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Fatih Akin : Mit strahlender Weitherzigkeit

  • -Aktualisiert am

Unter anderen Umständen hätten sie ein glückliches Paar werden können: Ayten und Lotte Bild: ddp

Fatih Akins Film „Auf der anderen Seite“ läuft in Frankreich unverhofft gut. Dabei schlägt Hanna Schygulla den Bogen zurück zu Fassbinder, zu dessen Zeit die Franzosen zum letzten Mal deutsche Filme beachteten.

          Gleichzeitig mit Francis Ford Coppolas Film „Youth without Youth“ in die französischen Kinos zu kommen weckte wenig gute Hoffnung, und der Verkehrsstreik dieser Tage macht die Sache noch komplizierter. Dennoch erklärt sich der französische Verleiher von Fatih Akins neuem Film „Auf der anderen Seite“ in der ersten Woche höchst zufrieden. 161 Kopien hat Pyramide Distribution für das Werk in ganz Frankreich bereitgestellt, davon neunzehn in der Pariser Innenstadt, zweiundvierzig im ganzen Ballungsraum. Der Zulauf ist nach fünf Tagen unverhofft groß, so dass vierundzwanzig weitere Kopien demnächst dazukommen werden. Dabei dürfte die für die erste Woche erhoffte Zahl von hunderttausend Eintritten landesweit wegen des Streiks leicht unterschritten werden.

          Natürlich hatte man sich nicht entgehen lassen, im Vorlauf mit dem jüngsten deutschen Kinorenner „Das Leben der Anderen“ zu werben. „Wir haben in Frankreich zwanzig Jahre deutsches Kino-Blackout wettzumachen“, erklärt man bei Pyramide Distribution, wo seit langem zum ersten Mal wieder ein deutsches Werk in den Verleih genommen wurde. Und auch gegen das Klischee von schwerfälligen, vergangenheitssüchtigen deutschen Problemfilmen müsse man angehen.

          Überwiegend positive Kritik

          Entsprechend heiter ist das Plakat für Akins Film in Frankreich gewählt: Die Ex-Terroristin Ayten steht im T-Shirt vor sommerlich blauem Himmel auf dem Schiff, das sie gegen Ende des Films vom Gefängnis zurück nach Istanbul bringt. Das Positive der Filmaussage, trotz wiederkehrenden Todesmotivs, wurde denn auch in den französischen Reaktionen besonders herausgestellt. Einzelne gingen dabei so weit, Akin wegen seiner „Naivität“ und seines „Idealismus“ in Sachen Kulturbegegnung und Völkerverständigung zu kritisieren. Die Auffassung, dass er mehr beweisen als zeigen wolle und seine Figuren wie Pappkameraden in einen idealistisch determinierten Handlungsablauf schicke, wie der Kritiker des Magazins „Les Inrockuptibles“ bemängelte, wird jedoch von den wenigsten geteilt.

          Fatih Akin hält den Norddeutschen Filmpreis für „Auf der anderen Seite” in Händen
          Fatih Akin hält den Norddeutschen Filmpreis für „Auf der anderen Seite” in Händen : Bild: dpa

          Der Film überzeuge mit seiner brillant angelegten Handlung vielmehr gerade durch emotional starke Szenen ohne alle Rührseligkeit, lautet das wiederkehrende Lob, das besonders auf Akins Kunst der Auslassung und Andeutung hinweist: Der Film beschreibe sachlich ein sehr zeitgemäßes Deutschland und kritisiere einfühlsam eine in ihrer Geschichte noch nicht stabile Türkei. Zu einem Zeitpunkt, schreibt die Zeitung „Libération“, „wo man sich bei uns auf nationale Gentests versteift, trifft uns dieser Film ins Herz und an den Kopf“.

          Mit alter Erwartung und neuer Gespanntheit

          Dass der türkischstämmige Nejat an einer deutschen Universität über Goethe doziert und dann in Istanbul eine deutsche Buchhandlung führt, scheint die Franzosen nicht weiter zu erstaunen - zu sehr hat man sich wohl daran gewöhnt, dass libanesische oder algerische Gelehrte über französische Klassiker bestens Bescheid wissen. Mit besonderem Nachdruck wird hingegen auf die Gegenwart Hanna Schygullas im Film als deutsche Adoptivmutter einer türkischen Untergrundkämpferin hingewiesen.

          Neben der schauspielerischen Leistung - „strahlend vor Weitherzigkeit“ (Le Monde) - wird vor allem die Person der Hanna Schygulla als Gefährtin und Darstellerin von Fassbinder erwähnt. Damit ist für die mittlere und ältere Generation französischer Kinogänger der Bogen dazu geschlagen, wie es mit dem deutschen Kino einmal war und wie es wieder werden soll. Verleiher wie Kinobesucher beginnen in Frankreich mit alter Erwartung und neuer Gespanntheit auf das zu blicken, was aus Deutschland kommt. Deutsche Nachwuchsautoren werden sich an diesen Vergleich gewöhnen müssen oder dürfen.

          Quelle: F.A.Z., 20.11.2007, Nr. 270 / Seite 37

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