der neapolitanischen Camorra unterstellten Viertel mit weitläufigen Wohnblocks, in denen so ziemlich alle Geschäfte stattfinden, die von den Camorristi so getätigt werden. Etwa zeitgleich mit der Preismeldung wurde bekannt, dass dort gerade 53 Mafiaangehörige verhaftet worden seien. Und das ironische Andreotti-Porträt „Il Divo“ von Paolo Sorrentino gehörte zu den offensten politischen Kommentaren des Festivals (siehe auch: Filme von Kaufman, Egoyan und Sorrentino in Cannes).

Unter den Preisträgern ist es einzig der Türke Nuri Bilge Ceylan, der etwas ganz anderes macht. „Drei Affen“, für den er den Regiepreis erhielt, beginnt wie ein noir-gestylter Thriller und endet als düsteres Melodram, in dem alle irgendwie schuldig sind. Worin ihre Schuld besteht, enthüllt der Film bei einigen Figuren nur langsam, und es dauert eine ganze Stunde, bis wir erfahren, woher diese düstere Tönung kommt, die über dem Ganzen liegt. Das alles sieht sehr künstlerisch aus, wie immer bei Ceylan, mit ausgewaschenen Himmeln über gestochenen scharfen Stadtansichten. Aber man hatte doch auch den Eindruck, dass es nicht um viel geht in diesem Film außer eben um die Kunst (siehe auch: Filmfestival von Cannes: Es ist die reine Freude). Und das scheint dann, vor allem angesichts etwa des hochfavorisierten animierten Dokumentarfilms „Waltz With Bashir“ des Israeli Ari Folman (der leer ausging), doch ziemlich wenig zu sein (siehe auch: „Waltz with Bashir“ im Wettbewerb von Cannes). Aber Cannes und die Palmen ganz ohne Ceylans Art des Autorenfilms zuende gehen zu sehen, wäre deutlich wesensfremd gewesen.

Die Preise des 61. Filmfestivals in Cannes

Goldene Palme: „Entre les murs“ von Laurent Cantet, Frankreich
Großer Preis der Jury: „Gomorra“ von Matteo Garrone, Italien
Preis der Jury: „Il Divo“ von Paolo Sorrentino, Italien
Bestes Drehbuch: „La silence de Lorna“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne, Belgien
Regiepreis: „Üc Maymun“ (Drei Affen“) von Nuri Bilge Ceylan, Türkei

Spezialpreise fürs Lebenswerk: Cathérine Deneuve für „Un conte de noël“ und Clint Eastwood für „Changeling“

Bester Schauspieler: Benicio Del Toro für „Che“ von Steven Soderbergh, USA
Beste Schauspielerin: Sandra Corveloni für „Linha de passe“ von Walter Salles und Daniela Thomas, Brasilien

Caméra d'or fürs beste Debüt: „Hunger“ von Steve McQueen, Großbritannien
Goldene Palme für den besten Kurzfilm: „Megatron“ von Marian Crisan, Rumänien

Hauptpreis „Un certain regard“: „Tulpan“, von Sergej Dvortsevoy, Russland
Jury-Preis „Un certain regard“: „Tokyo Sonata“ von Kiyoshi Kurosawa, Japan
„Coup de cœur“ der Jury: „Wolke 9“ von Andreas Dresen, Deutschland
Großer Preis der „Semaine de la critique“: „Snijeg“ (Schnee) von Aida Begic, Bosnien

Preise der Internationalen Filmkritiker-Vereinigung Fipresci:
Wettbewerb: „Delta“ von Kornel Mundruczo, Ungarn;
Un certain regard: „Hunger“ von Steve McQueen, Großbritannien;
Quinzaine: „Eldorado“ von Bouli Lanners, Belgien
Preis der ökumenischen Jury: „Adoration“ von Atom Egoyan, Kanada

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