05.05.2007 · Vor der Präsidentenwahl am Sonntag diskutiert ganz Paris über die Frage „Royal oder Sarkozy?“ - auch die Sängerin und Schauspielerin Charlotte Gainsbourg. Wir treffen die Tochter des legendären Chansonniers Serge Gainsbourg im Café in der Rue Montalembert.
Am Sonntag findet in Frankreich die Präsidentschaftswahl statt. Ganz Paris diskutiert über die Frage „Royal oder Sarkozy?“ - auch die Sängerin und Schauspielerin Charlotte Gainsbourg. Wir treffen die Tochter des legendären Chansonniers Serge Gainsbourg im Café in der Rue Montalembert. F.A.Z.
Gleich zu Beginn die Frage, die sich in Frankreich alle stellen: Nicolas Sarkozy oder Ségolène Royal?
Ich fühle mich eher zum linken Flügel hingezogen. Aber ich fühle mich leider nicht wohl bei der Vorstellung, mich parteipolitisch zu engagieren. Ich weiß auch nicht, warum ich solche Schwierigkeiten damit habe. Ich habe Überzeugungen, ich mag Menschen, die sich politisch engagieren.
Es gibt viele Sänger, die für einen der Kandidaten Partei ergriffen haben - Henri Salvador und Johnny Hallyday unterstützen den konservativen Sarkozy; Renaud, Georges Moustaki, Yannick Noah, Grand corps malade und Indochine spielen für Ségolène Royal.
Ja. Und ich bin nicht dabei. Vielleicht ist das schlecht. Ich fühle mich ehrlich gesagt auch wie ein Feigling. Aber es gibt keinen Politiker, in dem ich meine Überzeugungen wiederfinde. Ich hätte auch, was gerade viele gemacht haben, ein Album aufnehmen können, das sich direkter mit der gesellschaftlichen Situation befasst. Aber ich habe das andere Extrem gewählt. Ich habe mit „5.55“ ein sehr intimes Album aufgenommen.
„5.55“ ist ihr erstes eigenes Album. Sie haben es mit Nigel Godrich, Nicolas Godin und Jean Benoît Dunckel von der französischen Band „Air“ produziert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Ich hatte Nicolas und Nigel bei einem Radiohead-Konzert in Paris getroffen. Wir haben dann viel geredet. Ich wusste nicht, was da auf mich zukam, ich wusste nur, dass ich auf Englisch singen wollte.
Warum nicht auf Französisch?
Das ist zu dicht an meinem Vater. Ich wusste, wenn ich ein Wort hinschreiben würde, dann würde ich sofort sagen - o.k., er hat es so und so in diesem oder jenem Song benutzt, jetzt kann ich es nicht mehr nehmen. Ich liebe so sehr, was er gemacht hat. Es ist ohnehin schon ein Problem, dass ich immer denke - was er da gemacht hat, ist so viel besser als alles, was ich schaffen kann. Darum auf Englisch.
Und warum mit „Air“?
Als das erste Album von „Air“ damals rauskam, war das so großartig, so neu! „Air“! Und dabei mochte ich bis dahin elektronische Musik überhaupt nicht.
Sondern . . .
Ja, ich war mehr für Pop zu haben. Und ich hörte meine Oldies, die ich mir bewahrt habe aus der Zeit, als ich ein Kind war: Elvis, Syd Barrett, Pink Floyd.
Welche Pink-Floyd-Songs wurden denn zuhause bei Gainsbourgs gehört?
„The Wall“ war mein Lieblingslied. „The Wall“ ist der Wahnsinn, wenn man Kind ist. Dieses Lied hat mich durch mein Leben begleitet. Na, und später habe ich viel Radiohead gehört, und dann „Air“. Das war eine Entdeckung, das war ganz unvergleichlich . . .
Wie war die Zusammenarbeit - Sie schrieben die Texte, „Air“ die Musik?
Ich hatte ein Paar Themen im Kopf, ein paar Wörter. Die Nacht sollte ein wichtiges Thema sein. Eigentlich wollte ich, dass das Album eine Story erzählt, in Kapiteln, die Songs waren, die Geschichte einer Nacht.
So wie ein Film?
Ja, genau.
Sie haben zur Vorbereitung des Albums, statt mit „Air“ am Klavier zu komponieren, im Studio auch gemeinsam Filme angeschaut.
Das stimmt. Ich hatte versucht, Texte zu schreiben. Aber ich bin kein Schreiber - also brachte ich die beiden Filme mit. Ich sagte: Schaut euch diese Szene an, so wie die Stimmung da ist, so soll mein Song klingen.
Was für Filme waren das?
„Der Zauberer von Oz“ von 1939 mit Judy Garland. „Shining“ war wichtig, auch wenn man das nicht denkt. Wenn Sie das Album hören, denken Sie: Wo bitte ist die Verbindung zu „Shining“? Aber es gibt sie - diese ungewisse Atmosphäre, das Gefühl einer Bedrohung, ein Kind, in dessen Kopf man nicht hineinsehen kann, all das ist als Grundton in das Album eingegangen. Ein anderer ganz wichtiger Film war „Die Nacht des Jägers“ mit Robert Mitchum. Das war ein Film, mit dem „Air“ viel anfangen konnte.
Es ging also um die Übersetzung von Bildern in Musik?
Ja. Ich konnte mit „Air“ nicht über Musik sprechen, ich konnte nicht sagen: Hier muss noch mal mehr Gitarre hin. Die einzige Sprache, die ich beherrsche, ist die Sprache von Filmbildern. Ich wollte die Atmosphäre der Nacht wie in „Die Nacht des Jägers“.
War Literatur auch eine Quelle?
Nicht so sehr. Obwohl ich auch meine alten Lieblingsbücher durchgeschaut habe. Henri Michaux . . .
. . . der Ex-Surrealist, der seine bekanntesten Bücher unter Meskalin-Einfluss geschrieben hat . . .
. . . und dann habe ich versucht, selbst Texte zu schreiben, auf Englisch. Aus den Texten wurde der „Morning Song“. Außerdem habe ich ein bißchen etwas über meine Kinder geschrieben, die neun und vier Jahre alt sind, das taucht in dem Song „Little Monsters“ wieder auf.
Will Ihr Sohn, der neun Jahre alt ist, eigentlich auch mit Ihnen auftreten, so wie Sie es mit ihrem Vater getan haben, als Sie zwölf waren?
Für mich war das damals ganz normal, mit meinem Vater zu singen. Ich wuchs wie ein normales Kind auf. Ich wusste zwar, dass mein Vater Musik macht, ich liebte sein Lied „L'ami caouette“, aber wie wichtig er war, begriff ich erst viel später.
Waren Sie als Kind dabei, wenn er Songs schrieb?
Ja, aber wir durften nicht an den Flügel. Da war er pingelig. Ich erinnere mich aber, dass er mich einmal, da muss ich noch sehr klein gewesen sein, auf seinen Schoß genommen hat. Das war nicht zu Hause, sondern in einer Bar, in der ein Klavier stand. Und er hat meine Finger genommen und auf die Tasten gedrückt und eine Melodie gespielt. Mir taten meine Finger weh, weil er so hart drückte, aber es machte solchen Spaß!
Und seitdem wollten Sie Musikerin werden?
Richtig Klavier zu spielen lernte ich erst, als sich meine Eltern trennten. Als wir noch zusammenwohnten, wollte mein Vater nicht, dass ich Klavier spiele, deswegen hatte meine Mutter mir eine Geige gekauft, aber mit der durfte ich auch nie üben, weil es so furchtbar klang. Geigen klingen die ersten Jahre grauenhaft. Ich habe meine Geige dann immer nur angeguckt und in den Arm genommen. Sie roch so gut.
Und dann kam Ihr Duett „Lemon Incest“, das 1983 einen Skandal auslöste.
Ja. Da war ich zwölf, meine Stimme änderte sich gerade. Mein Vater mochte diese kleinen Brüche in meiner Stimme, er wollte mit mir ein Lied aufnehmen.
Hatte Ihr Vater Ihnen erklärt, worum es in dem Lied geht? Heute, nach dem ganzen Missbrauchsfällen, wirkt der Titel ja doch ein bißchen beklemmend.
Ich wusste damals schon, was Inzest bedeutete, so naiv war ich nicht. Ich wusste, dass er die Menschen provozieren wollte, dass ihm das Spaß machte. Aber in dem Song ist ja ganz klar die Rede von einer Liebe, die wir nicht miteinander machen. Es war provokant, von Inzest zu reden, aber es war auch klar, dass es nicht um uns ging. Ich wusste, dass es einen Riesenskandal gab, als das Lied rauskam, aber ich bekam damals nicht soviel mit, ich war in einem Internat in der Schweiz.
Wollten Sie damals schon Sängerin werden?
Eher nicht. Ich hatte, mit vierzehn, ja auch meine erste Erfahrung als Schauspielerin in dem Film „Paroles et musique“. Und als ich achtzehn war, ging ich auf eine Kunstschule, auf die Académie Charpentier. Ich habe zeichnen gelernt und Kunstgeschichte, ich wollte auf die Académie des Beaux-Arts . . .
. . . so wie Ihr Vater, der ja bei Fernand Léger malen lernte, mit Dalí befreundet war und erst 1958, mit dreißig, die Malerei aufgab und durch Boris Vian zum Chanson kam . . .
. . . obwohl mein Kunstgeschmack damals sehr klassisch war. Ich liebe Bonnard. Ich finde seine Kunst wunderbar - das klingt idiotisch, aber es gibt etwas Spezielles bei ihm . . .
Die lilafarbenen Schatten?
Ich weiß es nicht. Ich wollte malen, und dabei wollte ich immer dicht an der Realität sein, also entstanden eher keine abstrakten Gemälde. Überhaupt hatte ich immer Probleme mit Farben. Aber ich zeichne immer noch. Nicht jeden Tag. Aber manchmal.
Und was zeichnen Sie?
Meine Kinder, schlafend. Wenn ich meine Kinder zeichne, versuche ich so wenig Linien wie möglich aufs Papier zu setzen. Ich will sie mit ganz wenigen Linien erfassen.
Gibt es da eine Verbindung zu ihren Liedern?
Ja. Man muss, beim Komponieren wie beim Zeichnen, rechtzeitig stoppen. Wenn man zu lange an etwas arbeitet, sieht es langweilig und überproduziert aus, das kann man bei den Porträtzeichnern auf dem Montmartre sehen. Und manchmal ist Abstand gut. Das Album musste ich, was gutgetan hat, ein paar Monate lang unterbrechen, um meinen Film zu drehen, „The Golden Door“ . . .
Ein Film, in dem Sie erst mal gar nicht zu erkennen sind! Sie haben in der Rolle karottenrote Haare . . .
Ich spiele eine Engländerin. Es geht um italienische Immigranten, die nach Amerika kommen. Es ist ein Film, der von Menschen handelt, die ihre Kultur aufgeben für einen amerikanischen Traum, der nachher ganz anders aussieht.
Auch Sie wollten doch vor kurzem noch auswandern, oder?
Wir wollten mal nach New York gehen. Aber dann, als alles geplant war, bin ich ausgeflippt. Ich wollte doch nicht. Ich muss in Paris bleiben. Ich mag es hier, obwohl die Pariser immer murren über Paris.
Das machen die Berliner auch. Es ist geradezu eine Hauptbeschäftigung der Berliner, sich über Berlin zu beklagen.
Berlin ist überhaupt eine seltsame Stadt, nicht wahr? Ich war zum ersten Mal dort, als ich den Film „Der Zementgarten“ gemacht hatte, kurz nachdem die Mauer gefallen war. Und dann war ich nochmal vor ein paar Monaten da, um mein Album vorzustellen. Wenn man von außen kommt, versteht man überhaupt nicht, wie Berlin funktioniert. Das Holocaust-Mahnmal neben dem rekonstruierten Hotel Adlon. Eigenartige Mischung. Aber trotzdem ist es eine großartige, starke Stadt, das spürt man. Und ich habe diesen Film gesehen, „Das Leben der Anderen“. So ein phantastischer Film. Wer ist noch mal der Regisseur? Was ist das für einer?
Charlotte Gainsbourg möchte jetzt alles über Florian Henckel von Donnersmarck wissen: Ob er sympathisch sei. Ob er, trotz seines lauten Auftretens, so sensibel sei wie sein Film. Im Hintergrund spielen sie Frank Sinatra, draußen wird es vorsommerlich heiß, die Sonne scheint auf die eingestaubte Sandsteinfassade. Im Radio melden sie, die Rapperin Keny Arkana sei entsetzt, dass der rechtsradikale Front National ihren Hit „La Rage du Peuple“ für seinen Wahlkampf eingesetzt hat. Charlotte Gainsbourg trinkt ihr Evian aus, überquert die Rue Montalembert und verschwindet hinter einem Plakat, auf dem Ségolène Royal zuversichtlich in die Ferne grinst.
-Charlotte Gainsbourg wird am 21. Juli 1971 in London geboren. Ihr Vater ist der berühmte französische Chansonnier und Schriftsteller Serge Gainsbourg, ihre Mutter die Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin. Sie wächst in Paris auf, wo sie noch heute lebt.
-Mit 13 Jahren nimmt sie mit ihrem Vater den Song „Lemon Incest“ auf. Im selben Jahr gibt Charlotte Gainsbourg in dem Film „Paroles Et Musique“ an der Seite von Catherine Deneuve ihr Schauspiel-Debüt.
-1986 wird sie für ihre Rolle in dem Film „L'Effrontée“ mit einem „César“ ausgezeichnet und veröffentlicht mit ihrem Vater das Album „Charlotte For Ever“.
-Am 2. März 1991 stirbt ihr Vater und damit, wie sie sagt, ihre „Freude an der Musik“.
-2000 wird sie für ihre Rolle in „La Bûche“ mit einem weiteren „César“ ausgezeichnet.
-Zusammen mit der Band „Air“ und Jarvis Cocker produziert sie 2006 ihr Album „5.55“. Ihr neuester Film, „The Golden Door“, in dem sie eine Engländerin auf einem Emigrantenschiff spielt, kommt am 31. Mai in die deutschen Kinos.