17.08.2007 · Jessica Alba ist viel zu schön, der Silver Surfer zu elegant und das „Ding“ trägt lange Hose statt Windel: Tim Story setzt mit seiner Comicverfilmung „Fantastic Four 2 - Rise of the Silver Surfer“ aufs falsche Pferd.
Von Andreas PlatthausKein anderer Superheld ist derart Kind der sechziger Jahre wie der Silver Surfer. Als Jack Kirby 1966 den Kampf der Fantastischen Vier gegen eine planetenverschlingende außerirdische Macht namens Galactus inszenierte, zeichnete er aus Begeisterung für die damals zum Inbegriff von Freiheit und spielerischer Leichtigkeit verklärten amerikanischen Surfer den Kundschafter des grässlichen Galactus als silbermetallicglänzenden kosmischen Wellenreiter.
Stan Lee, zusammen mit Kirby Erfinder der Fantastischen Vier und Autor sämtlicher ihrer Abenteuer, zeigte sich von dem Einfall seines Zeichnerkollegen so beeindruckt, dass er der neuen Figur einen selbst für seine Verhältnisse ungewohnt melodramatischen Ursprung verpasste: Der schwebende Späher hatte sich nur deswegen in den Dienst von Galactus begeben, um seinen eigenen Planeten zu retten. Und nun brachten ihm die Fantastischen Vier bei, die Erde zu lieben.
Selbstlosigkeit und Eleganz
Ein Held von solcher Selbstlosigkeit und Eleganz kommt dem Kino gerade recht. Man muss staunen, dass er im Zuge des Booms der Comicverfilmungen, der 1989 mit Tim Burtons „Batman“ seinen Anfang nahm, nicht schon viel früher sein Leinwanddebüt gab. Aber als Nebenfigur der Fantastischen Vier zählte der Silver Surfer zum Gesamtpaket einer Serie, an der Bernd Eichinger die Filmrechte erworben hatte - zu einem Zeitpunkt, als der Megaerfolg der „Spider-Man“- und „X- Men“-Kinoadaptionen noch in weiter Ferne lag. Vielmehr galten diese psychologisch allesamt angeknacksten Superhelden aus dem Verlagshaus Marvel in Hollywood als heikel im Vergleich zur DC-Konkurrenz wie Superman oder Batman. Da überließ man dem wagemutigen deutschen Produzenten selbst den amerikanischen Mythos der Fantastischen Vier.
Vor zwei Jahren machte Eichinger dann Ernst und ließ nach einem nie in die Kinos gelangten Vorläufer, der allein deshalb 1994 gedreht worden war, um die Vertragsbedingungen zu erfüllen und sich die Rechte weiterhin zu sichern, die große Hollywoodtrickmaschinerie auf den Stoff los. Der Gummimann Mr. Fantastic alias Reed Richards? Kein Problem dank Computertechnik. Gleiches galt für Susan Storm mit ihrer Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, für deren Bruder Johnny, der als lebende Fackel auch noch fliegen kann, und den unglücklichen Ben Grimm, der sich in ein steinernes Kraftpaket namens „das Ding“ verwandelt hat.
Gezielt eingesetzte Trash-Ästhetik
Der Charme des ersten Teils der „Fantastischen Vier“ (siehe: Im Kino: „Fantastic Four“) lag aber weniger in der Perfektion seiner Tricksequenzen als darin, dass es Regisseur Tim Story gelungen war, den Humor der Comics ebenso zu bewahren wie das naive Erscheinungsbild der frühen sechziger Jahre: „Fantastic Four“ erwies sich gerade nicht als Hochglanzprodukt, sondern als Film mit gezielt eingesetzter Trash-Ästhetik. Die Kritiker standen nach den Effektspektakeln von „Spider-Man“ und Konsorten diesem Rezept einigermaßen hilflos gegenüber; das Publikum aber goutierte es umso mehr, und deshalb konnte eine Fortsetzung nicht lange auf sich warten lassen. Als besonderen Clou beschert uns Eichinger, der erneut Story mit der Fertigstellung betraut hat, nun den Silver Surfer.
Doch der erweist sich als die Crux von „Fantastic Four 2 - Rise of the Silver Surfer“. Konnte der erste Film der dunklen Erscheinung seiner vier Protagonisten trotz beschränkter Mittel noch etwas Glanz verleihen, ist die Figur des Surfers viel zu elegant, als dass man hier nicht mit allen Mitteln tricksen müsste, die der Rechner hergibt. So sehen wir den stromlinienförmigen Schweiger graziös durch luftige Gefilde schweifen, doch der Charme der tumben Simulation, die etwa die Flugaktionen der Fackel auszeichnet, fehlt ihm völlig. Deshalb kann man den Kampf zwischen den Fantastischen Vier und dem Surfer, der ohnehin schließlich in einem Bündnis gegen Galactus mündet, im Film niemals ernst nehmen - wie um Himmels willen sollten diese vier Grobarbeiter gegen den Filigranflugtechniker bestehen können?
Vielzahl von Stoff
Zudem haben die Drehbuchautoren eine solche Vielzahl von Stoff aus der langlebigen Comicserie in die neunzig Minuten gepackt, als wollten sie alles Pulver verschießen, das die Fantastischen Vier zu bieten haben. Der Kampf mit dem Erzschurken Dr. Doom wird wiederaufgenommen, als habe man mit dem weltenverschlingenden Galactus noch nicht genug auf dem Hals. Die Hochzeit zwischen Mr. Fantastic und der Unsichtbaren, auf die die Comicleser vier Jahre lang warten mussten, findet gleichfalls statt, allerdings hat man sich die legendäre Festversammlung mit einundzwanzig geladenen Superhelden und einundzwanzig ungeladenen Superschurken im Film gespart. Der einzige Superheld, der außer den Fantastischen Vier zur Feier erscheint, ist der mittlerweile fünfundachtzigjährige Stan Lee, der noch in jedem Film, der auf seinen Comics beruht, einen Gastauftritt absolviert hat. Als er indes dem Herrn am Empfang seinen Namen nennt, lacht der ihn aus und schickt ihn als Hochstapler fort. Das ist nicht besonders subtil, aber wer Lees Eitelkeit kennt, wird sich an der Ironie der Szene erfreuen.
Der Rest des Films bietet eine zusammengestoppelte Handlung, in der es um nichts Geringeres als die Rettung der Welt geht, die aber wie üblich hinter den privaten Malaisen der Fantastischen Vier zurücktritt. Beim zweiten Mal ist jetzt allerdings das entsprechende Überraschungsmoment weg, und nun kann man sich darauf konzentrieren, was die Verfilmung den Comics alles schuldig bleibt.
Zuvorderst fehlen ihr Akteure, die den existentiellen Problemen des Heldenquartetts gerecht würden. Jessica Alba ist einfach zu schön für Susan Storm, Ioan Gruffudd zu jung für Reed Richards, Chris Evans dagegen zu alt für Johnny Storm, und auch wenn Michael Chiklis als Ben Grimm dem Weltschmerz der Figur freien Lauf lässt, ärgert doch die Feigheit der Filmemacher, seinem Ding statt der im Comic üblichen Windel eine lange Hose angepasst zu haben. Die Dreistigkeit der Sechziger ist offenbar schwieriger wiederzubeleben als ihre Ikonen.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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