07.07.2010 · Am 24. Juli sollen weltweit Menschen einen Tag ihres Lebens filmen. Oscar-Preisträger Kevin Macdonald wird das Ergebnis zu einem Film verarbeiten, Ridley Scott produziert. Hier erklärt der englische Regisseur die Idee hinter seinem Globalfilm.
Mr. MacDonald, was haben Sie am 24. Juli vor?
Wir wollen eine neue Art von Dokumentarfilm machen. „Life in a Day“ lautet sein Titel, und normale Menschen von überall auf dem Globus sollen uns das Material dazu liefern, so dass ein Selbstporträt der Welt an diesem 24. Juli entsteht. Wir rufen alle Menschen auf, einen Aspekt ihres Lebens an diesem Tag zu filmen. Den sollen sie online stellen, und ich werde aus diesen Beiträgen eine Dokumentation schneiden. Wenn man dann in der Zukunft den Film „Life in a Day“ sieht, wird man wie in einer Zeitkapsel darüber informiert, wie es war, am 24. Juli 2010 zu leben.
Wer ist auf diese Idee gekommen?
Ich habe das Konzept auf Anregung von Youtube gemeinsam mit dem Filmregisseur Ridley Scott und seiner Londoner Produktionsfirma Scott Free entwickelt. Für mich ist es vor allem eine künstlerische Herausforderung. Wir verfolgen keinerlei kommerzielle Ziele und erwarten auch keinen Kassenerfolg. Wir nutzen Möglichkeiten und Macht eines Giganten wie Youtube, um dieses rein künstlerisch motivierte Vorhaben umzusetzen.
Wie wird die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ridley Scott aussehen?
Ich werde der Regisseur des Films sein, Ridley Scotts Firma produziert. Wobei man nicht von einem Regisseur im klassischen Sinne reden sollte, denn ich kann ja nur arrangieren, was zugeliefert wird. Ich verstehe mich also mehr als eine Art Dirigent. Oder als Organisator, denn jetzt lautet meine Aufgabe erst einmal, das Projekt bekanntzumachen, damit möglichst viele Menschen davon erfahren und teilnehmen. Nach dem 24. Juli werde ich dann die vielen hundert Stunden Material, die hoffentlich eingereicht werden, sichten und daraus einen Film bauen. Wenn die ganze Welt mitfilmt, habe ich aber den Großteil der Kontrolle über das Vorhaben eingebüßt. Normalerweise streben Regisseure ja danach, sich so viel Kontrolle wie nur möglich zu sichern.
Sie haben Ihre Karriere als Dokumentarfilmer begonnen, dafür im Jahr 2000 auch einen Oscar gewonnen, seit einigen Jahren aber nur noch Spielfilme gedreht. Kehren Sie mit „Life in a Day“ nun zu Ihren Wurzeln zurück?
Ich liebe das Metier des Dokumentarfilms. Er ist in der Lage, über das Leben von Individuen Dinge zu erzählen, die eine Figur in einem Spielfilm gar nicht ausdrücken kann. Das Leben echter Menschen ist doch immer noch das Außergewöhnlichste, was wir uns vorstellen können. Man kann deshalb in Dokumentationen seltsamere und auch interessantere Geschichten erzählen als in Spielfilmen.
Weshalb haben Sie sich den 24. Juli als konkreten Tag ausgesucht?
Im Englischen steht die Zahlenkombination 24/7 für Öffnungszeiten rund um die Uhr, sie hat also einen allumfassenden Anspruch. Dann sind an diesem Datum noch nicht allzu viele Menschen im Urlaub, aber die Fußballweltmeisterschaft ist schon vorbei. Und es ist ein Samstag. Wir dachten, da haben die Menschen mehr Zeit für eine solche Aktion als an einem gewöhnlichen Werktag.
In Deutschland läuft an diesem Tag in Duisburg die Loveparade. Sie dürften einige Filme zu diesem Thema erhalten.
Das wäre gut.
Was erwarten Sie sich von den Filmen, die ja jeweils nur einen Aspekt des Lebens am 24. Juli abbilden sollen?
Mir wäre es am liebsten, jeder Teilnehmer würde zehn bis zwanzig Minuten Film abliefern. Es kann sich dabei um ganz einfache Dinge handeln: etwa einen schönen Ausblick aus dem Fenster, wenn jemand morgens erwacht, eine Zugreise oder die Zubereitung eines Essens für die Familie. Es könnte aber auch ein politisches Statement sein, zum Beispiel zu einer Umweltkatastrophe oder den Schrecken des Krieges in Afghanistan. Es kann sich eigentlich um alles handeln, aber mir kommt es darauf an, aus dem jeweiligen Detail etwas Spezifisches über individuelles Leben zu erfahren. Ich glaube, dass in diesen Filmen jeweils ausgedrückt wird, was für die Menschen, die sie gemacht haben, besonders bedeutsam ist oder was sie besonders schmerzt. Vieles, was uns belanglos erscheinen mag, wird sich als wichtig für andere erweisen.
Ihr Ziel ist eine weltweite Beteiligung. Wie wollen Sie das ermöglichen: Es gibt doch viele Regionen, in denen zahlreiche Menschen keinen Netz-Zugang haben, geschweige denn eine Digitalkamera?
Wir werden über kleine, lokal gut etablierte Hilfsorganisationen fünfhundert Digitalkameras in ärmeren Ländern wie zum Beispiel Papua-Neuguinea, Bolivien und mehreren afrikanischen Staaten verteilen lassen, damit man auch dort Filme drehen kann. Die benutzten Speicherchips werden dann sofort abgegeben, damit man die Kameras am selben Tag noch möglichst vielen weiteren Interessenten zur Verfügung stellen kann. Die Helfer schicken uns später die Chips nach London, so dass wir wirklich Beiträge aus der ganzen Welt erwarten dürfen.
Wie schnell werden Sie angesichts der von Ihnen erhofften Tausenden von Beiträgen zu einem Ergebnis kommen?
Der fertige Film soll auf dem nächsten Sundance-Filmfestival Premiere haben. Das findet Ende Januar statt, also habe ich fünf Monate dafür.
Das ist nicht gerade viel Zeit.
Na ja, vielleicht wird es auch erst Sundance 2012.
Das Sundance-Festival ist also auch an dem Vorhaben beteiligt?
Ja, sie waren sehr angetan von unserem Plan und halten einen Platz für den Film frei. Zu dessen Premiere auf dem Festival werden wir auch jene zwanzig Teilnehmer einladen, deren Filme Ridley Scott und mir am besten gefallen. Aber jeder, der mit seinem Beitrag in „Life in a Day“ vertreten sein wird, bekommt auch einen Eintrag als Co-Regisseur des Films.
Und werden auch Sie selbst am 24. Juli einen Aspekt Ihres Lebens filmen?
Natürlich.