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Fatih Akins Kinoprotest Behaltet euren Schmutz, wir wollen atmen

Fatih Akins neuer Film „Müll im Garten Eden“ ist die Nahaufnahme einer türkischen Dorfgemeinschaft, die sich gegen staatsbefohlene Verwüstung wehrt.

© Pandora Filmverleih Vergrößern Im Film ist Fatih Akin (Mitte) nicht zu sehen, bei den Demos gegen die Mülldeponie war er aber ganz vorne mit dabei

Die Auszeichnung „Dinosaurier des Tages“ ist keine, über die sich eine Regierung freut. Sie wird bei Klimaverhandlungen täglich von der Organisation „Climate Action Network International“ an Regierungen vergeben, die Verhandlungen blockieren oder nicht genügend für die Umwelt tun. So auch jetzt bei der Klimakonferenz in Doha.

Dort wurde die zweifelhafte Ehre schon am zweiten Tag der Türkei zuteil. Der Ausstoß von Treibhausgasen ist dort seit 1990 um 88 Prozent gestiegen, außerdem will die Regierung im kommenden Jahr eine dritte Bosporus-Brücke bauen und 15.000 Kilometer neue Straßen. Die Umwelt-Jury hätte weitere Gründe nennen können, warum die Türkei den Preis verdient (erwähnt sei der Ilisu-Staudamm, dem das ostanatolische Hasankeyf und jahrtausendealte Kulturschätze zum Opfer fallen sollen). Wenn es nämlich um die Umwelt geht, folgen die türkischen Behörden einem einzigen Dogma: Rücksichtslosigkeit.

Mit großer Härte und tiefgreifenden Folgen bekommen auch die Bewohner eines Bergdorfes an der türkischen Schwarzmeerküste sie zu spüren, und gewiss hätte außerhalb dieses Dorfes, das den schönen Namen Camburnu trägt, kaum jemand von der Not der Menschen dort erfahren, hieße nicht ein Enkel des Ortes Fatih Akin.

Das Miteinander war intakt

Wie kein anderer hat er uns mit seinen Filmen das Leben von Deutschtürken und die Türkei nähergebracht. Akins Großvater lebte hier, bevor er nach Deutschland ging, auf diesem Fleckchen Erde, dessen sattgrüne Berge und nebelverhangene Täler so gar nicht zu den Bildern anatolischer Steppenlandschaften passen, die man kennt.

Die Bewohner von Camburnu leben vom Fischfang, vor allem aber vom Tee-Anbau. Seit Generationen pflanzen sie ihn auf Terrassengärten an, zwei bis dreimal im Jahr wird er von Hand geerntet, und die Erträge sind so gut, dass es für das ganze Dorf zum Leben reicht. Das Miteinander dort war intakt, erzählen sie in Fatih Akins neuem Film „Müll im Garten Eden“; es gibt eine kleine Moschee in Camburnu, eine Schule und jedes Jahr ein selbstorganisiertes Kulturfestival, und obwohl die jungen Leute in die Stadt ziehen, um zu studieren, kehren sie gern nach Camburnu zurück.

Dann jedoch, Ende der neunziger Jahre, beschließen die türkischen Behörden, dass die stillgelegte Kupfermine des Dörfchens der ideale Ort für eine neue Mülldeponie sei. Die Dorfbewohner sagen: Das Grundstück ist zu steil, hier regnet es viel, es wird sich giftiges Wasser in der Grube sammeln, das unsere Teeplantagen und das Grundwasser vergiften wird. Die Behörden sagen: Der Müll muss irgendwohin. Und schon bald ist Camburnu nicht mehr das kleine Paradies, das es einmal war.

Kampf gegen die Behörden

Fatih Akin kam 2006 in das Dorf, um das Finale für seinen Film „Auf der anderen Seite“ zu drehen. Die Arbeiten an der Deponie hatten da gerade begonnen, ungeachtet des Protestes, der den Behörden von den Dorfbewohnern entgegenschlug. Akin beschließt, ihren Widerstand mit den Mitteln des Films zu unterstützen. Es ist der Auftakt eines dokumentarischen Langzeitprojekts, in dem er sechs Jahre lang den Kampf des Dorfes gegen die türkischen Behörden begleiten wird - in der vergeblichen Hoffnung, deren Vorhaben durch öffentliche Aufmerksamkeit zu durchkreuzen.

Sein wichtigster Verbündeter wird der Hobbyfotograf und Chronist des Dorfes, Bünyamin Seyrekbasan. Da Akin und dessen langjähriger Kameramann Hervé Dieu nicht immer sofort herbeieilen können, wenn etwas Wichtiges passiert, bekommt Seyrekbasan eine Filmkamera und einen Crashkurs, wie man sie bedient. Die Unbefangenheit, mit der sich die Bewohner von Camburnu bei Protestaktionen, aber auch in ihrem Alltag filmen lassen, die große Nähe, die dabei zwischen ihnen und der Kamera entsteht, ist sicherlich diesem Umstand zu verdanken.

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Und so ist dieser Film nicht nur die Dokumentation eines gescheiterten Kampfes gegen eine Mülldeponie, sondern auch eine Tiefenbohrung in die türkische Gesellschaft. In der Figur des Bürgermeisters Hüseyin Alioglu zeigt sich, dass Parteizugehörigkeit zu Tayyip Erdogans AKP nicht gleichbedeutend mit fehlender Kritikfähigkeit an den Beschlüssen der Regierenden sein muss - der Bürgermeister lehnt den Bau der Deponie ab und wird deshalb wegen Verhinderung von Staatsinteressen verklagt.

Und mit Nezihan Haslaman begegnet uns eine Frau und Teebäuerin, die mit ihren Freundinnen gegen die Umweltverschmutzung protestiert und sich nicht scheut, den verantwortlichen Politikern ihre Meinung ins Gesicht zu sagen. Immer wieder kommen sie mit Entourage und dunklen Autos in das Dorf gerauscht, werfen einen kurzen Blick auf die Umweltkatastrophe und sagen leere Worte. Zurück bleibt der stinkende Müll.

Müll im Garten Eden läuft vom 6. Dezember an im Kino.

Quelle: F.A.Z.

 
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